Laura Willoughby: Es gibt nur eine einzige Möglichkeit um zu erfahren, ob du ein Alkoholproblem hast

photo credits. Club Soda UK co-founder Laura Willoughby

In der Podcastfolge mit Ruby Warrington hast du über deine Karriere in der Politik gesprochen. Ich finde es sehr erstaunlich, dass eine Person mit einem politischen Background ein Projekt wie Club Soda UK startet. Deshalb auch meine erste Frage, wie bist du auf die Idee zu dem Projekt gekommen? Und wie war es für dich von deiner Karriere in der Politik zu einem komplett anderen Bereich zu wechseln?

Naja, ich habe eindeutig zu viel getrunken, wie viele Menschen in der Politik. Meine Karriere wurde durch billigen Wein angetrieben. Zu dieser Zeit kannte ich schon alle Anlaufstellen, wie die Suchtberatungen und die Angebote der Regierung, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass sie das richtige für mich waren, um mir zu helfen mein Trinkverhalten zu ändern. Ich wusste mein Alkoholkonsum ist außer Kontrolle geraten, weil ich einen Beruf ausgeübt habe, der mir keine Freude bereitet hat und ich fühlte mich elendig deswegen. Ich habe mir sogar einen Termin kurz vor meinem Geburtstag festgelegt, um mit dem Trinken aufzuhören. Auch, habe ich sehr viel Zeit damit verbracht in das Thema einzutauchen. Einen eintägigen Kurs habe ich auch besucht, wobei ich diesen nicht empfehlen kann. Dieser Kurs hat mich sehr wütend gemacht und ich vermute als jemanden, der aus der Politik stammt ist Wut ein großer Antrieb für mich. Ich verlies den Kurs und dachte mir „es muss doch etwas besseres als das geben. Etwas was moralisch vertretbarer ist.“. Es gibt viele Menschen in diesem Bereich, die dir versprechen würden dich zu heilen und viele komische Sachen mit dir machen, um dir zu helfen, aber was du wirklich brauchst sind dir Werkzeuge und Fähigkeiten anzueignen, die dir erfolgreich dabei helfen dein Trinkverhalten zu ändern. Ich verlies damals vor 7,5 Jahren diesen Kursraum und habe seitdem nie wieder getrunken, aber ich hatte beschlossen, das etwas in unserer Gesellschaft fehlt. Etwas das sich so ein bisschen anfühlt wie ein Abnehmkurs, z.B. Weight Watchers. Ich wollte, dass sich dieser Kurs genauso anfühlt, aber eben nur für den Bereich Alkohol. Er sollte optimistisch sein und sich auf die Vorzüge von Veränderung konzentrieren und eine Online-Community haben. Das er auf Verhaltensforschung basiert und das er dir Werkzeuge mitgibt, die du brauchst für deinen eigenen selbstbestimmten Weg. 

Aus deiner Sicht als ehemalige Politikerin, ist zu viel trinken nur ein Problem von Politikern oder ist es ein allgemeines Problem in unserer europäischen Gesellschaft? 

Es ist ein sehr verbreitetes Problem und kommt in allen Schichten unserer Gesellschaft vor. Ich muss sagen – im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich nicht ins Parlament gewählt wurde, weil ich denke wenn ich in den subventionierten Bars im Parlament gelandet wäre, hätte das den Tod für mich bedeutet.

Wenn ich dich richtig verstehe, dann ist der „mindful-drinking lifestyle“ die Idee hinter Club Soda UK?

Richtig. Ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist Menschen zu erzählen was sie zu tun haben. Dein Ziel ist es vielleicht deinen Alkoholkonsum zu reduzieren, für eine kurze Weile aufzuhören oder alkoholfrei zu leben, aber das bleibt dir überlassen. Wie du weist, hat es keinen Zweck etwas zu versuchen wofür du nicht bereit bist. Viele Menschen sind eher bereit das Reduzieren von Alkohol auszuprobieren, bevor sie versuchen alkoholfrei zu leben. Wir wollen für alle da sein, egal in welcher Phase sie sich befinden. Außerdem, sind alle Werkzeuge und Techniken, die du benötigst, um zu reduzieren oder gemäßigt zu trinken nahezu die selben. Es gibt nur ein paar zusätzliche Dinge, die du beachten solltest wenn du maßvoll trinken möchtest. Sie erscheinen vielleicht sehr unterschiedlich, sind sie aber nicht. 

