My wake up call aka my wake up fall

M ein Name ist Katharina und ich bin jetzt fester Teil von me|sober. und damit Geschäftspartnerin von Vlada. Das Leben hat mir diese Chance genau zum richtigen Zeitpunkt geschickt. Und somit freue ich mich darauf, die Welt ein wenig nüchterner zu machen.

Meine Beziehung zu Alkohol ist fast so alt wie meine Freundschaft zu Vlada. 28 Jahre ist es jetzt her, dass Vlada und ich zusammen eingeschult wurden. Wir waren damals 6 Jahre alt. Meinen ersten Schluck Alkohol nahm ich glaube ich so mit 9 Jahren zu mir, nur mal zum Probieren versteht sich. Ich fand es widerlich und verstand nicht wieso meine Eltern den lecker fanden. Bald kam die Pubertät und der Drang Erwachsen zu sein. Da gehörte Alkohol definitiv dazu, denn alle Erwachsenen trinken Alkohol. Vlada und ich, wir wollten sehr Erwachsen sein. Bald kam das Abitur und das Studium mit unserer gemeinsamen WG in Leipzig. Eine Flasche Wein hier und billiger Sangria da – das war Standard. Nach dem Studium ging es für uns beide ins Ausland. Vlada trank mehr und ich weniger. Wieder in Europa, in unserer alkoholzentrierten Gesellschaft, verfiel ich schnell in alte Muster. Trinken am Feierabend, bei Freunden zu Hause und wenn wir weggingen, doch ein Limit kannte ich nie. Oft fand ich mich verkatert und ohne Erinnerung an den vorherigen Abend in meinem Bett wieder. Beim nächsten Mal wird es anders, schwor ich mir, doch das nächste Mal wurde wieder genauso. Erst durch Vladas eigene Erfahrung mit Alkohol, die mich bis heute noch sehr bewegt und ein wake up call aka wake up fall, sollte meine Beziehung zu Alkohol komplett verändern.

photo credit: Elliott Blair // unsplash

Ich bin gezeichnet für den Rest meines Lebens und alles begann mit einem lustigen Abend mit Freunden in einer Bar. Zu der Zeit lebte ich in den Niederlanden und Barabende mit meinen Kollegen und Freunden gehörten zu meinem Alltag. An diesem Abend flossen wie immer viele Starkbiere und wir unterhielten uns angeregt. Kurz nach Mitternacht gratulierten wir alle unserem Kumpel zu seinem 30. Geburtstag. Und noch eine Runde! Ich war schon stark alkoholisiert als wir uns dazu entschlossen, den Heimweg anzutreten. Ein anderer Kumpel von mir wohnte bei mir um die Ecke und war ohne Fahrrad da, das Fortbewegungsmittel Nummer 1 in den Niederlanden. Er fragte mich, ob ich ihn auf meinem Gepäckträger mitnehmen könnte – auch dies eine Normalität in dem kleinen Land. Na klar, konnte ich das! Somit machten sich zwei Betrunkene auf einem Fahrrad auf den Weg nach Hause. Er, Physikdoktorand, auf dem Gepäckträger meines Fahrrads sitzend und paar Kilos schwere als ich. Ich, sitzend auf dem Sattel, die Pedale harttretend und hochkonzentriert mit meinem schweren „Gepäck“ im Schlepptau und dem Versuch, nicht umzukippen. Wir waren noch nicht weit gekommen, bis es ein Stück bergab ging. Das Fahrrad nahm mit uns und unseren biergetränkten Hirnen Fahrt auf und relativ schnell verlor ich die Kontrolle über mein Gefährt. Am Ende des Berges befanden sich schmale Metallabsperrungen, wie kleine Säulen ragten sie aus dem Boden hervor. Es war eigentlich genug Platz für einen Fahrradfahrer, um zwischen zwei Säulen hindurch zufahren, aber anscheinend nicht für betrunkene Radfahrer wie wir es waren. Und somit fuhr ich mit voller Geschwindigkeit und meinem Kumpel auf dem Gepäckträger gegen eine dieser Säulen. Uns schleuderte es beide vom Rad. Er landete halb auf mir. 

