Stop Thinking – Start Drinking

M ein lieber Freund, der Alkohol, hat mir so einige Male aus der Scheiße geholfen. Er tröstete mich durch laue Sommernächte, gab mir eine Schulter zum Anlehnen, half mir meine Gefühle abzuschalten und meine feinen Antennen zu betäuben. Schon als Kind nahm ich sehr viele Energien wahr, war strebsam und wollte allen gefallen. Das setzte mich so sehr unter Druck, dass ich gegen diese Überforderung eine Zauberwaffe entdeckte: Alkohol war meine Lösung.

Ich war ziemlich jung, als ich das erste Mal bemerkte, wie gut mich der Alkohol von meinen Fesseln befreite. Ich mochte mich besoffen sehr, denn ich war locker, lustig, entspannt und weniger sensibel. Der Suff war die Lösung meiner Überforderung und Anspannung. Deshalb ging ich schon besoffen auf Partys. Eine Party ohne Alkohol war unvorstellbar und halbbetrunken war rausgeschmissenes Geld. Saufen war mein Highlight, denn betrunken war ich wirklich ICH. Also trank ich weiter. Ein Leben ohne Alkohol? Unvorstellbar.

Mit Anfang 20 hatte ich meinen ersten Filmriss. Das schockte mich erstmal, aber auch daran gewöhnt man sich. Der Körper läuft auf Autopilot und du bist einfach nicht anwesend. Schon am nächsten Tag wollte ich von den Geschichten, die ich auf Filmriss erlebte, nichts mehr wissen. Scheißegal, passiert ist passiert. 

Und irgendwann war ich auch ziemlich trainiert. Ich brauchte viel, um entspannt zu sein und lustig und glücklich, denn nüchtern war alles schwer, anstrengend und düster. Ich war kein Pegelsäufer, aber ich brauchte am Wochenende meine Ration Alkoholexzess.

Ich schoss mich also Freitag und Samstag aus dem Leben und hatte sonntags den Kater meines Lebens.

Pervers stechende Kopfschmerzen, Übelkeit, Schlafentzug und Alkoholdepris boxten mich auf den Boden der Tatsachen. Deswegen gabs am Sonntag noch etwas Konterbier gegen die Kopfschmerzen und das schlechte Gefühl.

Ich fragte mich immer wieder, ob ich vielleicht ein Problem haben könnte, aber mir vielen tausend Gegenargumente ein, warum ich auf keinen Fall ein Alki bin. Schließlich kann ein Abhängiger nicht ohne. Ich hingegen trinke doch zwischendurch keinen Schluck. Und wenn ich mir die anderen anschaue, dann trinken die doch auch hin und wieder. Also alles safe. Weiter geht’s. 

Doch dann passierte es. Meine Beziehung ging kaputt und ich versuchte meinen Kummer zu ersaufen. Der konnte aber schwimmen und jeder feuchttraurigen Nacht mit Wein und Schnaps folgte ein noch beschissener Morgen. Mein lieber Freund, der Alkohol, war zum Monster geworden. Ich schlief beschissen, meine Trauer war am Tag darauf noch schlimmer und mein Kopf hörte einfach nicht mehr auf „Scheiße“ zu brüllen. Ich hatte mich so sehr an die Flasche geklammert, dass mich auch diese betäubende leichte und schöne Wirkung verließ. Dabei wollte ich doch einfach nur unbeschwert sein und nicht mehr ständig Denken müssen. 

So langsam begriff ich etwas: Mit dieser Strategie ging es nur noch bergab. Ich musste aus dieser Abwärtsspirale der Gefühle raus. Es gab keinen anderen Weg. 

Also beschloss ich, meinen Liebeskummer nüchtern zu ertragen. Ich habe viele Anläufe gebraucht, Rückschläge und Alkoholexzesse gehabt und immer wieder bemerkt, wie sehr sich mein Körper gegen den Alkohol wehrte. Jeder Kater am Morgen war ein Warnsignal und eine Vergiftungserscheinung meines Körpers. Ich habe krasse Alkoholdepressionen mitgemacht und mich immer wieder mit den Gedanken über Wasser gehalten:

Halte durch. Morgen ist alles wieder gut.

Heute weiß ich, dass mein Körper sehr sensibel auf Alkohol reagiert. Das wollte ich mir früher nicht eingestehen. Ich habe schon am nächsten Tag leichte Depressionen von ein paar Schlucken Wein. Dennoch verbiete ich mir den Alkohol nicht. Verbote, die ich mir selber auferlege, würde ich sofort brechen, dafür bin ich zu freiheitsliebend. Also habe ich ein paar Jahre ganz auf den Alkohol verzichtet und mich dem Thema Alkohol wieder genähert. Zum einen bemerkte ich, dass ich nichts vertrage und schon nach einem halben Bier betrunken bin und zum anderen mag ich das Gefühl nicht mehr, betrunken zu sein. Mich erinnert Betrunkensein zu sehr an schlechte Momente, grauenvolle Gefühle und jeder verkaterte Depritag ist für mich mittlerweile ein verlorener Tag. 

photo credits: Lily Banse // unsplash

photo credits Titelbild: @peaceofshit.de

Jenny bloggt auf peaceofshit.de über Spiritualität, Achtsamkeit und Rund um das Thema Depression.

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