„Wenn du selbst keine grosse Geschichte aus deiner Nüchternheit machst, tun es alle anderen für dich“ – Tatiana

Im Alter von 21 Jahren habe ich mir zum ersten Mal eine Flasche Martini Bianco gekauft. Damals bin ich mit einer Kommilitonin aus Moskau zum Austauschsemester nach Deutschland gekommen. Vollkommend unerwartet und dringend musste sie ins Krankenhaus eingeliefert werden: Bei ihr wurde eine schwere Krankheit diagnostiziert. Ich habe meine Kommilitonin täglich im Krankenhaus besucht, musste dort mit Ärzten sprechen, obwohl ich damals nur sehr wenig von dem verstehen konnte, was sie sagten; die Abreise nach Moskau organisieren und studieren. Ich war alleine in einer fremden Stadt, konnte mich kaum verständigen und war jeden Abend so müde, dass ich mich, nachdem ich mein Zimmer im Studentenwohnheim betrat, nur hinsetzen und an die zerkratzte Wand starren konnte. Ich wusste nicht, wie ich mich dazu bringen konnte zu entspannen, denn als ich abends nach Hause kam war es zum Sporttreiben und für andere Dinge bereits zu spät. Für Aktivitäten, die mir sonst Spaß machen, wie basteln oder malen, hatte ich nach einem anstrengenden Tag einfach keine Lust mehr. An einem Abend habe ich mir also eine Martini-Flasche gekauft. Ich habe die Flasche mit in mein Zimmer genommen und ein oder zwei Gläser Martini alleine getrunken. Mit Eiswürfeln. Danach bin ich schlafen gegangen. Warum ich ausgerechnet Martini gewählt habe, weiß ich nicht, aber ich vermute, dass meine Wahl mit meiner damaligen Liebe zu „Sex And The City“ zu tun hatte: Carrie und Miranda haben ihre Cocktails oft aus Martini-Gläsern getrunken und das sah für mich sehr cool aus. Obwohl ich müde und traurig war, habe ich mir in meinem Kopf ein Bild von mir selbst als eine junge, eleganten Frau gemalt, die in ihrem schönen gelben Pullover (es war Winter und es war kalt) zu Hause sitzt und lässig und emanzipiert Martini aus ihrem schönen Martini-Glas trinkt. Das Gefühl, mich selbst so zusehen, war angenehm. Ob mir Martini damals geschmeckt hat, weiß ich nicht mehr, aber ich vermute, eher nicht. Lange Rede, kurzer Sinn: die Flasche stand eine ganze Weile auf einem Regal. Ab und zu habe ich etwas Martini mit Freunden getrunken, mehr war es damals aber nicht. Seitdem hat meine Beziehung zu Alkohol unterschiedliche Phasen durchlaufen, aber dramatisch war sie damals noch nicht. Erst 2017, als ich nach London gezogen bin, habe ich angefangen mir Gedanken über meinen eigenen Alkoholkonsum zu machen: meiner Einschätzung nach habe ich zu viel getrunken. Damals hatte ich ziemlich viele private Probleme, die ich – wie viele Jahre zuvor – mithilfe von Alkohol (in diesem Fall Wein und Cidre) lösen wollte. Mein damaliges Umfeld passte perfekt zu diesem Lebensstil, denn ich hatte den Eindruck, dass alle um mich herum genauso leben wie ich.
Photo credit: Tatiana Firsova
Jede Woche von Mittwoch bis Sonntag konnte ich überfüllte Pubs in unserem Londoner Bezirk beobachten. Zu traditionellen britischen Pubs gehört oftmals ein kleiner Garten und fast immer sind diese Gärten mit farbigen Blumen geschmückt. Im Sommer sind die Gärten überfüllt mit Menschen jeden Alters. Die Menschen sitzen oder stehen in den Gärten neben den farbigen Blumen und halten ihre Gläser in ihren Händen, sie essen, trinken und lachen. Die Musik ist laut und die Stimmung ähnelt der einer Party: der ganze Prozess des Alkoholgenießens sieht nicht nur von innen, sondern auch von außen schön aus. Aber schön im eigentlichen Sinne ist es gar nicht, zumindest nicht für jede*n. Ich habe es am eigenen Leib erfahren und ich habe mich vor mir selbst erschrocken: ich wollte weder psychisch noch physisch von Alkohol abhängig werden. Deswegen habe ich das Jahr 2018 nüchtern gelebt und habe überhaupt keinen Alkohol getrunken. Ich habe mit niemandem darüber gesprochen und keine große Geschichte daraus gemacht, denn das wollte ich nicht. Dabei habe ich festgestellt, dass, wenn du selbst keine große Geschichte daraus machst, es alle anderen für dich tun. Ich wurde ständig mit Fragen bombardiert, ob ich denn krank oder schwanger sei und warum ich eigentlich keinen Alkohol mehr trinken möchte. Am Anfang war es noch OK, aber bald habe ich angefangen, meine Geduld zu verlieren. Bei jedem Anlass musste ich stets meinen „nicht-Konsum“ begründen und erklären und das kostete Zeit und verdarb mir die Stimmung. Die Themen Nüchternheit und Leben mit einem kontrollierten, ausgewogenen Alkohol-Konsum haben mich also sehr bewegt. Im Januar 2019 startete ich meine eigene Recherche hierzu, denn ich musste ein Studienprojekt vorbereiten. Hierzu wollte ich den alkoholfreien Lebensstil – egal für wen und aus welchen Gründen auch immer – zu meinem Thema machen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits gewusst, dass es im englischsprachigen Raum sehr viele Bücher, Blogs und Communities hierzu gibt, welche das Leben ohne oder mit wenig Alkohol erleichtern. Im deutschsprachigen Raum gab es dagegen wenig bis gar nichts. Ich habe einige Beiträge zum Thema „Frauenalkoholismus“, einige Bücher (die erfolgreichste waren aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt) gefunden, mehr nicht. Ganz unerwartet bin ich auf Vladas Blog gestoßen. Ich habe sie umgehend kontaktiert und so fing eigentlich alles an: wir haben uns für me|sober. entschieden. Photo credit: Pedro da Silva

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