Warum wir ohne Alkohol mehr gewinnen als verlieren.

I n vielen unserer alltäglichen Leben ist Alkohol ein wichtiger, wenn nicht sogar fester Bestandteil. Alkohol gehörte und gehört fast schon selbstverständlich zu unserem Alltag dazu. Aber für viele von uns nimmt Alkohol irgendwann so viel Raum ein, dass er zum Problem wird beziehungsweise wir versuchen durch den Alkohol unserer Probleme zu unterdrücken oder zu lösen, was auf kurz oder lang nicht funktionieren kann und nie funktionieren wird. Unsere Probleme werden durch Alkohol nicht nur nicht gelöst, sondern wir haben gleich noch ein viel größeres Problem.

Wenn wir uns die Frage stellen, ob ein Leben ohne Alkohol vorstellbar ist, dann bekommt es ein Großteil von uns mit der Angst zu tun. Viel zu sehr scheint der Alkohol Teil unseres Lebens zu sein, fast schon so, als dient er als Nektar, der unser soziales Konstrukt zusammenhält. Die Vorstellung ein Leben lang auf Alkohol verzichten zu müssen geht oftmals einher mit der Angst, sein bisheriges Leben nicht mehr weiter Leben zu können und eigentlich durch die Entscheidung mehr zu verlieren, als zu gewinnen. 
Wir denken zurück an die durzechten Nächte, an die vielen Stunden in Bars und Parks, an erste beschwipste Dates, an hemmungslose Hingabe, an volltrunkene Geburtstage, an Feiertage, an Firmenfeiern. Die Vorstellung, diese Feierlichkeiten zukünftig ohne Alkohol durchstehen zu müssen, löst bei vielen von uns einen unangenehmen Druck in der Brustregion aus. Fast schon panisch versuchen wir abzustreiten, dass wir ein Problem mit dem Übeltäter haben könnten und weisen jeden aufkommenden Gedanken daran vehement von uns. Aus den Augen, aus dem Sinn. Warum? Weil wir denken, dass wir durch den Verzicht verlieren. Wir und der Alkohol sind eng miteinander verbunden. Die Gesellschaft und der Alkohol sind noch viel enger miteinander verbunden und wenn ich aufhöre zu trinken, dann bin ich nicht mehr gesellschaftsfähig. Wir denken, dass wir durch den Verzicht von Alkohol unser Leben und unsere sozialen Kompetenzen verlieren. Wir denken, dass wir erst durch den Alkohol sozial kompatibel, locker, ausgelassen und fröhlich mit unseren Mitmenschen umgehen können und uns dadurch andere und uns selbst besser ertragen können.

Alkohol gibt uns das Gefühl zu entspannen, abzuschalten, herunter zu fahren – obwohl in unserem Körper eigentlich das Gegenteil passiert. Wir sprechen von Genuss, haben aber nichts gegen die Wirkung. Wir laufen der Illusion hinterher, dass Alkohol eine zwischenmenschliche Verbindung schafft und wachen am nächsten Morgen in fremden Betten auf und stellen fest, dass wir uns nicht einmal mehr an den Namen erinnern. Kopfschmerzen bleiben. Wir wachen am nächsten Morgen verkatert auf und sind peinlich berührt von der letzten Nacht, der letzten angetrunkenen Whatsapp Nachricht, die den Empfänger eigentlich hätte nie erreichen dürfen. Wir versuchen zu rekapitulieren und hoffen insgeheim, dass alles nicht so schlimm sei und wir uns zumindest nicht allzu sehr daneben benommen haben. Unter Alkoholeinfluss neigen wir nämlich zu spontanen Gefühlsausbrüchen, die wir im Nachhinein, mit relativ klarem Schädel, nicht einmal mehr erklären können. Wir belächeln die Situation und nehmen uns vor, die nächsten Abende nicht mehr zu trinken bis wir ein paar Stunden später im Biergarten hocken. Andere tun dies ja schließlich auch.

photo credit: Pratek Katya // unsplash

Als ich noch getrunken habe, wollte ich fit und gesund sein. Ich habe mich vegetarisch oder vegan ernährt, habe regelmäßig und tatsächlich überdurchschnittlich viel Sport getrieben. Ich war mindestens zwei Mal in der Woche joggen, habe Yoga praktiziert, bin Seil gesprungen, mit dem Fahrrad durch die Gegend gefahren und dennoch habe ich mich nie gänzlich wohl in meinem Körper gefühlt, sondern eher latent aufgebläht. Somit schraubte ich an meiner Ernährung herum und reduzierte noch ein wenig mehr. Rauchte eine Kippe mehr am Tag, aber nichts passierte. Bis ich wieder Hunger bekam. An und für sich stimmte alles mit meiner Ernährung, meiner Bewegung und mir, aber ich kam nicht auf die Idee, dass Alkohol für das ungute Gefühl, die schlechte Laune am Morgen und die drei Kilos mehr verantwortlich sein könnte.