Und es ist auch sehr wichtig das Menschen wissen, den eigenen Alkoholkonsum zu ändern ist kein geradliniger Weg. Es wird nicht passieren, dass du dich eines Tages dafür entscheidest dein Trinkverhalten zu ändern und von da an funktioniert alles wunderbar. Es ist vielmehr eine ständige Auseinandersetzung mit deiner Beziehung zu Alkohol. Bei Club Soda UK gibt es Menschen, die alkoholfrei leben und dann wieder gemäßigt trinken, dann wieder alkoholfrei leben und so weiter. Und das ist auch völlig OK. Wir sind damit zufrieden bei Club Soda UK.

photo credits: Louis Hansel // unsplash

Gestern sprach ich mit einer Person, die mit diesem Thema überhaupt nicht vertraut ist. Sie glaubte auch das es nur „Alkoholiker“ gibt – bezogen auf die herkömmliche Definition des Wortes – und Menschen, die eine normale Beziehung zu Alkohol haben. Wir aber wissen, dass es eine große Bandbreite von unterschiedlichen Stufen zwischen einem „normalen“ Trinker und jemanden, der als „Alkoholiker“ bezeichnet wird, gibt.

Ja, “Alkoholiker” ist eine Identität, es ist kein medizinischer Fachbegriff. Du kannst auf niemanden zeigen und ihn als Alkoholiker betiteln und dich selbst nicht. Es ist eine Identität, die erschaffen wurde. Für manche Menschen ist dieser Begriff hilfreich, vor allem wer das Gefühl hat eine Krankheit zu haben, die er los werden möchte.

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich eine Krankheit hatte, ich fühlte mich eher wie ein Idiot.

Und das ist ein großer Unterschied. Dennoch musst du nicht viel trinken, damit Alkohol einen Einfluss auf dein Leben hat. Er kann dich auf so unterschiedliche Art und Weise beeinträchtigen. Im Wesentlichen geht es darum zu entscheiden, ob die Menge, die du trinkst, richtig für dich ist oder ob sie dich zurückhält andere Dinge zu tun, welche dir wichtig sind. Hast du das Gefühl die Kontrolle zu haben? Die Wahrheit ist, die meisten Menschen haben nicht das Gefühl die Kontrolle zu haben, wie denn auch? Alkohol verhindert, dass du Kontrolle hast. Und die meisten wissen auch, dass sie viel mehr trinken als sie sollten. Erkennen das du mehr trinkst als du solltest ist genauso wichtig wie Menschen, die zum Beispiel zu einer Selbsthilfegruppe, wie die Anonymen Alkoholiker, gehen und entscheiden, dass sie Alkoholiker sind. 

Nun, es gibt einen medizinischen Fachbegriff, der des ‚abhängigen Trinkers’, weil dein Körper abhängig von Alkohol werden kann. Und tatsächlich, an diesem Punkt ist es gefährlicher einen Alkoholentzug zu machen als einen von Heroin oder anderen Drogen, weil du sterben kannst. Medizinisch gibt es Menschen, die ‚gemäßigte Trinker’ sind, Menschen, die ‚gefährdete Trinker’ sind, Menschen, die ‚erhöhte-Risiko-Trinker’ sind, und die ‚abhängige Trinker’ sind*. „Alkoholiker“ kommt im medizinischen Wörterbuch nicht vor als etwas auf das du zeigen kannst und sagen kannst „ja, das bist du“. Für mich ist dies sehr wichtig, weil der Gedanke daran, dass ich als Alkoholiker*in bezeichnet werden könnte, mich davon abhält meine Beziehung zu Alkohol zu ergründen, indem es die ganze Sache sehr binär macht. Es besagt, dass du entweder ein Problem hast oder du hast es nicht. Und natürlich funktioniert Alkohol nicht so. Alkohol beeinflusst die Medikamente, die du nimmst. Wenn du Antidepressiva nimmst hat dieser einen großen Einfluss darauf wie sie wirken. Er beeinflusst wie schnell du am Morgen aufwachst. Er beeinflusst deinen Schlaf. Er lässt dich älter aussehen. All diese Dinge. Einige davon sind sehr subtil und sie halten dich nicht davon ab täglich zu funktionieren. Aber er hat dennoch einen Einfluss auf dein Leben. 

