“Ein Leben ohne Alkohol ist keine Qual. Es bedeutet Freiheit.” Interview mit der Journalistin, Autorin und Podcasterin Nathalie Stüben

Wie unterscheidet sich Dein Leben mit und ohne Alkohol?

Die letzten Monate, in denen ich Alkohol getrunken habe, sahen in etwa so aus: Arbeiten, Daten, Trinken, Schämen, Vollstopfen, Regenerieren, Arbeiten, Daten, Trinken, Schämen, Vollstopfen, Regenerieren, Arbeiten… Ich war gefangen in diesem Teufelskreis. Mein Selbstwertgefühl lag am Boden. Ich fühlte mich gehetzt, gereizt und ganz oft auch wertlos. Und ich hatte immer Angst, dass mir die Kontrolle bald endgültig entgleiten würde. Dass der Absturz, der alles zum Einsturz bringt, nicht mehr weit weg ist. Ich habe in einem permanenten Zustand von Bedrohung gelebt.

Und heute… Boah. Ich hab‘ auf Instagram letztens einen Spruch gelesen, der ziemlich gut beschreibt, wie sich mein Leben verändert hat seit meinem Entschluss, nie wieder zu trinken. Sinngemäß ging der so: Alles, wovon ich träumte, als ich Alkohol trank, erfüllte sich, als ich nüchtern wurde. Genauso ist es. Ich lebe heute ein Leben, das ich mag und in dem ich mich wohl fühle. Ich habe mir etwas aufgebaut, auf das ich wirklich stolz bin: Selbstvertrauen, eine harmonische Ehe, ein schönes, stabiles Zuhause für meine Tochter, eine Karriere, mit der ich mich identifizieren kann. Mein Körper ist nicht mehr schwammig und aufgequollen, sondern fit und gesund. Mein Geist funktioniert wieder einwandfrei. Im Großen und Ganzen bin ich mit mir im Reinen. Ich bin einfach wieder lebendig. Und das führt dazu, dass ich auch schlechten Tagen etwas abgewinnen kann. Die gibt es ja nach wie vor. Aber sie ziehen mir heute nicht mehr den Boden unter den Füßen weg.

Welche Strategien und Tools haben Dir besonders geholfen, um nüchtern zu leben?

Mein wichtigstes Tool waren US-amerikanische Podcasts, in denen Schicksalsgefährten darüber berichten, wie sie ihre Alkoholabhängigkeit überwunden haben. Das hat mir unglaublich geholfen, da habe ich mir viel abgeschaut und sehr, sehr viel gelernt. Außerdem habe ich mich mit der Rolle auseinandergesetzt, die Alkohol in unserer Gesellschaft spielt und die er für mich spielte. Und parallel dazu habe ich Podcasts zur persönlichen Weiterentwicklung gehört und diese Tools dann Schritt für Schritt in meinen Alltag integriert: Tagebuch schreiben, Dankbarkeit praktizieren, Affirmationen, Meditation, sowas. Am meisten aber hat mir die Erkenntnis geholfen, dass mir ohne Alkohol nichts, aber auch gar nichts fehlt. Dass alles besser ist, wenn er nicht in meinem Leben ist. Dass ich frei bin ohne ihn.

Ich musste erkennen, dass ich eine unaufgeregte, monogame Beziehung führen möchte. Dass ich Kuschelsex mag und keine wilden Dominanzspielchen.

Welche Vorstellung von Dir selbst musstest Du aufgeben, um das Leben zu führen, das Du jetzt führst? 

Ich hatte irgendwann ein absurdes Bild von mir selbst im Kopf, dem ich hinterherlief. Das der männermordenden, furchtlosen Abenteurerin, die im Zweifel ganz alleine klarkommt und krasser ist als alle anderen. Rückblickend betrachtet war das wohl eine Kombination aus Stumpfheit und Schutzmechanismus. Stumpfheit, die entsteht, wenn man Alkohol trinkt und sich permanent selbst verleugnet. Und Schutzmechanismus, den man entwickelt, um den Rest von sich selbst, das, was noch übrig ist, doch noch irgendwie zu verteidigen. Dieses Bild von mir musste ich aufgeben, um ein neues Leben aufzubauen. Ich musste mir eingestehen, dass mir viele klassische Werte wichtig sind: Treue und Zuverlässigkeit zum Beispiel. Ich musste erkennen, dass ich eine unaufgeregte, monogame Beziehung führen möchte. Dass ich Kuschelsex mag und keine wilden Dominanzspielchen. Dass ich lieber wandern und ein Stück Kuchen essen gehe als nachts durch indische Slums zu laufen. Dass mir Routine gefällt. Dass ich Ruhe mag.

