Dates on Ice

J etzt weiß ich wieder, warum ich Tinder nicht mag. Weil Tinder unberechenbar ist.

Wir schreiben und telefonieren und schreiben weiter. Es ist kein Haken zu finden außer, dass er meint, dass ich den Haken finden werde, sobald ich ihn live sehe. Sollte er recht behalten? 

Er schlägt einen Face Time Call vor. Ich kann nicht. Plötzlich kommen Gedanken auf wie: 

„Was ist, wenn ich ihn sehe und mir eine Millisekunde später mein Gesicht einschläft, weil ich dachte, dass er anders aussieht?“ 

Das und dieser Gedanke sind völlig gemein und das kann ich auf gar keinen Fall bringen! Ich entscheide mich gegen Face Time, oder zumindest für das Verschieben um ein paar Tage. Ich bin aufgeregt und ich kann nicht mehr wirklich klar denken. War das schon immer so? Das kenne ich so gar nicht von mir. Vielleicht liegt es daran, dass ich es nicht gewohnt bin solche Dinge nüchtern zu tun. Solche Dinge wie Männer kennenlernen. Ich bin also ein wenig high und genieße das vorerst.

Das Wochenende rückt näher. Es scheint alles gut zu laufen und meine Aufregung legt sich Tag für Tag ein wenig. Zurzeit herrscht sowieso ein wenig „System Overload“. Umzug, Gründung, neues Leben, viele Entscheidungen, fremdes Bett, Großstadt und Tinder. Aber ich nehme an, dass mir eigentlich nicht so viel passieren kann.

Wir entscheiden uns also für ein Date am frühen Morgen. Freitags. Freitagfrüh um 09.00 Uhr. Ich hätte ihn auch mit auf meine morgendliche Gassi – Runde nehmen können, aber das scheint mir vorerst zu intim zu sein. Meine Hündin ist möglicherweise noch nicht bereit dafür.
Also Freitag Frühstücken um 09.00 Uhr morgens. Es fühlt sich an, wie einen Geschäftstermin wahrnehmen, aber irgendwie finden wir beide diese Vorstellung eher witzig. Er weiß zudem, dass ich darüber schreiben werde. Ich versichere ihm, dass ich ihm den Text vorher zeigen werde, bevor ich ihn veröffentliche. Das ist privat, das ist nicht geschäftlich. Es ist nur so, dass ich über mein privates geschäftlich schreibe. Er lässt sich darauf ein und ich denke mir: „Lieber spiele ich mit offenen Karten, als einfach so zu schreiben, ohne, dass mein Date darüber Bescheid weiß.“

Den Abend zuvor bin ich unaufgeregt. Das ist gut. Das bedeutet, dass ich noch klar denken kann, oder, dass ich gestresst bin, sodass mir keine Zeit für Aufregung bleibt. Ich stehe am Freitagmorgen um 07.00 Uhr auf, um mit meiner Hündin Gassi zu gehen. Ich schaue in den Spiegel und mein Gesicht fühlt sich irgendwie „zermatscht“ an, wenn man das so nennen möchte. Zu wenig Schlaf, zu zeitiges Aufstehen, aber wird schon.

Kurz bevor ich aus der Wohnungstür treten möchte, erreicht mich eine Kurzmitteilung:

„Hi Vladi, ich hab‘ verpennt. Können wir 09.30 Uhr machen?“ – oder so etwas in der Art.

Für einen kurzen Moment weiß ich nicht, ob ich das cool finde. Immerhin bleibt mir dann noch Zeit mich für 15 Minuten auf die Couch zu legen. Also beschließe ich, dass es okay ist.

Ich laufe die Straße entlang. Ich muss 30 Minuten laufen. Eigentlich liebe ich Laufen, aber nicht, wenn ich gestresst bin. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich es anderen immer recht machen möchte, aber was will ich eigentlich?

