Waiting for Haken

Tag 4: Sober Dating nach dem Match. Panik steigt auf. Panik, die ich eventuell von früher kenne, die ich aber sonst sofort heruntergespült hätte, damit ich sie nicht fühlen muss. Ich will das nicht mehr. Ich fühle so viel.

Heute bin ich generell ziemlich nah am Wasser gebaut. Meine Freundin schickt mir das Lied „Testament“ von Sarah Lesch. Ich schneide Gemüse und muss Tränen verdrücken. Ich höre das Lied noch einmal, um auf Nummer Sicher zu gehen und dasselbe passiert.

Wir haben am Freitag gematched. Ich meine, nicht das ich einen High Score im Matchen hätte, das fällt bei mir eher dürftig aus (liegt wohl am „Swipen“). Aber Freitagabend hat es „Ding“ gemacht und eine Gratulation zu meinem neuen Tinder – Match folgte. Ich muss gestehen, meine Tinder – Ambitionen haben in der letzten Zeit nachgelassen. Ich möchte, dass die Bilder sprechen. Ich kann Menschen so nicht einschätzen. Schon gar nicht Männer. Ich suche etwas ganz Bestimmtes und glaube nicht daran, dass ich es auf Tinder finden könnte (ist das der Haken?). 

Ich habe einen Deal mit dem Universum abgeschlossen: 

„Liebes Universum, ich habe hier eine Liste von Eigenschaften, die erfüllt werden sollten, wenn Du das bei Tinder schaffst, dann fresse ich einen Besen.“  

Be careful what you wish for! – sagt man doch so schön.

photo credits: Sidorova Alice // Unsplash

Heute ist es anders. Heute Morgen bin ich aufgewacht und obwohl die Sonne schien, war ich nah am Wasser gebaut. Ein latentes Gefühl wie permanent kurz vor Heulen, ohne, dass ich tatsächlich heulen muss. Was ist eigentlich die abgeschwächte Form von heulen? Weinen? Eigentlich fühlt es sich eher so an wie ein Zwischending zwischen Weinen und Tränen vergießen, um wieder Raum für Neues zu schaffen.

Ich denke mir nichts dabei. Das ist normal. Meine Tage sind vorbei, aber seitdem ich nichts mehr trinke, bin ich emotional(er). Ich könnte vor Freude, vor Trauer, vor Allem heulen.

Ich hatte keine Zeit zum Schreiben. Ich habe zwar daran gedacht, aber ich dachte, dass das so ok ist. Ich hatte viel zu tun und habe hier und dort telefoniert. Aber heute ist es anders, als die Tage davor. Ich wartete auf den Haken. Und die ganze Zeit sage ich mir:

 „Wo ist er? Wo ist er? Wann kommt er?“ 

Es war keiner zu finden. Seit Freitag sind das jetzt nun 3 Tage, an denen alles gut läuft. Zu gut? Wir schreiben, ich lache, wir schreiben, ich lache noch mehr. Er weiß sogar, dass ich darüber schreiben werde und manchmal habe ich das Gefühl, dass er etwas Angst hat, dass er nur eine Story ist. Ich frage wohl zu viel, zu häufig, zu explizit. Aber so bin ich. Immer. Das versichere ich ihm und hoffe, dass er mir glaubt. Ich suche keine Story, für eine Story wäre das doch viel zu viel Aufwand ohne Bezahlung. So lautet meine Argumentation.

Ich suche, weil ich insgeheim wirklich finden will, aber vielleicht sollten wir nicht suchen. Vielleicht sollten wir gefunden werden?

Heute ist es anders. Die Sonne scheint und ich gehe mit meiner Hündin spazieren. Ich bin ein Emo – beschließe ich. Das ist ok. Wir schreiben nicht und bis ca. 16 Uhr fand ich das auch noch ok. 13 Uhr war ich mit meiner Hündin nach getaner Arbeit noch einmal Spazieren und hoffte insgeheim, dass zu Hause eine Nachricht auf mich wartet. Als ich wieder bei mir zu Hause angekommen bin warteten Instagram Likes. Keine Nachricht.
Ich dachte mir nichts dabei. Ist doch schon ok. Jeder hat doch zu tun. Kann ja nicht immer alles so kommunikativ laufen. Aber irgendetwas ist heute komisch.

Ich schreibe: 

„Haben dich die Flöhe gefressen?“

Er schrieb mir gestern, dass er sein Bett neu bezogen hat, da er Stiche an seinem Körper festgestellt hat.

Er antwortete:

„Fahre.“

Und dann steigt die Panik in mir auf. Was meint er damit, er fährt? Ist er sauer? Fährt er wirklich. Vlada, jetzt bloß nicht wirr machen lassen! Aber ist das der Haken? War’s das jetzt?
Er schreibt noch etwas. Irgendetwas mit Bett bezogen und alles gut und hahaha. Keine Gegenfrage. Das war’s. Game Over. Du hast den Haken gefunden und er krallte sich härter fest, als du handeln konntest. Ist das jetzt ein Zeichen?

photo credits: Hatice Yardim // Unsplash

Ich hasse dieses Spiel. Ich hasse Tinder. Wer ist eigentlich auf diese blöde Idee gekommen, dass ich diese „Sober – Dating Reihe“ hier machen soll? Fuck Sober – Dating! Ich bin theatralisch, bin ich doch aber sonst eigentlich nicht mehr (so häufig). Oder doch?