photo credit: Ian Valerio // unsplash

Ich muss zugeben, dass meine Erinnerung doch etwas verrauscht ist, aber ich nahm doch recht schnell Schmerzen in meiner linken Schulter wahr und auch mein Kopf schmerzte vom Aufprall. Meinem Kumpel, da weich gefallen, schien es Gott sei Dank soweit gut zu gehen. Es vergingen nur ein paar Minuten bis sich eine Menschentraube um uns gebildet hatte. Darunter auch zwei Polizisten. Schnell wurde ein Rettungswagen geholt und ich saß benebelt gegen die Metallsäule gelehnt, die ich zuvor so hart attackiert hatte. Währenddessen fand sich auch mein Kumpel, das Geburtstagskind, ein, weil er von dem Tumult auf der Straße angezogen wurde. Der Rettungswagen kam und nahm mich und meine zwei Kumpels mit. An die Fahrt im Rettungswagen kann ich mich nicht mehr erinnern, da die Sanitäter mich mit Schmerzmitteln vollpumpten. Aber für das Geburtstagskind war es, nach eigener Aussage, ein tolles ‚Geburtstagsgeschenk’. Im Krankenhaus, nach einer ersten Bestandsaufnahme und einem Röntgenbild später, dann die ernüchternde Diagnose ‚Schlüsselbeinbruch’.

Originalbruch

Ich wurde mit einer Schlinge um den Hals, Rezepten für starke Schmerzmittel und der Aussage ‚das muss alleine heilen’ nach Hause geschickt, aber erst nachdem mein Kumpel und ich noch ein Bild von mir im Krankenhausbett machten. Er war lediglich mit einem Pflaster um seinen Finger davongekommen. Verkatert und zugedröhnt mit Schmerzmitteln, verließ ich das Krankenhaus. Draußen dämmerte es schon. Noch schnell holten wir meine Medikamente in der Krankenhausapotheke ab und per bestelltem Taxi ging es nach Hause. Die Fahrt war eine Tortur, mir war kotzübel. Sobald ich mich aus dem Auto gearbeitet hatte brach es aus mir heraus, neben einem Baum direkt neben dem Haus, in dem ich wohnte. Mein Kumpel verabschiedete sich leise und ich schleppte mich ins Dachgeschoss in meine Wohnung. 

photo credit: Alexander Possingham // unsplash

Die nächsten Tage und Wochen sollten hart werden. Nicht nur wachte ich total verkatert und mit schlimmen Schmerzen auf, auch musst ich mich auf Arbeit krankmelden. Die nächsten Tage verbrachte ich hauptsächlich im Bett mit Schmerzmitteln und im selben Kleid. Dieses wollten sie mir im Krankenhaus aufschneiden, um mich besser untersuchen zu können, doch ich wehrte mich vehement, war es doch eines meiner Lieblingskleider. Aus diesem war aber nun kein Entkommen mehr, da ich hätte meine Arme heben müssen – was unmöglich war. Und so lag ich nun tagein, tagaus, alleine in meiner kleinen Wohnung und kam um eine Frage nicht herum

‚War es das wert? War es das wert meinem eigenen Körper so zu schaden? Ihn nicht nur mit Alkohol zu vergiften, aber dann auch noch so zu verletzen? Mich selbst und einen Freund solch einer Gefahr auszusetzen, da es mich und vor allem auch ihn hätte viel schlimmer treffen können.‘

Das hätte ich mir nie verziehen. Ich schämte mich und fühlte mich meinem Körper gegenüber schuldig. Meine Freunde waren in dieser Zeit für mich da, sie brachten mir Essen vorbei und kochten ab und zu für mich. Rückblickend betrachten sind die Reaktionen meiner Freunde und selbst meiner Familie jedoch etwas befremdlich, denn die meisten fanden es lustig und bis heute ist es eine der am häufigsten erzählten Geschichten in meinem Freundeskreis. Ich wünschte, ich könnte sagen, dass diese Erfahrung meine Einstellung zu Alkohol komplett änderte und ich ab diesem Tag nie wieder etwas getrunken habe, doch Gewohnheiten und Glaubenssätze sind tief verankert. Es brauchte noch zwei Jahre und eine beste Freundin mit ihrem schweren Weg aus ihrer Abhängigkeit, der letztendlich alles änderte. Rückblickend kann ich sagen, dass diese Erfahrung der Anfang vom Ende war oder sollte ich eher sagen das Ende für einen Neuanfang, denn es pflanzte einen Samen des Zweifels an meiner Beziehung zu Alkohol.

Als Randnotiz für alle Neugierigen, mein Schlüsselbein ist wieder zusammengewachsen, aber nicht mehr so, wie es vorher war. Auch habe ich ab und zu Schmerzen in meiner linken Schulter, vor allem wenn ich schwer hebe. Und somit werde ich wohl für den Rest meines Lebens mit dieser dummen Entscheidung leben müssen.

Photo credit: Pedro da Silva https://pedrodasilvaphotographer.com

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