Lass uns über ein Beispiel sprechen, was du gerade genannt hast. Gibt es eine Definition für einen „gefährdeten Trinker“?

Das hängt von der Menge ab, die du trinkst, wie oft, als auch von den Folgen deines Trinkens. Zum Beispiel habe ich nicht jeden Tag getrunken, aber ich kam an einen Punkt, an dem ich nicht mehr aufhören konnte zu trinken, wenn ich einmal angefangen hatte. Ich habe mich in viele gefährliche Situationen gebracht. Einige Menschen trinken vielleicht nicht jeden Tag, aber wenn sie am Freitag oder Samstag trinken und sie Probleme haben aufzuhören, dann beeinflusst es ihr Wochenende, ihre Gesundheit, ihre Beziehungen und ihre Entscheidungsfindung. Es liegt ein Problem vor und es heißt nicht nur weil du fünf Tage die Woche nichts trinkst, sind diese beiden Tage unproblematisch. Der einzige Weg zu wissen, ob Alkohol ein Problem für dich ist, ist wenn du anfängst dir Gedanken über dein Trinkverhalten zu machen und denkst „Naja, vielleicht hat er doch einen Einfluss auf mich und ich bin deswegen etwas besorgt.“. Dies ist ein sehr persönlicher Weg. Es geht darum sich selbst zu akzeptieren und zu akzeptieren das Alkohol dich auf verschiedene Weise zurückhält das Leben zu führen, welches du führen möchtest. 

Könntest Du bitte für Menschen, die mit dem Thema nicht vertraut sind, in einfachen Worten erklären was ‚mindful drinking’ ist?

Da muss ich kurz mit einer kleinen Geschichte beginnen. Wir haben einen Guide für Kneipen und Bars in der UK, der Clubsodaguide.com. Wir listen all die alkoholfreien Getränke auf und wo du sie in Kneipen und Bars bekommen kannst. Wir bewerten Kneipen und Bars wie gut sie für ‚mindful drinker’ (achtsame Trinker) sind. Als ich damit begonnen habe, wollte ich den Guide „einen Guide für gesunde Trinker“ nennen, aber du kannst gesetzlich nicht von ‚gesund’ UND ‚Alkohol’ in der UK sprechen. Also musste ich ein anderes Wort finden und wir fanden das Wort mindful (Achtsam). Somit haben wir den Guide 2007 veröffentlich als ein Guide für mindful drinkers (achtsame Trinker). Es ist ein sehr dienliches Wort, weil, wenn du noch nie getrunken hast – bist du ein mindful drinker. Wenn du noch nie viel getrunken hast – bist du ein mindful drinker. Wenn du deinen Alkoholkonsum reduzierst – bist du ein mindful drinker. Ich bin ein alkoholfrei lebender mindful drinker. Es verbindet uns zu einer Gemeinschaft durch ein einziges Wort, welches wir alle unterschiedlich verwenden können. Das ist sehr positiv und letztendlich suchen wir doch alle nach positiven und gesunden Veränderungen in unserer Lebensweise. Uns positiv beschreiben zu können macht einen großen Unterschied. Für ein Wort verleiht es sehr viel Macht. 

photo credits: Steve Allison // unsplash

Das ist eine tolle Definition! Ich dachte jemand, der gar kein Alkohol trink ist kein mindful drinker. Aber du sagst sie oder er ist es! 