Was ist der Unterschied zwischen psychischer und körperlicher Abhängigkeit?

Wer körperlich abhängig ist, dessen Körper ‘braucht’ Alkohol, um ‘normal’ zu funktionieren. Also sobald Du zum Beispiel schwitzt oder anfängst zu zittern, wenn Du eine Zeit lang nicht trinkst, bist Du körperlich abhängig. Für die psychische Abhängigkeit gibt es zwei Kernkriterien, an denen Du erkennen kannst, ob das auf Dich zutrifft. Das ist zum einen der Kontrollverlust, heißt, wenn Du einmal anfängst zu trinken, kannst Du nicht mehr aufhören. Zum anderen ist es dieses unglaubliche Verlangen zu trinken, auch bekannt als „Craving“.

Woran hast Du gemerkt, dass Du abhängig bist?

Ich habe nicht jeden Tag getrunken, aber zuletzt habe ich mich alle drei bis vier Tage bis zur Besinnungslosigkeit abgeschossen. Sobald ich anfing zu trinken, konnte ich nicht mehr aufhören. Dieses Kriterium der psychischen Abhängigkeit erfüllte ich also mustergültig. Mir war damals aber nicht klar, dass das ein Kriterium für Abhängigkeit ist. Klar, ich hab‘ gespürt, dass ich ein Problem habe. Wer immer und immer wieder morgens aufwacht und Panik bekommt: Wo ist mein Handy? Wo ist mein Portemonnaie? Wer ist das neben mir? Was sind das für Risse in meinem neuen Mantel? Was sind das für Hämatome auf meinen Beinen? Wer so aufwacht, der hat natürlich ein Problem. Ich habe mich aber lange der Illusion hingegeben, dass ich irgendwie lernen kann, moderat zu trinken. Dass ich es irgendwie kontrollieren kann, wenn ich mich nur wirklich zusammenreiße. Wir leben ja in einer Gesellschaft, in der diejenigen, die nicht trinken ‘können’, die es nicht ‘schaffen’, moderat zu trinken, wie Aussätzige behandelt werden. Das wollte ich auf keinen Fall. Deswegen probierte ich das immer und immer wieder: Ab heute nur noch ein Glas, ab heute nur noch Rotwein, ab heute nur noch einmal die Woche zwei Gläser usw. Das funktionierte dann für ein paar Tage oder Wochen, dann kam der nächste Totalabsturz. Und mit jedem Mal wurden die Abstürzte heftiger. Dass ich per definitionem abhängig war, wurde mir dann klar, als ich anfing, Fachliteratur zu lesen. Da hatte ich’s dann schwarz auf weiß.

Photo credit: Seth Doyle/Unsplash

Ich werde mir nie mehr im Leben Dinge sagen, die mich limitieren und klein halten.

Würdest Du Dich als trockene Alkoholikerin bezeichnen?

