Fucking Tinder

P i mal Daumen tindere ich soeben seit ungefähr einer Woche. Ich weiß nicht, ob ich es hasse, oder einfach nur so tue, als wäre es mir egal. Ich weiß nicht einmal mehr, wie dieser Typ hieß. Auf alle Fälle lud er mich Samstagabend zu einem Chorkonzert in Berlin ein. Einfach so. Das fand ich sehr aufmerksam von ihm. Da ich momentan noch nicht in Berlin lebe, musste ich absagen und schlug Kaffee für in zwei Wochen vor („Schöntrinken“ geht ja jetzt nun nicht mehr). Er willigte ein. Kurz darauf schrieb er mir eine Nachricht, die ungefähr so formuliert war:

„Ich muss schon zugeben, Du siehst echt verdammt gut aus.“

(Ja und warum löscht du mich dann, du Vogel?) Ich muss zugeben, dass sich, kurz nachdem ich diese Nachricht gelesen habe, meine Magengegend krampfend zu Wort meldete. Der will nur vögeln, ist doch klar! Und der ist ein Anzugträger, also Vorsicht bitte! Bei näherem Betrachten seines Profils fällt mir auf, dass er nichts gegen das Verlieben hat, aber das er eigentlich quasi offen für Alles ist. Mayday! Das erklärt Einiges.

Nachdem er mir geschrieben hat, dass ich doch verdammt gut aussehe, überging ich mein Bauchgefühl und schrieb ungefähr so etwas:

„Danke! Das ist wirklich sehr nett von Dir. Ich bin nur etwas aus der Übung.“

Hihi. Um Gottes willen! Jetzt, wo ich mir meine eigenen Worte noch einmal selbst durchlese, klinge ich, wie ein kleines Mädchen und/oder altes Mütterchen. Ich bin nüchtern. Auch angetrunken konnte ich diesen ganzen „Dirty Talk“ nicht – oder nennt man das Komplimente machen? Ich meine, ich kenne die Person nicht einmal, warum sollte ich dann beschreiben, was ich trage, wie ich aussehe, worauf ich stehe oder dergleichen? Ich komme mir albern vor und ich frage mich, was das über mich selbst aussagt. Bin ich nicht lässig genug? Zu prüde? Aber wenn ich es doch albern finde, dann will ich es gar nicht erst machen. Ich kann nicht prüde sein, denn ich hatte schon oft Sex. Betrunken sehr oft, nüchtern weniger und ich fühle mich unfassbar gut damit.

Photo credit: Nathan Nichols/Unsplash

„Sober – Dating“ ist ein riesen Thema, wie ich finde. Eigentlich wollte ich, dass jemand „Dating – erfahreneres“ die Story übernimmt, aber dummerweise sind gefühlt alle vergeben. Also musste ich die Sache selbst in die Hand nehmen. Hierbei sei erwähnt, dass ich schon früher keine Dating – Expertin war. Schon gar nicht auf Tinder. Ich wusste beschwipst genauso wenig, wann der richtige Zeitpunkt ist, um nach rechts zu swipen.

Wenn ich mir die Typen so betrachte, dann wünschte ich mir manchmal, dass das Bild kurz einen Laut – oder besser noch einen ganzen Satz – von sich geben könnte, damit ich eine faire Entscheidung treffen kann. Ich möchte alles andere als oberflächlich sein und jedem Mann eine faire Chance geben. In meiner Auswahl bin ich jedoch sehr bedacht und das frustriert mich teilweise auch etwas. Ich möchte aber auf meine Bedürfnisse achten.

Früher habe ich mit Tinder versucht ein gebrochenes Herz zu betäuben. Also in erster Linie habe ich versucht das gebrochene Herz mit Alkohol zu betäuben und dann kam Tinder. Mit semi – gutem Erfolg. Eines meiner damaligen Tinder – Dates erzählte mir bei unserem ersten und einzigen Treffen seine komplette und sehr, sehr traurige Familiengeschichte. Nicht, dass ihr mich falsch versteht, ich bin sehr mitfühlen, aber bitte, bitte nicht beim ersten Date. Keine Exfreundinnen und keine Familiendramen. Bitte, bitte.