Ja, ich beschreibe mich selbst als alkoholfrei lebende „mindful drinker“ (achtsame Trinkerin). Ich habe lang und viel über meinen Alkoholkonsum nachgedacht und meine Entscheidung ist, alkoholfrei zu leben. Aber meine Freunde und Familie sind Menschen, die gemäßigt trinken oder die noch nie getrunken haben oder Menschen, wie mein Cofounder, der so ungefähr zwei Pint Bier pro Monat trinkt. Aber sie sind immer noch meine Freunde und Familie, weil wir ähnlichen Problemen ausgesetzt sind – es gibt keine guten Getränke, wenn wir in Kneipen oder Bars gehen. Wir sind auch mit dem selben Druck zu trinken von Freunden konfrontiert und wir alle leben in einer, wie ich es nennen würde, alkoholzentrierten Gesellschaft. Alkohol ist überall. Ich kann noch nicht einmal die Alkoholwerbung auf meinem Kindle löschen. Sie ist weiterhin zusehen. Wir alle sind mit den selben Problemen konfrontiert und wir teilen auch den selben Frust, auch wenn unsere Wege etwas unterschiedlich sind.

Ich glaube auch, dass Großbritannien, und natürlich Russland und Deutschland, alle alkoholzentrierte Gesellschaften sind. Wenn man jemanden besucht, ist es total normal als Geschenk eine Flasche Alkohol mitzubringen. 

Ja, Alkohol gibt es schon seit einer sehr langen Zeit. Diese Kulturen haben sich über Hunderte von Jahren entwickelt und wir werden sie nicht schnell aufdröseln können. Also müssen wir lernen zusammen als Gemeinschaft durch sie hindurch zu steuern. 

Du erwähntest die lange Geschichte von Alkohol und wie er unsere Gesellschaften beeinflusst. Es gab schon vorher Abstinenzbewegungen, wie zum Beispiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA. 

Es gaben Abstinenzbewegungen überall auf der Welt.

Was ist der Unterschied zwischen den Abstinenzbewegungen von damals im Vergleich zu heute und beispielsweise deiner Arbeit, abgesehen von religiösen Einflüssen natürlich? 

Die Geschichte der Abstinenzbewegung in der UK umfasst zwei Strömungen. Eine ist die religiöse Strömung. In Irland findest du immer noch Menschen, die mit 16 einen Schwur ablegen keinen Alkohol zu trinken, weil es Teil ihrer Religion ist. Es gab aber auch noch eine große Gewerkschafts- und Arbeiterbewegung, weil es als ein Arbeiterproblem gesehen wurde, da Alkohol trinken diese insbesondre betraf. Einiges davon basierte nicht auf Religion, sondern darauf sicherzustellen, dass Menschen, die hart für ihr Leben arbeiten nicht unter Alkohol leiden müssen. Ich denke der Unterschied zu jetzt sind ein paar Dinge. Nummer Eins, ich denke nicht, dass eine Abstinenzbewegung wie damals in eine moderne Gesellschaft wie unsere hinein passt. Es geht darum Entscheidungen zu treffen und Optionen zu haben. Entscheidungen zu treffen, die richtig für dich sind. Für mich umfasst dies auch eine Debatte über Drogen, die zur Zeit illegal sind, welche aber weniger gefährlich sind als Alkohol, aber Alkohol ist immer noch legal. Wo sollen wir also anfangen Entscheidungen für unser eigenes Leben zu treffen?

Der andere Punkt ist, dass dies sehr gut in die Sparte des gesunden Lifestyles passt, als einer Diskussion über Religion, Armut oder Gesellschaftsschichten. Denn du kannst so viel Gemüse essen wie du möchtest, aber die ganze harte Arbeit war umsonst, wenn du dann am Abend eine Flasche Wein trinkst. Der Unterschied ist, dass Alkohol früher ganz anders vermarktet wurde, im Vergleich zu den letzten 30 Jahren. Frauen zum Beispiel haben in den 20ern nicht so viel getrunken, aber sie sind heute mit die größten Trinker*innen. In vielen Ländern heißt es das, je ärmer du bist, desto mehr trinkst du auch, aber in Großbritannien ist es umgedreht: je reicher du bist, desto mehr trinkst du. Die Dinge, die Alkohol damals zurückgedrängt haben sind heute ganz anders, weil wir unsere Zeit damit verbringen, von Werbung nur so beschossen zu werden, die uns erzählt wie sexy und selbstbewusster uns Alkohol macht. Geschlechterrollen haben sich verändert. Frauen trinken genauso viel wie Männer. Die Art und Weise wie wir uns sozialisieren ist anders. Alkohol ist viel billiger. All diese Dinge kreieren den perfekten Sturm. Wir trinken viel, unabhängig von unserem Geschlecht oder unserer Gesellschaftsschicht. Heute wollen wir jedoch gesünder sein und länger leben, aber Alkohol und diese Dinge sind nicht miteinander vereinbar.   