Aber warum fällt es uns eigentlich so schwer auf Alkohol zu verzichten?

Zum einen haben wir die falschen Überzeugungen. Wir denken, dass wir Alkohol brauchen und dass, wenn wir auf ihn verzichten, ein Problem haben und ein* e Alkoholiker*in sind und das möchten wir um jeden Preis vermeiden. Wir sind der Meinung, dass etwas mit uns nicht stimmt, sobald wir zugeben, dass uns Alkohol nicht guttut.
Zudem ist es meist so (und das kenne ich aus meiner eigenen Erfahrung), dass wir gleich alles auf einmal ändern wollen. Das ist ungefähr so wie mit den guten Vorsätzen zum Jahreswechsel. Nächstes Jahr werden wir ein besserer Mensch, wir treiben jeden Tag Sport, essen ausschließlich Obst und Gemüse, trinken mindestens zweieinhalb Liter Wasser am Tag, führen eine gesunde Beziehung (vor allem zu uns selbst), praktizieren Yoga, meditieren jeden Morgen, grüßen die Nachbarn, sind nett zu unserem Partner und verzichten zu guter Letzt auf Alkohol. Und da die ersten drei Vorsätze schon anstrengend genug sind und sich eine unüberwindbare Anspannung in unserem Körper ausbreitet, sitzen wir spätestens am 02.01. um 20.00 Uhr bei einem Glas Weißwein und einer Kippe in unserer Küche und werfen alle Pläne über Bord, sind enttäuscht über unsere Unfähigkeit und aus einem Glas wird eine Flasche. Schöne Scheiße! Das Ding ist einfach nicht machbar.

Ein weiterer Grund, weswegen es uns so schwer fällt auf Alkohol zu verzichten ist, dass wir der Meinung sind, dass wir ohne Alkohol auch ohne Freunde und ohne Leben dastehen werden. Wir haben die verzerrte Vorstellung, dass, sobald wir gänzlich auf Alkohol verzichten, auch sämtliche unserer sozialen Kontakte und Freizeitbeschäftigungen wegbrechen werden und wir bis an unser Lebensende an einem Glas Wasser, in dem traurig eine halbe Zitronenscheibe umherschwimmt, in den Händen halten werden und unser Leben zu einem 24/7 Kampf gegen uns selbst wird.

So, wie wir über Alkohol denken, wird diese Denkweise beziehungsweise Überzeugung auch unsere Entscheidung und den Prozess beeinflussen.

Was wir stattdessen annehmen könnten:

  • Du wirst fitter werden, dich wacher fühlen und mitunter mit Leichtigkeit ein paar Kilos verlieren
  • Du darfst lernen was es heißt, dich um dich selbst zu kümmern und deine Bedürfnisse wahrzunehmen und wertzuschätzen
  • Du darfst lernen achtsamer mit dir umzugehen
  • Ängste und Unsicherheiten sind völlig ok. Diese zeigen Dir wo du noch Klärungsbedarf hast (jedes Mal, wenn wir Gefühle oder Ängste versuchen mit Alkohol zu unterdrücken, ignorieren wir letztendlich ein Signal unseres Körpers)
  • Du musst nicht perfekt sein und dein komplettes Leben auf den Kopf stellen
  • Du wirst deine eigene Intention und deine eigene Kraft und Selbstbestimmung wiederfinden
  • Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen und in dir liegt die Kraft diese, ohne den Einfluss von Alkohol, durchzustehen
  • Du wirst womöglich tatsächlich neue Dinge ausprobieren, was soviel heißt, dass dein Leben mit dem Verzicht von Alkohol nicht aufhört, sondern ein ganz neuer Teil deines Lebens anfängt
photo credits: Stephanie – Renee Cluff // unsplash

In den mehr als zwei Jahren, in denen ich nun auf Alkohol verzichte, hat sich mein Leben ausschließlich zum Positiven geändert. Das heißt nicht, dass ich jeden Tag gleich glücklich oder zufrieden bin oder ständig mit einem breiten Grinsen im Gesicht herumlaufe. Es heißt, dass ich gelernt habe authentisch zu leben und mich und meine Gefühle wahr- und anzunehmen. Ich lebe gesünder und mein Körper dankt es mir. Ich durfte all meine Freunde behalten und bin nicht zu einem sozialen Krüppel mutiert. Ich lache immer noch so viel wie vorher, wenn nicht sogar mehr. Ich stehe seit zwei Jahren jeden verdammten Tag auf und habe keinen Kater mehr und das nenne ich einmal das krasseste „High“, welches ich jemals in meinem Leben hatte. Einzig und allein dafür lohnt es sich schon.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s