Don't call me drunk, Diggie!

Ich hatte Geburtstag. Nach zwei Jahren Nüchternheit ist das kein Problem mehr. War es an und für sich auch irgendwie noch nie. Früher war ich betrunken, heute eben nicht.

Ich wohne in einer Kleinstadt, ich kenne hier eher wenig Menschen und freue mich darauf, hier bald wieder zu verschwinden. Nicht, dass mich das belastet, das tut es tatsächlich nur geringfügig. Früher bin ich einer Beziehung nach der nächsten hinterhergejagt. Ich habe einen Retter gesucht. Unterbewusst natürlich. Einen Mann, der mich auffängt, der mich halten kann. Vielleicht auch einen Mann, der mich aushalten kann, weil ich mich selbst schwer aushalten konnte. Ich hatte eine Vorstellung, aber immer nur eine Eigenschaft, die er mitbringen sollte. Das hat sich immer erfüllt, aber ich blieb unerfüllt. Bis ich gelernt habe, dass ich mich selbst erfüllen muss, damit ich nicht leer bin. Und wenn ich das Gefühl habe, dass ich vollständig bin, dann brauche ich keinen Menschen, der mich vollständig macht, oder erfüllt, denn diese Verantwortung kann nur ich selbst für mich und meine Liebe übernehmen.

Zurück zu Sober – Tinder. Der Mann ist noch derselbe. Wir schreiben und telefonieren und irgendwie fühlt es sich so an, als würden wir uns schon kennen. Als wäre es schon immer so gewesen.

Ich bemerke, dass bestimmte Verhaltensweisen und Gefühle wie von selbst anspringen. Ich kann nicht klar denken und bin innerlich rosarot aufgeregt. Manchmal verspüre ich kurzzeitig den winzigen Wunsch, dieses Gefühl zu betäuben. Das ist ein großer Aha – Moment. Ich tue es nicht. Das Einzige, was ich mir zuführe, ist Kaffee. Das ist ok. Das kleinere Übel quasi. Zudem habe ich keinen Appetit mehr. Mag das typisch sein, beobachte ich diese kleinen Dinge mit sehr großem Interesse und denke mir:

 „Wow, das konntest Du früher nicht aushalten und eigentlich bedarf es „nur“ einem klaren Kopf und einer Entscheidung.“

 Ich sage mir, dass ich cool bin, weil ich es tatsächlich so empfinde. Ich sage es mir immer und immer wieder. 

„Ich bin cool, ich bin cool, ich bin cool.“

 Und nichts wird sich daran ändern, weil ich ein Mensch bin.

photo credits: Abi Schneider // unsplash

Die kleine Unstimmigkeit von letztens konnten geklärt werden. Eigentlich wusste ich, dass ich nur eine Nacht darüber schlafen muss und dann ist alles wieder ok. Ich habe mit meiner besten Freundin telefoniert und sie meinte, dass es immer passieren wird, dass alte Ängste hochkommen. Das passiert nun einmal mit Erfahrungen und Menschen, die aufeinandertreffen. Ich konnte mich wieder beruhigen.

Eine Sache habe ich auf meiner „Was muss mein zukünftiger Partner alles mitbringen – Wunschliste“ allerdings nicht berücksichtigt: die Sache mit dem Alkohol.

Nach meiner Therapie habe ich mir oft die Frage gestellt, wie das denn sein wird. Fakt ist, ich werde Alkohol nie in meiner Wohnung haben. Nicht, dass ich ihn dann sofort trinken würde, aber ich muss ja nicht unnötig mit dem Feuer spielen. Also kein Alkohol in meiner Wohnung. Aber wie ist das denn mit einem Partner? Darf er trinken? Vielleicht geht es hier gar nicht um dürfen oder nicht, denn das ist eine ganz persönliche Entscheidung. Aber die Frage ist: muss ich, oder sollte ich das aushalten? Safe wäre ich mit Nein. Aber kann und will ich von einem Mann erwarten, dass er nichts trinkt?
Fakt ist glaube ich auch, dass ich es nicht riechen will. Also keine Küsse mit Fahne.

