Irgendwann bin ich mir selbst egal geworden

Irgendwann bin ich mir selbst egal geworden. Eingeklemmt in einem Job, in dem ein Ausnahmezustand in den nächsten überging, davor die Studienzeit, da trinkt man halt viel, ist auch egal, und immer irgendwie Durst. Durst nach Exzess und Ruhe, Verschwinden und Ankommen, Höhenflug und Absturz. 

Ich habe gerade gelogen: Ich war mir nicht egal, ich wollte mich zerstören, wollte aufgelöst sein, außerhalb von meinem Kopf. Ich glaube, ich habe mich selbst gehasst. Und das ist das Gegenteil von Sich-Selbst-Egal-Sein. Selbsthass ist ja nicht selbstlos – Eigentlich gibt es kaum etwas, das egozentrischer ist. Der Selbsthass ist eine hohe Mauer, über die wir nicht blicken können, denn alles was wir sehen, wenn wir den Blick in die Ferne schweifen lassen wollen, ist doch wieder nur unser eigenes Leid. 

Flockiger Einstieg für einen Text, nicht wahr?

Wenn ich das alles wie ein normaler Mensch ausdrücken will, dann sage ich: Ich hatte ein problematisches Verhältnis zum Alkohol. Irgendwann nahm er mehr als er mir gab – und forderte immer mehr Raum in meinem Leben. Das ist genauso wahr wie die Lüge vom Anfang, und die ist genauso wahr wie das Eingeständnis, dass sie eine Lüge war. Aber die ganze Wahrheit ist das alles natürlich trotzdem nicht. Es ist kompliziert, okay?

photo credits: Amanda Jones // unsplash

Treppen ins Nichts

Als ich noch trank, stellte ich mir immer wieder die Frage, wieso ich trank und grübelte, was zuerst da war: Henne oder Ei, Depressionen oder Angststörung, Angststörungen oder Alkoholkonsum und fand nie so recht die Antwort. Ich fragte mich, wieso ich, um unterschiedliche Effekte zu erzielen (Exzess und Ruhe, Verschwinden und Ankommen), dieselbe Substanz trank. Wie konnte ich logisch begründen, dass ich trank, obwohl es mir nicht gut tat und welche mentalen Verrenkungen musste ich machen, um bloß das Label “Alkoholismus” zu umgehen. Allein die Frage “Wieso trinke ich?” war völlig unmöglich, als sei ich in so einem M.C. Escher Bild mit tausend Treppen ins Nichts gefangen.

Die Frage, wieso ich nicht trinke, ist dagegen so unfassbar einfach: Ich trinke nicht, weil ich die Frage wieso ich trinke nicht mehr beantworten konnte. Ich trinke nicht, weil ich mich von der Frage wieso ich trinke, immer weiter befreie. Ich trinke nicht, weil ich wieder in die Ferne gucken kann. Ich trinke nicht, weil ich es besser finde als zu trinken.

Mit beginnender Nüchternheit wurde eine ganze Menge leichter. Allem voran der mentale Konflikt, diese ewige Dissonanz unmöglicher Fragen.

Jetzt bloß nicht die Wut verlieren

Andere Sachen sind nüchtern dagegen viel, viel schwieriger: in schlechten Beziehungen bleiben, Jobs behalten, an denen man langsam zugrunde geht, toxische Freundschaften schützen, viel zu lange auf schlechten Partys bleiben und jeden Abend bis Mitten in die Nacht langweilige Serien gucken – um nur einige zu nennen.

Das ist nüchtern für mich auch deshalb schwieriger, weil ich meine gute, heiße Wut wieder spüren kann. Wut, die um mich herum auflodern darf und Stopp schreit und „Fick dich!“ ruft. Diese ganze Geschichte mit dem Grenzen-Setzen und Für-Mich-Einstehen, gesunde Mechanismen also, für die man erstmal erkennen muss, dass Grenzen überschritten wurden, dass es nicht okay ist, so wie es läuft und man für sich selber Konsequenzen ziehen muss, diese ganze Geschichte läuft seit dem Beginn meiner Nüchternheit deutlich besser. 

photo credits: Max Ostrozhinskiy // unsplash

Plötzlich war dieser Gedanke da: Ich will leben. Aber nicht mehr so

Ich saß auf einem Bauernhof in Serbien, so richtig weit am Arsch der Heide, und guckte auf die Flachheit, die sich vor mir hinlegte. Es war schon ein paar Tage her, dass ich zuletzt aus dem Büro gestolpert war, mit hängendem Kopf, das Selbstwertgefühl im Keller, zu erschöpft zum Fahrradfahren, völlig zerschlagen, voller Angst vor morgen und voller Übelkeit von heute und den Blick fest auf das verlässlichste Mittel gerichtet, um das alles kurz nicht mehr zu spüren: Alkohol. 

