#katerfreichallenge: 30 Tage ohne Alkohol: bringt das was? Von Vlada Mättig

Ist der „Dry January“ ein neuer Trend?

Wenn ja, was bringt dieser eigentlich?

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich während meiner 10 jährigen „Alkohollaufbahn“ einen Monat lang auf Alkohol verzichtet und gefastet habe. Und eigentlich habe ich dies nur getan, um mir zu beweisen, dass ich kein Problem mit Alkohol habe und dass meine Beziehung zu Alkohol tippitoppski ist. (War sie nicht.) Ganz grob betrachtet, war ein Monat Verzicht kein Problem, aber auch nur, weil ich wusste, dass ich nach 30 Tagen wieder durfte. Zudem habe ich 8 Tage lang komplett auf feste Nahrung, Zucker, Kaffee und Nikotin verzichtet, Leberwickel und basische Bäder standen stattdessen auf dem Programm. War das anstrengend? Auf jeden Fall! Und wie habe ich mich danach gefühlt? Wie aus dem Ei gepellt und so sah ich auch aus! Klarere und straffere Haut, allgemeines gesünderes und energiegeladenes Aussehen, Pfunde purzelten und ich wusste teilweise gar nicht, was ich mit all dieser neu gewonnenen Energie anfangen soll. Zudem konnte ich besser schlafen und habe mich alles in allem viel, viel besser gefühlt.

Und was habe ich am 31. Tag getan? Genau, ich habe Bier getrunken. Schade eigentlich, denn schnell war ich wieder in meinem Verhaltensmuster drin, denn ich habe mir ja schließlich bewiesen, dass ich kein Problem mit Alkohol habe. Das ist nicht verwunderlich, denn ich war damals schon abhängig, wollte mir dieses aber nicht eingestehen. Aber was bringt der Verzicht auf Alkohol für einen gewissen Zeitraum eigentlich?

Photo Credits: aserusainhuu / Unsplash

Der Sender BBC berichtete diesbezüglich über eine Studie des University College London und dem Royal Free Hospital, die mit 26 Teilnehmern durchgeführt wurde. Eine Hälfte der Teilnehmer trank Alkohol wie gewohnt, die zweite Hälfte der Teilnehmer verzichtete gänzlich auf Alkohol. Sowohl zum Beginn als auch zum Ende der Studie wurde ein Gesundheitscheck der einzelnen Beteiligten durchgeführt. Fazit: die Teilnehmer, die einen Monat lang auf Alkohol verzichteten, hatten abgenommen, schliefen besser und waren konzentrationsfähiger. Zudem tranken die Teilnehmer, die auf Alkohol verzichteten, auch in den nächsten Wochen und Monaten weniger bzw. bewusster Alkohol.

Aber was bedeutet „bewusster“ bzw. „normaler“ Alkoholkonsum eigentlich? Im Interview mit Focus sagt Jarmila Mahlmeister, Chefärztin der Betty – Ford – Klinik in Bad Brückenau folgendes: 

„Für Menschen mit normalem Alkoholkonsum gilt: Wer zwei Tage pro Woche problemlos auf Alkohol verzichten kann, ist nicht abhängig.“

Aber wieviel Alkohol darf ich an den anderen Tagen trinken? Und welche Mengen sind schädlich für den menschlichen Körper? Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich sagen, dass ich über viele Monate und Jahre 2 Tage in der Woche problemlos auf Alkohol verzichten konnte. Dennoch war ich damals schon abhängig, denn es gibt verschiedene Formen der Alkoholabhängigkeit. Die Frage scheint hier zudem zu sein, was unter einem „normalen“Alkoholkonsum zu verstehen ist?

Laut Kenn dein Limit werden folgende Mengen für Frauen und Männer als risikoarm eingestuft:

Frauen: 1 Standardglas pro Tag (zwei alkoholfreie Tage)

Männer: 2 Standardgläser pro Tag (zwei alkoholfreie Tage)

Ein Standardglas enthält hierbei zwischen 10 und 12 Gramm reinen Alkohol. 

Hier sollte dazu gesagt werden, dass risikoarmer Alkoholkonsum nicht risokofreier Alkoholkonsum bedeutet, denn Alkohol ist – wie wir alle wissen – ein Nervengift.

In den letzten 30 Tagen ging es aber nicht darum, dir einen Schrecken einzujagend, sondern es ging darum, deine Beziehung zu Alkohol in Frage zu stellen. Falls es dir leichtgefallen ist, 30 Tage lang auf Alkohol zu verzichten, dann ist das super und ich hoffe, du konntest die Benefits des Verzichtes gänzlich auskosten, denn diese sind unter anderem:

  • Bessere Leistungsfähigkeit
  • Erholsamer Schlaf
  • Verbesserter Stoffwechsel
  • Gewichtsverlust (denn Alkohol enthält viele nutzlose Kalorien)
  • Mehr Geld im Geldbeutel
  • Nerven- und Gehirnzellen können sich im Erwachsenenalter nicht mehr neu Bilden; der Verzicht auf Alkohol schädigt also Hirn- und Nervenzellen nicht
  • Das Brustkrebsrisiko sinkt, sowie das Risiko an anderen Krankheiten zu erkranken

Falls du jedoch häufig inneren Druck und Anspannung verspürt haben solltest und deine Gedanken oft um Alkohol und den Verzicht kreisten, dann ist das sicherlich eine gute Gelegenheit, deinen Alkoholkonsum im Allgemeinen in Frage zu stellen und zu überdenken, denn das könnte ein Zeichen sein, dass du Alkohol in deinem Leben viel zu viel Raum gibst und schon eine Abhängigkeit entwickelt hast.