Mein zweites Tinder – Date habe ich unter den Tisch gesoffen. Das habe ich auch ohne Tinder ziemlich oft geschafft. Ich weiß nicht, ob ich damals stolz darauf war. Mir taten eher die Männer leid, denn die waren im Nachhinein immer sehr peinlich berührt. Nicht wegen mir, sondern wegen ihrer Übelkeit. Zugegebenermaßen hatten sie auch keine faire Chance. Mein Tinder – Date zwei war so erschrocken, dass ein randgefülltes Bierglas über unseren Tisch flog. Dann war das Date vorbei.

Bei Date Nummer vier kam es erst gar nicht zum Date. Ich wollte damals etwas kreativer sein, also wählte ich einen Künstler. Eigentlich war er Filmemacher aus den Niederlanden (oder so). Ich hoffte darauf, dass die Dinge anders laufen werden. Ich sollte ihm mein Facebookprofil schicken. Das tat ich natürlich. Daraufhin schrieb er eine Nachricht, die ungefähr so lautete:

„You know what, I don’t like people who don’t have pictures of themselves on Facebook. I think that means that you don’t look good. You are probably fat.“

Photo credit: Milan Vadher/Unsplash

Kurz und knapp heißt das ungefähr: Du hast keine Fotos bei Facebook, das heißt, du bist fett, also will ich dich nicht treffen. Das waren meine früheren Tinder – Erfahrungen. Der Rest war nicht der Rede wert.

Heute bin ich nüchtern und möchte der Sache noch einmal eine Chance geben. Ich kenne mich so schon nicht sonderlich gut aus im Daten, vor allem nicht nüchtern, also könnte das ziemlich spannend werden. Und da ich nicht weiß, wie ich darauf reagieren soll, wenn mir ein Mann im Supermarkt zweimal lächelnd entgegenkommt, probiere ich es mit der altbewährten Tindermasche. (Randnotiz: Eigentlich habe ich insgeheim dennoch die Hoffnung, dass mich zwischen Bananen und Apfelsinen mein Traummann findet.)

Ich gehe nach Plan vor, denn ich weiß heute und nüchtern, was ich will. Ich tue so, als suche ich einen Partner (denn ich suche einen Partner) aber versuche, die Sache nicht allzu ernst zu nehmen.

Der Plan ist:

  • Bedürfnisse wahr- und ernstnehmen
  • Keine ONS
  • 3 Dates
  • Ich höre auf mein Bauchgefühl
  • Sagen, was ich mir wünsche

No risk! No fun.

Zur Umsetzung:

  • Ich habe Tinder heruntergeladen
  • Ich habe Bumbel heruntergeladen
  • Auf der Straße angesprochen werden geht auch (Bitte lass mich auf der Straße angesprochen werden – „dream big“, sagt man doch)

Mein Profil:

  • Ich nutze nur natürliche Bilder, auf denen ich aussehe, wie ich aussehe
  • Profilbeschreibung:
    • Ich liebe vegane Eiscreme mit Stückchen
    • Ich lache über flache Witze, die niemand anderes lustig zu finden scheint
    • Früher war ich oft im Berghain tanzen. Heute gehe ich lieber im Park spazieren.
    • Ich muss meine Klamotten sofort wechseln, sobald ich einen Fleck darauf entdecke
    • Ich bin sehr wählerisch was Filme betrifft, aber bei Schnulzen muss ich heulen
    • Ich liebe einen Straßenhund

Let the Party begin.

Vlada Mättig. Photo credit: me|sober.

2 Comments

  1. Luana

    Sehr cooler Beitrag 😉 Ich bin übelst gespannt, was du alles berichten wirst!!
    Ich stärk dir mental den Rücken, denn in den sober-dating-jungle trau ich mich noch überhaupt nicht (was zieht man da an? woran krallt man sich fest, ohne vodka? wohin soll man gucken – etwa mit den eigenen klaren augen, in die eines fremden?? panic!).
    Von daher bin ich froh über eine Frau, wie dich, die da mutig voran schreitet! Ich folge dir… bald… 😉

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s