Eine weitere Kurzmitteilung erreicht mich:

Weißt du schon, was du trinken möchtest?

photo credits: Priscilla du Preez // unsplash

Das ist nett. Das ist wirklich nett. Heiße Zitrone mit Ingwer wäre richtig, richtig gut. Er ist schon da und ich fünf Minuten später. Plötzlich ploppt ein Gedanke auf:

„Was ist eigentlich, wenn er mich nicht cool findet?“

Wird schon nicht passieren. Ich bin cool. Zumindest glaube ich das.
Ich betrete das Café, oder wie auch immer man die Location bezeichnen möchte. Sie ist schön. Ich stelle mich neben ihn und sage:

 „Hallo.“

Er sieht so aus, wie ich es mir vorgestellt habe. Nur besser. Ich bin erleichtert, obwohl ich nicht oberflächlich sein möchte. Mir kommt es so vor, als würde ich ihn schon kennen. Das mag vielleicht daran liegen, dass mir in dem Moment, in dem ich ihn sehe, auffällt, dass er genauso aussieht, wie mein Exfreund – nur in heller. Da mir die Bezeichnung „Exfreund“ nicht sonderlich gut gefällt, nenne ich ihn hiermit Mogli. 

Mein Tinder – Date ist also eine hellere Version von Mogli. Ich bin verblüfft und frage mich, was mir mein Unterbewusstsein soeben für einen Streich gespielt hat? Die Frisur, die Nase, die Größe, die Augen. Egal, ich muss jetzt klar denken. Ich versuche entspannt zu wirken. Gelingt mir eigentlich ganz gut – wie ich finde. Ich beschließe, dass wir nebeneinandersitzen und nicht gegenüber, weil ich sonst Gefahr laufe, dass meine Mundwinkel anfangen zu zittern, wenn ich mich zu sehr auf das „Nicht nervös sein“ konzentriere. Er ist lustig. Genauso, wie am Telefon. Wir reden und lachen und ich mag ihn. 

Er hat Porridge bestellt und irgendwie finde ich das wirklich niedlich. Auch wenn Porridge ungewohnt klingen mag, aber Porridge ist genau das, was ich in diesem Moment brauche. Auf meiner Schüssel breitet sich eine klebrige Schicht aus Zartbitterschokolade aus und ich hoffe, dass ich, nachdem ich einen Löffel in meinen Mund geschoben habe, nicht aussehe, als hätte ich einen Esslöffel Nutella in mich hineingeschoben, welche sich jetzt langsam zwischen meinen Zahnzwischenräumen verteilt. Wäre aber jetzt irgendwie komisch auf die Toilette zu gehen, um nachzuschauen. Fragen möchte ich Mr. Tinder auch nicht und mit geschlossenem Mund lachen sieht tatsächlich richtig albern aus. Ich hoffe einfach darauf, dass es das Schicksal gut mit mir meint. Ich versuche den Löffel, den ich mir samt Porridge – Zartbitterschokolade in meinen Mund schiebe, nicht mit meinen Zähnen und auch nicht mit meinen Lippen zu berühren und hoffe, dass es nicht allzu albern aussieht. Egal, ich bin auch nur ein Mensch.

Wir reden und lachen und alles ist irgendwie cool. Ich mag ihn, ich mag ihn wirklich und ich frage mich, warum? Er steht auf und geht zum Tresen, da er sich Sirup für seinen Tee holen möchte. Als ich ihm auf sein Hinterteil starre, erschrecke ich erneut. Sein Hinterteil hat dieselbe Form wie Moglis und der Gang stimmt auch noch überein. Ich bin verwirrt und schüttle leicht mit meinem Kopf, um den Gedanken schnellstmöglich herauszubekommen.

Er kommt wieder und wir reden weiter. Ich stelle Fragen, er antwortet. Er stellt Fragen und ich antworte. Es scheint alles so natürlich – meine ich zumindest. Als ich die sanitären Anlagen aufsuche, bin ich verwundert über die Marschmusik, die erklingt, während ich auf der Klobrille sitze. Es ist alles in allem ein sehr gelungenes Date, wie ich finde.

