Entweder Du trinkst Gin oder Du musst sofort die Bar verlassen! Von Tatiana Firsova

N ach dem Abendessen hat meine Begleitung vorgeschlagen, zu Fuß in eine Bar zu gehen. Ich hatte nichts dagegen, denn ich mag Spaziergänge. Außerdem befand sich die Bar ganz in der Nähe meiner Wohnung. Es war bereits gegen 23.30 Uhr und ich war etwas müde. Innerlich habe ich mich doch schon sehr darüber gefreut, dass die Bar in meiner Gegend liegt. Als wir ankamen, waren alle Tische draußen besetzt, dementsprechend sind wir in die Bar hinein gegangen.

„Was trinkst du?“, fragte mein Begleiter.

Etwas alkoholfreies“, antwortete ich lächelnd.

„Komm‘, nimm einen Cocktail“, er lachte dabei und lehnte sich langsam gegen den Bartresen. „Ich trinke einen Gin“.

„Ich habe keine Lust“, antwortete ich.

„Habt ihr frischgemachte Getränke oder Limonaden?“ fragte ich, schaute dabei den Barkeeper an und lehnte mich ebenfalls gegen den Bartresen.

Der Barkeeper fing ganz entspannt an mir den Inhalt seines Kühlschranks aufzuzählen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass mein Begleiter langsam, aber sicher seine Geduld zu verlieren schien.

Sag mal, …“, sagte er und drehte sich in meine Richtung. Sein Gesichtsausdruck war bereits nicht mehr ganz so freundlich. – „… willst du mir jetzt sagen, dass wir eine ganze halbe Stunde lang zu Fuß in diese Bar gelaufen sind, nur, damit du hier Cola oder gar Milch trinkst?!“

Photo credit: Stijn te Strake/Unsplash

Zu diesem Zeitpunkt schwappte seine Ungeduld auf mich über und ich entgegnete genervt: „Meinst du, dass, wenn ich keinen Alkohol trinken möchte, ich diese Bar hier nicht betreten darf?! Was ist, wenn ich trotzdem in diese Bar möchte, weil ich die Atmosphäre gemütlich finde? Vielleicht will ich hier einen Film schauen, oder einfach nur quatschen?!“

Unser Dialog war damit beendet. Dadurch, dass draußen immer noch alle Tische besetzt waren, haben wir uns zwei Stühle genommen und sind an die frische Luft gegangen. Der Abend war herrlich, aber richtig gute Laune kam bei meiner Begleitung nicht mehr auf. Er trank zügig seinen Gin aus und machte sich eilig auf den Weg nach Hause. In letzter Minute hatte er sogar vorgeschlagen, einen Elektroroller zu nehmen –wahrscheinlich, weil es ihm zu diesem Zeitpunkt als die einzige Möglichkeit schien, seine Laune zu heben. Ich jedoch lehnte dankend ab.

Unsere europäische Gesellschaft ist Alkoholzentriert, wenn du keinen Alkohol trinkst, fällst du auf. Ein anderer Bekannter von mir hatte aus diesem Grund sogar schon Probleme im Büro: seine Kollegen schlossen täglich die Bürotür hinter sich und tranken gemeinsam Whiskey. Mein Bekannter ging derweilen nach Hause, schnürte seine Laufschuhe und lief ein paar Runden durch den Park. Mit der Zeit entwickelte sich bei seinen Kollegen eine bestimmte Zurückhaltung ihm gegenüber, wahrscheinlich, aufgrund ihres regelmäßigen Alkoholkonsums. Vielleicht dachten sie auch, dass er sie auf irgendeine Weise hintergehen möchte, was natürlich absolut nicht der Fall war. Jeden einzelnen Arbeitstag wurde er zum „gemütlichen“ Feierabendtrinken eingeladen und jeden einzelnen Tag wies er diese Einladung zurück, denn er wollte viel lieber Sport treiben und Filme schauen, anstatt in einer beklemmenden Atmosphäre zu sitzen, ein Glas nach dem anderen hinter zu kippen und langweilige Gespräche zu führen.