Und in diesem Moment wird mit klar, dass das nicht selbstverständlich ist. Ich muss meinen Standpunkt vertreten und damit auch irgendwie radikal sein. Fiel es mir zunächst noch schwerer in eine Bar zu gehen und anderen Menschen beim Trinken zuzuschauen, ist das heute gar nicht mehr das Problem, solange ich einen „Sober – Buddy“ habe, beziehungsweise sich die Menschen um mich herum nicht vollends zulaufen lassen.

photo credits: Priscilla du Preez // unsplash

Aber wie handhabe ich das jetzt mit der Tinder – Geschichte? Fakt ist, er kennt die Fakten. (Fast) alle. No drugs, no alcohol. Geklärt wurde auch schon, dass beim ersten Date nichts getrunken wird – im allerbesten Falle auch er nicht. Er war d’accord.

Gestern hatte ich also Geburtstag und er schickte mir eine Sprachnachricht und sang mir ein Geburtstagslied vor. Danach bekam ich noch ein wenig italienische Amore zu hören. So etwas gefällt mir sehr. Ein Mann, der sich selbst nicht zu ernst nimmt, weil ich das auch nicht tue.

Am Abend wollte ich Abschalten, fragte meine beste Freundin nach Rat und sie schlug „Aushalten: nicht lachen“ vor. Perfekt! Das, und vegane Gummibären = der beste Geburtstag. Er wollte anrufen und meinte ein paar Stunden später, dass es später werden wird und er sich aber davor via Textnachricht bei mir melden wird, da er noch Besuch hat (oder zu Besuch ist). Der erste Gedanke, den ich hatte, war:

 „Trinkt er jetzt und wenn ja, will ich, dass er mich dann anruft? Wenn er mich anruft und angetrunken ist, dann ist er nicht mehr echt.“

Dieser Gedanke verblüffte mich und machte mich auf der anderen Seite auch etwas traurig. Ich wusste nicht, ob er tatsächlich trinkt, aber angetrunken wollte ich keinesfalls angerufen werden. Ich schaute eine Folge nach der nächsten und beschloss irgendwann zu schlafen und überlegte kurz, ob ich die Situation soeben uncool finde.

Früher wäre ich sauer gewesen und hätte nicht schlafen können. Ich hätte mir ausgemalt, wie ich mich nicht bei ihm melde und was das mit ihm machen würde. Ich hätte mir irgendeine abgefahrene, manipulative Taktik ausgemalt, oder einfach weiter getindert, nur, um das Gefühl zu haben, ihm eine reinzuwürgen. Nüchtern tue ich das nicht. Nüchtern denke ich:

„Das Ganze ändert rein gar nicht an dem Fakt, dass ich cool bin.“

Am nächsten Morgen schaue ich auf mein Handy und sehe eine Textnachricht auf meinem Display, in der er sich erklärt. Meine Vermutung wurde bestätigt, er hatte getrunken und hat mich nicht angetrunken angerufen.

Beim Spaziergang mit meiner Hündin überlege ich mir, was ich zurückschreibe und beschließe, dass ich bei der Wahrheit bleibe und verschicke eine Sprachnachricht:

„Ähm. Ich musste beim Spaziergang kurz überlegen, was ich antworte. Also, an sich ist alles cool, aber ich fand es gestern schon etwas uncool, muss ich zugeben, aber gut ist ja wiederum, dass Du mich nicht angetrunken angerufen hast, weil, das wäre richtig uncool gewesen und das du einen Kater hast, tut mir nicht leid…haha.“

Er antwortet:

„Und genau deswegen habe ich nicht angerufen.“

Ein verpasster Anruf und eine Textnachricht.

„Du musst dir definitiv einen anderen Provider suchen, wenn du deine Selbstständigkeit durchziehst. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass man dich ernst nimmt, wenn dich Süchtige anrufen und der Provider zu denen sagt: „WILLKOMMEN BEI BLAU!“

Ich pruste laut los vor Lachen. Wo er recht hat, hat er recht.

photo credits Titelbild: Toa Heftiba

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