Er sagt sogar seinen Rückenenthaarungstermin in Potsdam ab und ich denke, dass das ein gutes Zeichen ist.

photo credits: Michelle // unsplash

Wir gehen an der frischen Luft spazieren und reden weiter. Es fühlt sich schön an. Irgendwie so leicht. Wir laufen durch den Mauerpark und er fragt mich, ob ich schaukeln möchte. Klar, möchte ich schaukeln. Wir gehen auf den Spielplatz und ich setze mich auf den Autoreifen. Das tut echt weh zwischen meinen Beinen. Hab‘ ganz vergessen, dass sich das früher auch immer so angefühlt hat. Egal. Zähne zusammenbeißen und durch. Ich schleudere meine Beine hin und her und denke mir, dass er mich doch mal Anschieben könnte. Die Sonne scheint mir direkt in meine Visage und ich vermute, dass ich mein Gesicht soeben zu einer Fratze verforme. Ich bin so – was soll ich machen.

Ich springe von der Schaukel und wir laufen weiter durch den Mauerpark. Wir reden und plötzlich sagt er:

„Du stellst so viele Fragen. Man könnte meinen du bist Reporterin.“ 

Oder so etwas in der Art. Ich versichere ihm erneut, dass das hier privat ist und dass ich nichts veröffentlichen werde, was er nicht vorher gesehen hat und das alles cool ist und dass ich immer viele Fragen stelle, weil ich mich für meinen Gegenüber interessiere. Das war schon immer so und wird auch hoffentlich immer so bleiben.

Wir laufen in Richtung Eberswalder Straße. Eigentlich muss ich in die andere Richtung. Ich denke, dass er das weiß. Ich laufe mit. An der Kreuzung angekommen sage ich, dass ich in die andere Richtung muss. Die Verabschiedung verläuft etwas holprig und ich werde nervös. Er meint, dass wir uns hören. Ich meine, dass das ok ist. Ich laufe los. Zwei Schritte später bemerke ich, dass ich in die falsche Richtung laufe, drehe mich abrupt herum und stoße fast mit Menschen zusammen. Wie peinlich. Egal, nichts anmerken lassen. Es ist kurz vor 12 Uhr. Ich genieße den Spaziergang und bin wieder etwas high. Meiner besten Freundin hinterlasse ich eine Sprachnachricht, in der ich ihr mitteile, dass Mr. Tinder richtig, richtig, richtig cool ist. Ich freue mich. Das Date ist gelungen.

Als ich bei Tatiana in der Wohnung ankomme, bekomme ich das Grinsen fast gar nicht mehr aus meinem Gesicht. Ich erzähle ihr, wie es war und sage, dass ich ihn richtig, richtig cool finde. Ich bin immer noch high.

Eine halbe Stunde später schreibe ich ihm:

„Danke! Das war voll schön!“

Er antwortet:

„Und ich so, das war jetzt aber ein abruptes Ende. Aber ja, fand’s auch nett.“

Ich entschuldige mich für das abrupte Ende. Er macht sich über meinen Abgang lustig. Das ist ok. Aber warte mal, ist „nett“ nicht der kleine Bruder von „scheiße“?

Ich frage mich, ob er mich cool findet und habe plötzlich ein komisches Gefühl. Ich weiß nicht woher es kommt und ignoriere es vorerst. Wenn man nüchtern lebt, dann sind Gefühle immer da. Besoffen zwar auch, aber dann bekommt man sie nicht mit. Also fühle ich und arbeite weiter.
Kurz vor Mitternacht sage ich Tatiana, dass ich denke, dass er mich nicht cool findet, schaue mir seine letzte Textnachricht an und bemerke, dass ich zwei Fragen gar nicht beantwortet habe. Ich bin gestresst und mein Hirn schwirrt überall herum. Also wenn er mir Fragen stellt, dann sollte er mich doch eigentlich cool finden, oder etwa nicht?
Ich beschließe, ihm am nächsten Morgen zu schreiben und ihm seine Fragen zu beantworten.

photo credits: Liz Sanchez Vegas // unsplash

Am Samstag bin ich mit Mogli zum Atmen und Eisbaden verabredet. Ich bin zu spät dran und versuche mich zu beeilen. In der Bahn sitzend schreibe ich Mr. Tinder eine Nachricht. Ich beantworte seine Fragen, erkläre mich und ich sage, dass ich auf dem Weg zu einem Workshop bin. Dass dieser 16 Uhr endet und ob er denn nicht Lust hätte, sich nochmal mit mir zu treffen. Ich bin mir meiner Sache sicher und drücke auf Senden. Schließlich weiß er ja auch, dass ich nur über das Wochenende in Berlin bin.
Pünklich um 10.00 Uhr stehe ich vor Moglis Haustür. Ich klingle – nichts passiert. Ich rufe an – nichts passiert. Ich schreibe eine Textnachricht – nichts passiert. Ich bin mir sicher, Mogli hat verschlafen. Ich überlege nicht, ob ich es cool finde, sondern weiß sofort, dass es ok ist. Nur frage ich mich, warum mir das zwei Tage hintereinander passiert. 10 Minuten später öffnet Mogli die Tür.