Viele Menschen, die versuchen mit dem Trinken aufzuhören, stellen häufig die Frage: „Wie kann ich ohne Alkohol feiern? Werde ich dann als langweilig angesehen?“. 

Ach, es gibt so viele Sachen, die ich dir dazu sagen kann! Zunächst einmal kannst du feiern auch ohne zu trinken. Die Art wie du Kontakte knüpfst ändert sich. Wichtig ist zu verstehen, dass es sich vielleicht beängstigend anfühlt, aber du Kontakte auch nicht mehr so wie vor 10 Jahren pflegen wirst und es ist auch sehr unwahrscheinlich ist, dass die Art und Weise wie du ausgehst genau gleich bleibt. Wir verändern uns als Menschen und damit auch unsere Prioritäten. Sieh Veränderung nicht als etwas Furcht erregendes. Sieh es als einen Teil deiner natürlichen Evolution als einen erwachsenen Menschen. Zum anderen empfehle ich dir, sobald du kannst auch wieder unter Menschen zu gehen, nachdem du dich entschieden hast nichts mehr zu trinken, weil es zu deiner Super Power wird. Wenn du an einem Samstagabend in der Bar, oder auf einer Hochzeit oder bei ähnlichen Veranstaltungen, nüchtern bleiben kannst dann erlangst du eben diese Super Power. Du erkennst, dass der Himmel nicht über dir einstürzen wird. Der Abend hat einfach nur eine andere Form als zuvor. Du lernst ganz neue Dinge kennen, indem du lernst nüchtern zu bleiben. Wenn du am Freitag ausgehst, hast du am Samstag keinen Kater und hast dadurch einen weiteren Tag gewonnen, das wirst du schätzen lernen. Ohne Frage wirst du dich erst einmal komisch fühlen. Für eine Weile wirst du das Glas in deiner Hand vermissen, aber gib dem Ganzen einfach sechs Monate und viel Übung. Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem du dich genauso lustig und liebenswert und großartig fühlst wie davor, nur eben ohne dem alkoholischen Getränk in deiner Hand. Dann wirst du auch anfangen die Art und Weise wie du dich mit Menschen triffst, neu zu gestalten. Du wirst feststellen, dass du Leute nach der Arbeit für eine Stunde treffen kannst und genauso viel aus dieser Zeit rausholen kannst, wie in vier Stunden in denen du betrunken warst. Dann hast du aber auch Zeit zu Hause fernzusehen und dein Samstag ist frei. Du kannst früh aufstehen und wenn du möchtest dich noch mit mehr Leuten treffen. Mein Sozialleben hat sich sehr verbessert seitdem ich das Trinken aufgegeben habe. Es ist anders. Es ist nicht schlechter. Es ist einfach nur anders. Dieser Unterschied ist gut, weil ich jetzt einfach viel mehr Zeit habe.

Ich kann mir vorstellen, dass all diese Gründe sehr motivierend sind ein „mindful drinker“ zu werden!  

Ja, es ist eine berechtigte Angst für jeden der sein Trinkverhalten ändern will, dass er sein Sozialleben verliert oder sich sein Sozialleben ändert. Aber erkenne auch an, dass Veränderung eine gute Sache ist. Du entscheidest wie du dein Sozialleben gestalten willst, dein neues soziales Ich. Möchtest du am Samstag mehr laufen gehen, anstatt dich unter einer Bettdecke zu verstecken? Dann gehe raus und finde die Lauf-Gruppen. Du kannst entscheiden. Wenn du trinkst, dann drehen sich deine Gedanken um das nächste Getränk und woher du es bekommen kannst.