Nein. Klassischer Lesart zufolge bin ich das, aber ich lehne beide Begriffe ab. Total. Ich bin der Ansicht, dass wir die Sprache, mit der wir Sucht beschreiben, dringend anpassen müssen. Fangen wir mal mit ‘trocken’ an. Trocken sind Kleinkinder, also Menschen, die nicht die komplette Verantwortung für ihr Leben übernehmen können, aber schon einen ganz, ganz tollen Schritt gemacht haben. Ich fühle mich infantilisiert, wenn mich jemand so bezeichnet. Das Wort Alkoholiker lehne ich vor allem ab, weil es mir selbst so gefährlich wurde. Ich hatte so, so große Angst, mich so bezeichnen zu müssen, dass ich mein Problem – auch nachdem ich es erkannt hatte – noch viele Jahre vor mir hergeschoben habe. Ich habe es lieber ignoriert und schöngeredet, als es anzugehen, weil das ja bedeutet hätte, dass ich mich dann ein Leben lang als Alkoholikerin bezeichnen muss. Das war meine ultimative Horrorvorstellung. Mir leuchtet der therapeutische Sinn hinter dieser Bezeichnung ein. Sucht ist hinterlistig, sie spielt uns irgendwann vor, dass wir’s im Griff haben. Sie romantisiert unseren Konsum und versucht auch noch Jahre später, uns wieder in den Sumpf zu ziehen. Da kann dieses Label, das man permanent wiederholt, mit dem man sich permanent identifiziert, als Stütze dienen, als mahnende Erinnerung. Ich persönlich kann mich mit diesem Label aber eben überhaupt nicht identifizieren. Ich funktioniere da anders. Ich will im Kopf haben, was ich sein will, was ich erreichen will. Ich sage mir: “Ich bin nüchtern. Ich bin stark. Ich bin frei.” Ich werde mir nie mehr im Leben Dinge sagen, die mich limitieren und klein halten. Das habe ich zu Alkoholzeiten schon zur Genüge getan. Insofern: Nein, ich bezeichne mich nicht als trockene Alkoholikerin. Wenn’s um diesen Teil meiner Vergangenheit geht, sage ich: Ich hatte ein Alkoholproblem, ich hab’s überwunden und ich sorge tagtäglich dafür, dass das so bleibt.

Denkst Du, dass ein nüchternes Leben zu führen zu einem neuen Trend/Lebensstil werden wird? (wie beispielsweise Veganismus und/oder Yoga)

Hach, das wäre ganz wunderbar. Nicht, weil ich von einer Gesellschaft träume, in der keiner mehr trinkt. Es gibt ja Leute, die trinken und kein Problem mit Alkohol haben. Mein Mann ist so einer. Der bestellt sich alle paar Monate mal ein Radler. Für ihn ist das wie Pfefferminztee. Der macht sich da überhaupt keine Gedanken drüber (lacht). Ich muss da immer wieder staunen, wie sowas überhaupt möglich ist. Für mich wäre das undenkbar gewesen. Und für all die anderen, für die das ebenfalls undenkbar ist, würde ich mir sehr wünschen, dass ein nüchternes Leben zum Trend wird. Einfach, weil dann in den Köpfen ankommen würde, dass es durchaus möglich ist, ohne Alkohol zu leben. Und weil es dann leichter wäre zu sagen: Alkohol ist nichts für mich. Also vielleicht würde ein solcher Trend dazu führen, dass die Menschen ihre Alarmglocken nicht so lange ignorieren wie ich das getan hab‘.

Hattest Du einen Sobriety – Mentor? 

Ich hatte Hunderte. Diese ganzen Personen, die ihre Scham überwunden und ihre Geschichte öffentlich erzählt haben, sei es in Büchern oder in Podcasts, das sind meine Mentoren. Ich bin ihnen so unendlich dankbar. Sie haben mir gezeigt, dass es möglich ist und wie es gehen kann. Das ist auch ein Grund dafür, warum ich meinen Podcast gestartet habe: Ich wollte dafür sorgen, dass es so ein Angebot auch auf Deutsch gibt. Dass diesem Thema, das auch hierzulande so unglaublich viele betrifft, dieses elende Stigma genommen wird. Wir tun ja in Deutschland förmlich so, als hätte abgesehen von ein paar Freaks kaum jemand ein Problem. Dabei ist es erschreckend verbreitet. Jeder von uns kennt jemanden, der ein Alkoholproblem hat. Dass wir das nicht sehen wollen, ändert nichts an dieser Tatsache.

Was war/ist dein krassestes „Learning“, seitdem Du nüchtern bist?

Oh, ganz klar: Ein Leben ohne Alkohol ist keine Qual, kein ewiger Kampf. Es bedeutet Freiheit.

Hier geht’s zu Nathalies Podcast Ohne Alkohol mit Nathalie.

Instagram: @nathaschka

Photo credits: Viktoriya Zayika

 

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