Warum nimmt mich das so mit, dass mir ein Typ, den ich gerade einmal seit 3 Tagen kenne, nicht schreibt? Ängste steigen in mir auf und ich kann nicht löschen. Aushalten und beobachten eben. Verrückt. Eigentlich hat sich zu vorher nichts geändert, aber dann doch irgendwie alles. Ich bin trotzdem cool. Das weiß ich. Ich bin cool, ich bin cool, ich bin cool. Das sage ich mir jetzt die ganze Zeit und bin immer noch kurz vor Heulen.

Dabei fing doch eigentlich alles so schön an. Ein Match und ich habe beschlossen, ich schreibe nicht. Wenn ich anfange, kommt sowieso nichts. Also schreibe ich nicht.

„Hey there! I am using fresh underwear (daily)“ steht da. Und ein Song. „Raising Water“ von James Vincent Mc Morrow.

Ich mag den Song. Gab es den Swipe nach rechts für die frische Unterwäsche oder das Lied? Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, tippe jedoch auf die Unterwäsche.

Er lobt mich für mein Lied. Ist auch wirklich gut. Ich frage mich, warum da vorher kein anderer Typ darauf gekommen ist? Für ein Lied loben ist eigentlich das Einfachste, aber auch das Coolste, was man(n) machen kann. Ich persönlich stehe ja nicht so auf:

„Du siehst echt verdammt gut aus.“ 

Bei so einem Spruch zieht sich bei mir alles zusammen, vor allem in meiner Unterleibsregion. Da kommt keiner (mehr) rein, der da nicht hingehört. Und ich höre jetzt auf mich. Nüchtern. Das nehme ich mir ganz fest vor.

Ich antworte und ein paar Stunden später bekomme ich eine Nachricht. Ich schreibe wieder und die Antwort kommt sofort. Wir schreiben hin und her und plötzlich fühlst sich alles so leicht an. Universum? What the fuck is going on?

Ich suche nach dem Haken. Textnachricht für Textnachricht. Ich finde keinen.

No Ginlover?
No ONS?
No Polyamorie
No Oberkörper frei?
No Dick Pics?

No.

photo credits: Yuriy Valenteev // Unsplash

Ich schicke sein Bild weiter an Tatiana und meine beste Freundin. 

Der sieht echt nett aus.“ 

Bekomme ich als Antwort. Ok, immer noch kein Haken. Ich schreibe, dass ich keinen Haken finde und beide Antworten: 

„Dann ist er zwischen 1,30m – 1,50m groß/klein“. 

Ich frage daraufhin nach seiner Größe. Vom Universum hatte ich mir einen Mann gewünscht, der mir auf Augenhöhe begegnet. Er antwortet, dass er 1,72m groß ist. Wie witzig, ich bin 1,71m. Langsam wird es komisch. 
Ich gehe meine Liste durch und schaue, welche Übereinstimmungen es gibt: vegan, sportlich, Bart, Augenhöhe (haha), spirituell, Dutt (falls möglich), richtig lustig, nett, unkompliziert, intelligent, will sein eigenes Ding machen. Das Ding mit dem Trinken habe ich nur nicht konkretisiert. Mir wird plötzlich ganz schlecht. Das kann nicht sein. Wer hat sich dieses Spiel eigentlich ausgedacht? Der einzige (weitere) Haken, den ich noch nicht abgefragt habe, ist das Ding mit den Kindern. Das wäre übertrieben. Nicht nach 3 Tagen.

Wir telefonieren sogar. Über eine Stunde. Und zwei Tag später nochmal für noch mehr als über eine Stunden. Und ich fühle mich high. Jetzt schon? Ja. Ich kenne den Typen gar nicht. Ich weiß. Ich kann nicht schlafen und nicht richtig essen, würde aber trotzdem nicht meinen, dass ich verliebt bin. Dann wäre ich ja verliebt in etwas, was ich noch nie zuvor in meinem Leben gesehen habe. (So ging es mir mit meiner Straßenhündin auch). Es fühlt sich komisch an.

Mit den Gefühlen hatte ich ja diesbezüglich immer so meine Probleme. Die habe ich tatsächlich immer ganz gerne übergangen. Deswegen warte ich auf den Haken. 

Und nachmittags stieg die Panik auf. Ich bin emotional und muss das jetzt aushalten. Er schrieb soeben, wie mein Tag so war. Anscheinend muss ich gar keine Panik schieben. Ich weiß nicht genau, ob ich dieses Spiel hasse.

To be continued …

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