Von Alkoholikern und Labels

Es gibt zwei Seiten der Medaille. Oute ich mich als Alkoholikerin und weiß gefühlt die ganze Welt davon, dann wird mir selten bis nie ein Drink angeboten. Konflikte, die andere abstinent lebende Menschen oftmals beschreiben wie beispielsweise, dass sie in ihrer Abstinenz nicht ernst genommen werden und ihnen immer und immer wieder ein Drink angeboten wird und ihre Abstinenz als eine Phase belächelt wird, die hoffentlich bald wieder vorüber sein wird, hatte ich noch nie. Ich oute mich, obwohl ich das Wort nicht leiden kann. Ich tue es, um ein Statement zu setzen. Das ist meine eigene kleine Rebellion. Learning by shocking. Wenn mich Menschen kennenlernen, vermuten sie nicht, dass ich trockengelegt bin. Wenn mir dann immer und immer wieder ein Drink angeboten wird, platze ich schnurstracks mit der Wahrheit heraus und ernte dafür oftmals irritierte Blicke. Mein Gegenüber fühlt sich peinlich berührt und weiß nicht, ob er lächeln oder heulend abziehen soll. Eine Lücke im Gesprächsverlauf entsteht. Ich nutze die Bezeichnung trockene Alkoholikerin, um dahingehend ein Statement zu setzen, dass ich nicht dem üblichen Bild entspreche, welches gesellschaftlich gesehen von einem Alkoholiker erwartet wird. Ich bin gepflegt. Das war ich tatsächlich immer. Auch, als ich noch getrunken habe. Viele, wenn nicht sogar der Großteil von uns sind das. Unsere Wahrnehmung ist einfach nur verzerrt, weil ungern öffentlich darüber gesprochen wird und ich möchte dem ein Ende setzen. Also nutze ich diese Worte, um ein Statement zu setzen. Ich fühle mich aber nicht als ein Mensch, den man als trockenen Alkoholiker bezeichnet würde. Letztendlich finde ich diese Bezeichnung irgendwie fehl am Platz. Es ist nicht so, dass ich die Abhängigkeit leugnen möchte. Ich war abhängig. Wir können von so vielen Dingen abhängig werden. Von Drogen, vom Fernsehen, von Pornos, von Sex, von sozialen Medien oder aber auch von einem anderen Menschen. Wenn wir uns von diesen Abhängigkeiten lösen, was sind wir dann? Sind wir dann nicht unabhängig und nicht stillgelegte Fernsehgucker? 

photo credits: Domingo Alvarez // unsplash

Alkoholismus ist eine Krankheit, bei der deine Probleme erst anfangen, wenn du dir eingestehen musst, dass du sie hast. Wenn du die Kontrolle über Alkohol verloren hast und du das auch noch zugibst, dann stimmt gesellschaftlich betrachtet etwas nicht mit dir. Aber haben nicht eigentlich diejenigen die weiterhin feucht fröhliches binge drinking betreiben und sich im Mantel des „andere machen das ja auch und deswegen ist es bei mir noch nicht so schlimm“ kleiden, nicht auch ein Problem? 

Die Bezeichnung Alkoholiker*in war sicherlich über einen gewissen Zeitraum hilfreich, um dem Trinkenden nicht als schwach, willenlos und unfähig abzustempeln. Die Abhängigkeit trug von nun an einen Namen und ein Label wurde ins Leben gerufen. In der Klinik wurde uns immer und immer wieder gesagt, dass Abhängigkeit nicht heilbar ist, sondern einen chronischen Krankheitsverlauf hat. Dem habe ich erst einmal geglaubt. Mehrfach am Tag musste ich die Worte „Mättig Mehrfachabhängig“ von mir geben, bevor ich meinen eigentlichen Satz hinzufügen konnte. Das ist eigentlich eine ganz sinnvolle Methode, um dem Patienten immer und immer wieder vor Augen zu führen, dass er ein Problem hat, aber irgendwie hat mich diese Aussage selbst nicht so ganz überzeugt, hatte ich doch aufgehört zu konsumieren.

photo credits: Marija Zaric // unsplash

Heute, nach zwei Jahren Abstinenz, habe ich nicht das Gefühl, dass ich krank bin. Ich fühle mich nicht krank. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich besser als jemals zuvor. Mein Leben hat sich mit meiner Abstinenz gefühlt um 180° gedreht. Ich möchte das Label nicht haben und wollte es auch nie. Die Abhängigkeit als eigentliche Krankheit zu betrachten, hat mir in gewisser Weise geholfen, um das Problem in Angriff zu nehmen, aber auf der anderen Seite habe ich die Abhängigkeit auch eher als Strategie gesehen. Als selbst gewählte Strategie um mit Problemen, Gefühlen und schwierigen Situationen umzugehen. Dementsprechend war es für mich eher so, dass ich mir gesagt habe, dass ich meine Strategie ändern muss. Heute würde ich mich eher als zu großen Teilen als Unabhängig bezeichnen. Würde ich wieder damit beginnen Alkohol zu trinken, dann würde ich wieder zur Alkoholikerin werden, tue ich das nicht, so bin ich das auch nicht. Zwischen Abhängigkeit und Alkohol trinken gibt es ein unfassbar breites Spektrum an Trinker*innen die wir doch alle irgendwo als Alkoholiker*innen bezeichnen könnten, da sie sich Alkohol zuführen. Es ist doch erstaunlich, dass wir jemandem, der sein Problem gelöst hat, als trockenen Alkoholiker bezeichnen. Trockengelegt quasi. Dabei fühlt sich mein Leben alles andere als trocken an und ich sehe überhaupt keinen Grund mehr darin, zu trinken und so lange ich darauf achte, dass ich mein Leben so lebe, wie ich es für richtig halte und wie ich mich wohl darin fühle, bin ich tatsächlich auch der Überzeugung, dass ich nicht wieder zur Flasche greifen werde.