Wir reden und reden und reden und laufen und reden. Wir laufen über eine Brücke. Ich hole mein Handy aus meiner Manteltasche und werfe einen Blick drauf. Eine Nachricht von Mr. Tinder. Ich entsperre mein Display und lese sie mir durch.

„Blablablablablablablabla …. Bin schon verplant dieses Wochenende. Sorry.“

In Bruchteilen einer Sekunde rutscht mir mein Herz in meine Hose und ich fühle mich, als hätte mir jemand mit voller Wucht in mein Gesicht geschlagen. Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen.
Das ist ein Korb. Schwarz auf Weiß. Aber warum dieses Blablablablabla vorab und warum überhaupt dieses Date und warum zur Hölle hat mich mein Bauchgefühl nicht gewarnt? Auf mein Bauchgefühl war doch bisher immer Verlass? Warum hat es mich soeben verdammte Scheiße nochmal im Stich gelassen? Fuck, man! Ich habe es nicht kommen sehen und das fühlt sich kacke an.
Früher war es immer so, dass ich so etwas meilenweit entfernt schon riechen konnte. Ich wusste, wo der Haken hängt. Diesmal habe ich es nicht kommen sehen und mein Magen zieht sich zusammen.
Egal, ich muss mit Mogli atmen gehen. Ich versuche mich auf den Workshop zu konzentrieren, was mir sehr gut gelingt.

Atmen, high sein, atmen. Ich bin glücklich. Mogli liegt neben mir. Ich hatte ganz vergessen, dass ich in seiner Nähe entspannt sein kann. Zu zweit steigen wir in eine Badewanne gefüllt mit Eiswürfeln und Eiswasser. Zwei Minuten sollen wir darin sitzen bleiben. Ich schließe meine Augen und versuche zu atmen. Mogli macht sich mehr Gedanken um mich, als um sich selbst. Fucking zwei Minuten geschafft, wir stehen im Kreis und bewegen uns zur Musik. Früher tanzten wir high im Berghain. Wir sind beide nüchtern und ich bin stolz auf uns.

Ich beschließe mir einen Rat von Mogli zu holen:

„Sag mal, würden Männer klar sagen, wenn sie eine Frau nicht cool finden?“

Nachdem er mir eine Tüte mit veganen Gummibären gekauft hat, sagt er:

„Ich habe absolut keine Ahnung vom Daten. Und ich mag Tinder auch nicht, ich bekomme keine Likes.“

Ich muss schmunzeln und schaue Mogli an.

photo credits: Wells Baum // unsplash

 „Ich auch nicht. Und ich kann Tinder nicht leiden. Das ist so oberflächlich und ich wische und denke mir, dass machen andere auch mit mir.“ 

In dem Moment beschließe ich, dass ich Tinder löschen werde. Ich komme in Tatianas Wohnung an und mir ist zum Heulen. Ich weiß, dass ich cool bin und ich denke, ich habe verdient, dass man(n) mir klare Ansagen macht und nicht verbal in mein Gesicht schlägt. Das gehört sich so. Und ich beschließe, dass ich mich nicht so fühlen möchte. Ich erkenne, dass dieses Gefühl der stärkste Trigger sein könnte und dafür lohnt es sich nicht. Ich möchte „the real thing“. Ich möchte angesprochen werden. Ich möchte, dass jemand neben mir steht, der eigentlich schüchtern ist, all seinen Mut zusammennimmt und mich fragt, ob ich mit ihm tanzen möchte. Und ich antworte:

„Wir tanzen doch schon die ganze Zeit miteinander.“

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