Ein paar Tage war ich auf diesem Bauernhof, streichelte diverse Tiere, ging früh ins Bett und wachte mit der Sonne auf. Und plötzlich war ein Gedanke da, den ich lange Zeit nicht mehr gehabt hatte: Ich will leben. Und ein zweiter Gedanke schloß sich an: Aber nicht mehr so. Ich will leben, aber nicht mehr so. 

Mein letztes Glas Wein trank ich in Belgrad. Wir gingen in eines dieser coolen Großstadtrestaurants, das kein Schild draußen hat, weil das Geheime zum Konzept gehört, eine dunkle Treppe hinunter, bis wir auf eine Terrasse traten, von der aus wir auf Gestrüpp zwischen kaputten und nicht so kaputten Häusern blickten. Die Karte war vegan, die Kellner hip und der Wein, den ich bestellte, sehr sehr schlecht. Plötzlich war der Gedanke da: Krass, ist dieser Wein überflüssig.

Dann kam noch eine heftige Erkältung, die ich mit “This Naked Mind” von der amerikanischen Autorin Annie Grace verbrachte, ein Heimflug, eine Krankschreibung, viel nachdenken, viel lesen, schreiben, reden, eine Kündigung und irgendwo dort drin: die Entscheidung, nicht wieder mit dem Trinken anzufangen.

Es ist egal wie viel du trinkst

Ich habe mehr getrunken als viele, ich weiß nicht, ob mehr als die meisten, aber bestimmt nicht mehr als alle. Das ist keine Rechtfertigung, denn darum geht es nicht. Es ist einfach unfassbar egal. Wirklich. Es geht nicht darum, wie viel ich oder du trinkst. Es geht darum, ob wir glücklich mit unserem Konsum sind. Und zwar nicht, wenn wir gerade besoffen sind, sondern immer. Zum Beispiel auch, wenn wir plötzlich nachts um drei aufwachen, weil der sedierende Effekt des Alkohols nachlässt und wir allein mit uns und unseren Gedanken sind und wir uns vornehmen, jetzt erstmal eine Pause zu machen. Und dann bekommst du Angst vor deinen Leberwerten und ich vor dem nächsten Morgen und wir schlafen irgendwann wieder unruhig ein. Nicht lange danach denkst du aber: Scheiss drauf  und ich beobachte wieder ungeduldig wie schnell mein Gegenüber trinkt, um selber im Rahmen zu bleiben, und das Spiel geht von vorne los. Nur so als Beispiel.

photo credits: Fred Kearney // unsplash

Wir brauchen eine Revolution

Mich ärgert das alles inzwischen sehr. Wir (die Gesellschaft, meine ich) drehen allen Menschen immer und überall eine Substanz an, die abhängig macht. Ständig wird überall gesoffen und da wundern sich noch Leute, dass nicht immer alles glatt läuft.

In den USA und in Großbritannien gibt es immerhin einflussreiche und mutige Gegenstimmen – und mit ihnen auch eine Bewegung, die dem Nichttrinken neben der medizinischen auch noch eine gesellschaftliche und lebensweltliche Dimension gibt. Dazu gehört auch, das Nüchternsein zu zelebrieren und dem Image der traurigen Spaßaskese zu entheben. In Deutschland hinkt man da noch irgendwie hinterher. Auch deshalb feiere ich es, dass es Projekte wie mesober oder den Podcast von Nathalie gibt. 

Mein eigener Ärger und Frust mit dem Status Quo hat letztlich auch dazu geführt, dass ich selbst einen Blog gestartet habe. Das ist auch schön am nüchtern sein: Man hat plötzlich viel mehr Zeit und ist nicht ständig zu müde, um Kram zu machen.

Für die eine große Frage “Wieso trinke ich” sind eine Vielzahl kleinerer Fragen hinzugekommen, die andere Menschen mir stellen. Wieso trinkst du nicht, was trinkst du, bist du schwanger, machst du das für immer, aber du warst doch keine Alkoholikerin, wie viel hast du denn getrunken, wie lange bist du schon nüchtern.

Mareike ist Kulturwissenschaftlerin, Redakteurin und Bloggerin. Sie hat ein Faible für populäre Kultur und streichelt gerne Hunde, wo sie ihr begegnen. 

photo credits Titelbild: Simona Bednarek

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