Eigentlich ist es doch in Anbetracht der Tatsache, wieviel wir in Deutschland pro Kopf statistisch gesehen an Alkohol konsumieren absurd denjenigen das Label und das Problem aufzudrücken, die eigentlich dabei sind ihr Problem zu lösen. 

… instead of looking at how insane it is to consume the amounts of alcohol we do in this country on any level, we’ve instead systematically labeled anyone who can’t hang in that insanity as having the problem.

– Holly Glenn Withaker

Anstatt darauf zu schauen, wie unfassbar verrückt es eigentlich ist, was für Mengen an Alkohol wir in unserem Land tagtäglich konsumieren, haben wir stattdessen derjenigen Minderheit das Problem aufgedrückt, die zugegeben haben, dass sie Alkohol nicht kontrollieren können. Holly spricht hier von den USA. Wir wissen, dass es auf Deutschland genauso zutrifft.

Ich habe mich früher lieber damit beschäftigt, dieses Label nicht zu tragen, oder irgendwann einmal tragen zu müssen, anstatt mir meine eigene ganz persönliche (abhängige) Beziehung zu Alkohol anzuschauen und mir offen und ehrlich die Frage zu stellen, ob mir Alkohol nicht im Weg steht das Leben zu führen, was ich mir eigentlich wünsche. Ob ich nicht ein anderes, leichteres Leben führen würde, wenn ich auf Alkohol verzichten würde. Ich dachte, ich bin ein latent depressiver Mensch und habe dies als meine Wahrheit betrachtet. Ich habe mich nicht mehr mit mir selbst verbunden gefühlt und dachte über Jahre, dass das nun einmal so ist. Ich bin nicht auf Idee gekommen, dass meine Unsicherheit, meine Ängste, mein ungutes Gefühl im Körper mit meinem Alkoholkonsum in Verbindung zu bringen ist (die letzten 2 Jahre meiner Abhängigkeit ausgenommen). 
Ganz unabhängig von der Frage, ob man nun ein Alkoholiker ist oder nicht, sollte wir uns einfach folgende Frage stellen: Beeinflusst Alkohol mein Leben auf eine negative Art und Weise? Wenn das der Fall ist, dann weißt du doch eigentlich schon, was du zu tun hast.

Nachdem ich mir selbst eingestanden habe, dass ich Alkohol nicht kontrollieren kann und er mein Leben mehr und mehr in negativer Hinsicht beeinflusste, haben sich meine Identität und meine Persönlichkeit nicht schlagartig geändert. Ich war nicht von jetzt auf gleich ein komplett anderer Mensch. Ich habe im Nachhinein auch nicht plötzlich einer Minderheit angehört. Es ist schon verrückt zu glauben, dass diejenigen, die sich über kurz oder lang dazu entscheiden auf Alkohol zu verzichten in unserer Gesellschaft abgestempelt werden, als hätten diese ein Problem. Es ist nämlich so, dass diese Menschen ihr Problem gelöst haben. Zudem ist es erstaunlich, wieviele Menschen Selbsthilfegruppen aufsuchen aber nur wenige sich trauen, darüber zu reden, weil sie denken, dass sie dann abgestempelt werden. Aber niemand auf dieser Welt kann dir ein Label aufdrücken, was du gar nicht haben möchtest.

photo credit: Marija Zaric // unsplash

Bevor ich Anfang 2017 am Ende des bitteren Alkoholspektrums landete, war ich über 10 Jahre „unauffällig“. Ich habe 2 Gläser Wein mit Freunden in einer Bar getrunken. Ich bin am Wochenende feiern gegangen und habe genauso viel getrunken, wie andere auch. Ich habe vom Nichttrinken über das Trinken zum zu viel Trinken das ganze Spektrum abgedeckt. Wir scheinen hier tatsächlich noch in Kategorien zu denken, entweder wir haben ein Problem mit Alkohol und tragen das Label Alkoholiker auf unserer Stirn, oder wir trinken weiter wie bisher, weil es bei uns noch nicht so schlimm ist, versichern uns dabei, dass es bei uns noch nicht so schlimm ist und sind beruhigt, dass wir das Label nicht tragen müssen. Diese Herangehensweise ist nicht förderlich, denn erwiesenermaßen hat Alkohol tatsächlich keine Benefits für unseren Körper und unseren Geist. Alkohol macht uns müde, depressiv, täuscht uns vor, ein anderer Mensch zu sein und all das nur, damit wir am nächsten Morgen aufwachen und feststellen, dass wir immer noch dieselbe Person, mit denselben Ängsten und Sorgen sind wie am Tag zuvor und diese durch Alkohol einfach niemals  gelöst werden können.

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