Wenn du keinen Alkohol trinkst, fällst du auf. Versuche doch einfach mal auf einer Party, oder zu einem Empfang, zu gehen und anstatt ein Glas Sekt, oder Wein, Wasser zu bestellen. Du wirst garantiert von einigen Personen schräg angeschaut werden und die gestellten Fragen werden kein Ende finden. Bei mir persönlich war es tatsächlich bisher nur zweimal so, dass ich den Menschen, die nicht zu meinem engeren Familien- und Freundeskreis gehören, nicht mühsam und lange erklären musste, warum ich keinen Alkohol trinke. Im ersten Fall hat meine Kollegin selbst fast gar nichts getrunken – jedes Mal, wenn wir in eine Bar gingen, bestellte sie sich ein Glas Weißwein, nahm ungefähr 3-4 Schlücke und den Rest trug der Kellner wieder zurück in die Küche. Sie kann man definitiv als „midnful drinker“ bezeichnen.

Im zweiten Fall hat ein Kumpel aus Moskau, kurz nachdem er gehört hat, dass ich keinen Alkohol trinken will, gesagt: „Und das ist richtig so. Ich habe mich auch dazu entschlossen, darauf zu verzichten“. Daraufhin diskutierten wir den ganzen Abend lang darüber, wie man dies in unserem alltäglichen Leben umsetzen kann.

In der ganzen Diskussion rund um das Thema Alkoholkonsum oder sogar Alkoholmissbrauch, gibt es außerdem noch einen weiteren wichtigen Punkt: die europäische Gesellschaft ist bis heute nicht bereit, offen zu diskutieren. Alkoholmissbrauch ist ein Thema, für das man sich immer noch schämen „muss“.

Dabei sollte es meiner Meinung nach ganz und gar nicht so sein. In unserer Gesellschaft reden wir ganz offen darüber, wie man am besten abnehmen kann, ob Pilates gegen Rückenschmerzen hilft und was mit dem Körper passiert, nachdem man auf Zucker verzichtet. Über Alkohol reden wir jedoch selten, weil wir uns dafür schämen. Wir wollen nicht, dass unser Gesprächspartner denken könnte, dass wir ein Alkoholproblem haben.

Und was ist, wenn ich kein Alkoholproblem habe? Wenn ich einfach nicht mehr so viel Alkohol trinken will, weil ich mich dadurch besser fühle und fitter bin? Und selbst wenn ich ein Alkoholproblem haben sollte, wäre es nicht besser, darüber zu sprechen? Es ist durchaus bekannt, dass Frauen beispielsweise sehr oft heimlich trinken, so, dass sogar ihre Männer und Familienangehörigen nichts davon mitbekommen. Vielleicht wären es ein oder zwei Problemtrinker*innen weniger, wenn wir öfter über Alkohol in dem Sinne sprechen würden, wie dieses Zeug beispielsweise unser Gewicht und unser Nervensystem beeinflusst und nicht in dem Sinne, welcher Wein am besten zu einem Steak passt.

Ich glaube, ich habe Recht und an dem Sommerabend habe ich eine Bestätigung dafür bekommen. Als wir nach Hause gehen wollten und ich wieder zurück in die Bar gegangen bin, um zu bezahlen, lehnte sich der Barkeeper selbst gegen den Bartresen und sagte dann leise zu mir:

„Du hast dem Typen alles perfekt erklärt, ich persönlich bin stolz auf dich! Komm in den nächsten Tagen wieder vorbei, ich habe tolle neue alkoholfreie Getränke bestellt und die Auswahl wird dann bei uns viel größer sein“.

Deswegen war ich im Nachhinein betrachtet über diesen Sommerabend gar nicht enttäuscht.

Tatiana Firsova. Photo credit: Pedro da Silva

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