Wenn jemand aufhört zu trinken und dann ein paar Mal ausgeht ohne Alkohol zu konsumieren, könnte die Person denken, dass sie oder er Alkohol nun bewusst trinken kann und beim nächsten Mal wird wieder zu viel konsumiert. 

Ah ja, du meinst Ambivalenz. Das kann jedem passieren, der versucht eine Verhaltensweise zu ändern, selbst wenn du eine Diät machst. Was du dann denkst ist: “Ich habe das für mich gelöst und mir geht es gut. Ich versuche gemäßigt zu trinken“. Das ist ein Teil des Weges. Das erste was du verstehen solltest ist, dass Ambivalenz dir an einem Punkt auf deinem Weg begegnen wird und du es erkennen solltest. Dein Gehirn versucht mit Tricks dich dazu zu bringen wieder zu trinken, wenn du nicht trinkst und dir absolutes Selbstvertrauen vorgaukelst, weil du vergessen hast wie schlimm es war. Versuche Ambivalenz zu widerstehen und erkenne es. Es brauchte drei Jahre bevor ich mich wirklich sicher fühlte, dass meine erste Reaktion auf eine emotionale Situation nicht der Wunsch nach Alkohol war und es brauchte so lange bis die Verknüpfungen in meinem Gehirn weg waren. Es ist ein gefährlicher Punkt, aber er wird kommen, ob du nun zu Hause vor dem Fernsehen sitzt oder ob du ausgehst. Das Schlimmste beim Ändern deines Trinkverhaltens ist das Gefühl, dass du nicht mehr ausgehen kannst und dich zu Hause versteckst. Diese Einsamkeit und das Gefühl des Verlusts wird sich noch stärker anfühlen, weil du spürst du genießt dein Leben nicht. Tatsächlich erlaubt dir aber die Unabhängigkeit von Alkohol dein Leben zu genießen, weil es dir mehr Zeit und Energie gibt. Dein Kopf ist klarer. Dein Gehirn arbeitet besser. Du musst Ambivalenz für das erkennen was es ist, es ist ein sehr natürlicher Teil des Prozesses. 

Ich bekommen den Eindruck, dass dieser Weg zu „mindful drinking„, nicht nur das alkoholfreie Leben betrifft, sondern es tatsächlich darum geht Dinge wiederzuerlangen oder neue Sachen zu erleben in jedem Lebensbereich

Ja, zum Beispiel organisieren wir unsere Events immer in Kneipen und Bars, weil es darum geht neue Verhaltensweisen in einer vertrauten Umgebung zu trainieren. Schon allein zur Bar zu gehen und nach einem alkoholfreien Bier zu fragen ist ungewohnt, aber es ist OK. Zum anderen, wissen wir oft, dass wir mit dem Trinken aufhören sollten. Wir setzen uns einen Vorsatz fürs neue Jahr: „Dieses Jahr werde ich weniger trinken oder dieses Jahr werde ich mit Trinken aufhören“. Aber wir verstehen meist nicht wieso wir das wollen. Du musst dir die Motivation dahinter ansehen. Was ist deine Intention? Wir haben Menschen in Club Soda UK, die mit dem Trinken aufhören um bessere Großeltern sein zu können oder weil sie ihr Unternehmen gründen wollen, oder weil sie ihre Wochenenden zurück haben wollen, oder weil sie dann nicht mehr mit ihrem Partner streiten. Es ist sehr wichtig dich auf die Gründe zu fokussieren warum du mit dem Trinken aufhören willst und hier kommen wir auf die Diskussion von vorhin zurück – bist du ein Alkoholiker oder nicht? Die Wahrheit ist, wenn du das Gefühl hast, dass es etwas in deinem Leben gibt, was du verbessern möchtest und wenn dein Trinkverhalten dazugehört – dann solltest du daran arbeiten deinen Alkoholkonsum zu ändern. Das ist dein größerer Antrieb und nicht die Schlagzeile „Ich muss mit dem Trinken aufhören“ oder „Ich muss weniger trinken“. Was ist es was du dir für dein Leben wünschst? Was ist das Leben was du führen möchtest? Und wie kann eine Veränderung deines Trinkverhaltens dir damit helfen?