Photo Credits: Helen Lopes / Unsplash

Woher kommt die Bezeichnung „Dry January“ eigentlich?

Die Organisation Alcohol Change UK hat die „Dry January“ – Bewegung ins Leben gerufen. Für den alkoholfreien Monat gibt es nur eine einzige Regel: keinen einzigen Schluck Alkohol vom 01. Januar bis zum 01. Februar. Der Sinn und Zweck dahinter ist, den Umgang mit Alkohol ins eigene Bewusstsein zu rufen und seine eigene Beziehung zu Alkohol zu hinterfragen.

Wenn wir unser Leben (sei es auch nur für einen Monat) vom Alkohol entkoppeln, bekommen wir mitunter intensiver mit, dass uns viele Dinge auch ohne Alkohol Spaß machen wie beispielsweise: sich mit Freunden treffen, Essen gehen, Tanzen, ins Kino gehen … etc.

Nicht nur deine Gesundheit wird es dir danken und dein Wohlbefinden wird sich steigern, sondern auch dein Geldbeutel könnte plötzlich nicht mehr unter akuter Leere leiden. Alkohol kostet nämlich Geld und manchmal merken wir erst, wieviel Geld Alkohol eigentlich kostet, wenn wir eine Zeit lang darauf verzichten. Deshalb hat Alcohol Change UK die Möglichkeit eingeführt, sein durch den Verzicht erspartes Geld zu spenden. Natürlich musst du das nicht. Du kannst auch dein erspartes Geld nehmen und dir damit etwas Gutes tun, wie zum Beispiel dir eine Massage gönnen, ins Kino gehen, dir einen schönen Abend im Restaurant machen …

Wenn ich mir heute so überlege, was ich damals an Geld für Alkohol ausgegeben habe, dann kann ich mir tatsächlich nur an meinen eigenen Kopf greifen. Besonders deutlich wurde es mir letztens in einem asiatischen Restaurant in Berlin noch einmal. Ich habe ein alkoholfreies Getränk und eine Hauptspeise bestellt, einer meiner Begleiter trank Weißwein und dies machte sich eindeutig am zu zahlendem Rechnungsbetrag am Ende des Abends bemerkbar. 

Ich habe mir sehr selten die Frage gestellt, ob ich in einer Bar Alkohol trinken sollte, oder stilles Wasser. Zu Geburtstagspartys gehörte Alkohol genauso dazu, wie bei einem ausgedehnten Mädelsabend.

Rückblickend betrachtet hätte ich bei einer Alkoholpause wohl eher feststellen können, dass mein Lebensstil zu sehr mit Alkohol verwoben ist. Es geht bei einem „Dry January“ nicht darum, dir selbst zu beweisen, dass du kein Problem mit Alkohol hast. Es geht sicherlich auch nicht darum, einen Monat zu detoxen und dann weiter zu machen, wie bisher. Ich meine ein „Dry January“ ist in erster Linie eine gute Möglichkeit, um dein eigenes Verhalten und deinen eigenen Lebensstil zu hinterfragen und zu schauen, welche Rolle Alkohol eigentlich in deinem Leben spielt und warum.

Ein zusätzlicher positiver Nebeneffekt könnte sein, dass du feststellst, dass du Alkohol gar nicht brauchst. Dass du dich ohne Alkohol fitter und gesünder fühlst und gerade deswegen Zeit mit Freunden, Kollegen, deiner Familie viel, viel besser und entspannter genießen kannst. Vielleicht wirst du mitbekommen, dass du Alkohol gar nicht brauchst, um lustiger oder ausgelassener zu sein, sondern dass du so wie du bist, absolut ok bist.

Hast du gleich ein Alkoholproblem, wenn es dir sehr schwer fällt einige Tage, oder den ganzen Monat auf Alkohol zu verzichten? 

Im Gespräch mit Spiegel antwortet Herr Professor Seitz (Professor für Innere Medizin und Alkoholforschung), dass die Frage wohl eher lauten sollte:

„Warum kann man nicht darauf verzichten?“

Laut Seitz werden die Folgen des Alkoholkonsums gerade durch die sozialen Trinker unterschätzt. Der Konsum von Alkohol erhöht das Risiko für Krankheiten wie verfettete Leber, Magenschleimhautentzündung oder aber Bluthochdruck beträchtlich. Und tatsächlich ist das Organ, welches am „empfindlichsten auf Alkohol reagiert, die weiblichen Brüste“

Und dann muss ich bei diesem Artikel stutzen.

Seitz: „Alkohol ist ein soziales Schmiermittel und das ist auch gut so. Stellen Sie sich Ihre Weihnachtsfeier mal ohne Alkohol vor.“

SPIEGEL: „Undenkbar.“

Sagt das nicht mehr über unsere Gesellschaft aus, als tausend Worte? Sind wir – ganz radikal gesprochen – vielleicht auch als Gesellschaft von Alkohol abhängig? Wenn Alkohol ein soziales Schmiermittel ist, was ist unsere Gesellschaft und jeder Einzelne dann ohne Alkohol? Das ist doch wirklich eine spannende Frage. Wie sehe denn unsere Gesellschaft aus, wenn wir dieser von heute auf morgen jeglichen Alkohol (zumindest für einen Monat) entziehen würden? Zumindest müsste sich in diesem Falle jede*r Einzelne Gedanken über seinen/ihren eigenen Konsum machen und vielleicht würden die positiven Effekte viele von uns zum Nachdenken anregen und dafür sorgen, dass bewusster mit dem Konsum von Alkohol umgegangen wird. Denn ist es hier nicht wie bei vielen anderen Dingen auch: merken wir nicht erst, was wir „davon haben“ (oder eben nicht), wenn wir darauf verzichten müssen?

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