Du hast gerade Familie erwähnt. Wie ist es wenn du mit dem Trinken aufhören willst oder reduzieren möchtest, aber dein Partner noch trinkt?

Das kann sehr schwierig sein. Du musst damit beginnen ehrliche Gespräche zu führen, insbesondere wenn euch in eurer Beziehung das gemeinsame Trinken verbindet. Du brauchst deinen Partner als einen „Cheerleader“ und du musst ihn ins Boot holen. Lass ihn oder sie wissen, wieso du diese Veränderung willst. Es ist nicht etwas, was dazu da ist eure Beziehung zu gefährden. Es ist eine Veränderung, die du für deine Gesundheit unternimmst. Wenn du in einer Beziehung bist, dann bist du immer noch ein Individuum und du hast immer noch die Fähigkeit und das Recht eine Veränderung zu wollen, die gut für deine Gesundheit ist. Du musst mit deinem Partner reden und ihr/ihm sagen, wie sie/er dir helfen kann. Wir wollen den Menschen am meisten helfen, die wir lieben. Anstatt deinem Partner zu sagen „Das war’s. Ich trinke nicht mehr“, habt eine Unterhaltung darüber warum du diese Veränderung durchführst und was du denkst du daraus gewinnst. Sag ihr/ihm dann sehr genau wie sie/er dir helfen kann. Zum Beispiel: „Würdest du mir helfen ein Restaurant zu finden, in das wir gemeinsam gehen können, wo du trinken kannst, was du möchtest, und es auch noch etwas für mich gibt? Kannst du mir helfen ein neues Lieblingsgetränk zu finden, damit wir den Moment des gemeinsamen Trinkens teilen können? Kannst du mir helfen, indem du keinen Druck auf mich ausübst?“. Unserem Partner deutlich zu sagen, was für Dinge wir von ihr/ihm brauchen ist sehr wichtig. Viele Menschen stellen zweifelsohne fest, dass ihre Beziehung die Veränderungen nicht überlebt, aber die Probleme waren schon vorher da, sie wurden nicht durch das Nichttrinken verursacht. Es geht darum wieder Kontrolle über dein Leben zu gewinnen. Wenn Menschen sich wirklich um dich sorgen und dich lieben, werden sie dich bei deinen Entscheidungen unterstützen. Und das gilt auch für Dating: wenn Leute denken, dass es komisch ist bei dem ersten Date nichts zu trinken, dann ist das ein sehr guter Indikator dafür, dass diese Person nichts für dich ist. 

photo credits: Charlie Foster // unsplash

Ich habe die Erfahrung persönlich machen müssen als ich mit dem Trinken aufgehört habe, das Menschen um mich herum einen großen Wirbel daraus gemacht haben. Sie fragten mich immer: „Warum trinkst du nicht? Bist du schwanger? Bist du krank? Nimmst du Antibiotika?“

Ja, und wenn du mit dem Rauchen aufgehört hättest, dann würden sie alle sagen „Gut gemacht!!“. Du kannst das selbe mit deinen Freunden tun wie mit deinem Partner. Wenn sie dich unter Druck setzten, sei sehr deutlich zu ihnen und sage: „Ich trinke nicht und ich habe diese Entscheidung für mich getroffen. Bitte, setzte mich heute Abend nicht unter Druck etwas zu trinken. Und wenn du ein gesundheitliches Ziel hast bei welchem du Hilfe benötigst, sage mir, wie ich dir im Gegenzug helfen kann?“. Drehe es einfach herum. Je deutlicher du mit Menschen bist, welche Hilfe du von ihnen erwartest, desto weniger können sie dich infrage stellen und dich unter Druck setzen.

Vielen Dank, Laura, für dieses tolle Interview!

*In Deutschland wird fachlich oft die Unterteilung in die fünf „Trinktypen“ nach Jellinek vorgenommen: Problemtrinker, Gelegenheitstrinker, Rauschtrinker, Spiegeltrinker und Quartalstrinker (Suchtfibel; Ralf Schneider)

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