Klaffende Vulva

Es war Valentinstag. Es ist ein paar Tage nach Valentinstag. Valentinstag hat, beziehungsweise hatte noch nie eine große Bedeutung für mich. Abends wünsche ich mir manchmal jemanden zum Ankuscheln. So kurz vor Einschlafen in den Arm genommen werden, weil man tagsüber so viel geschafft hat und so viel zu tun hatte und abends darf man sich dann kurz so fühlen wie ein kleines Mädchen, dass sich an eine starke Brust schmiegt und einen Kuss auf den Kopf bekommt und dann weiß, dass es beschützt wird, um am nächsten Morgen emanzipiert und voller Unabhängigkeit in den Tag zu starten.

Ich glaube jeder Mensch möchte manchmal klein sein. Also nicht klein im eigentlichen Sinne, ich meine wohl eher: sich verletzlich zeigen. Tatsächlich schießen mir schon alleine bei der Vorstellung daran einem Mann (meinem Partner?) nüchtern mehr als zwei Sekunden lang in seine Augen zu schauen die Tränen in meine Augen. Und das sind keine Freudentränen. Es geht nämlich eher um das „in mich Hineinschauen lassen“. Es fühlt sich so an, als wolle ich ein großes, tiefes Gewässer beschützen, welches in einem entfernten Naturschutzgebiet verborgen liegt. Ganz abgelegen. Niemand soll es ohne meine Erlaubnis betreten dürfen. Ich habe die Vermutung, dass etwas ausbrechend wird, sobald ich mich zeigen könnte. Aber wovor habe ich eigentlich Angst? Vor Ablehnung? Davor, dass mein Gegenüber wegläuft, sobald er mich in meiner Verletzlichkeit sehen könnte? Vielleicht habe ich auch Angst vor meinen eigenen Gefühlen. Ich habe Angst zu fühlen, weil ich nicht einschätzen kann, was kommen wird. Weil ich mir darüber Gedanken mache, dass mein Gegenüber mich albern finden könnte. Vielleicht sehe ich ja beim „in die Augen schauen“ komisch oder lächerlich aus. Mein eines Auge ist auf Fotos zumindest (fast) immer größer als das andere. Aber ich glaube so ganz symmetrisch ist das Gesicht eines Menschen wohl auch nie wirklich. Mein einer Fuß ist ja auch latent größer als der andere. Vielleicht habe ich auch Angst davor, dass ich beim Weinen komisch aussehen könnte, oder dass ich zusammenbreche, oder komische Geräusche mache, oder mein Gesicht zu einer Grimasse verziehe.

Wenn ich ganz genau darüber nachdenke, dann hatte ich wohl noch nie einen wirklich intimen Moment mit einem Mann. Einen Moment, in dem ich mich komplett zeigen konnte. Mit so allem, was ich habe, weil ich gar nicht weiß, was ich so habe. Und nüchtern wird es mir noch viel bewusster. Ich hatte viele Männer, aber wenig intime Momente. Vielleicht haben sich auch nur Geschlechtsteile berührt. In der Mitte verbunden und sonst gefangen in meinem Kopf. Und da ich nicht fühlen und nicht denken wollte – schon gar nicht, wenn es intim wurde – habe ich getrunken und war pseudo – frei.

photo credits: Dainis Graveris // unsplash

Ich habe meine Strategie geändert. Ich betäube mich nicht mehr. Ich betäube mich weder mit Alkohol, noch mit Drogen, noch mit Männern. Und plötzlich fühle ich ganz viel. Ich weiß auch, dass ich mich und mein Leben so geändert habe, dass ich persönlich sehr, sehr gut darin Platz finde. Und meine Straßenhündin. Ich habe zu tun und ich denke nicht mehr so viel an morgen. Der Wunsch nach einem Partner ist nicht mehr der Wunsch danach, das Gefühl der Einsamkeit betäuben zu müssen, weil ich es nicht aushalte. Der Wunsch nach einem Partner ist auch nicht mehr dieses „Aufgefangen werden von irgendjemandem“. Der Wunsch nach einem Partner ist tatsächlich die Sehnsucht nach Ruhe und das Bedürfnis nach den ganz „normalen“ Dingen des Lebens, die ich früher unfassbar spießig fand. Wie Kinder bekommen, ein Haus bauen, sich gegenseitig Bücher vorlesen, zeitig ins Bett gehen, im Wald spazieren gehen, sich wünschen, dass man für immer zusammenbleibt und sich einigermaßen gut versteht. 

In einer Partnerschaft habe ich tatsächlich nicht mehr den Wunsch, dass es knallt, sondern dass ich mich zu Hause fühle. Mein Bruder hat es einst so schön ausgedrückt, als er zu mir meinte: 

Vlada, das Wichtigste für mich ist immer, dass ich mich auf zu Hause freue. 

Und sein zu Hause ist seine Ehe und seine Tochter. 

Wisst ihr, wie ich Männer früher ausgesucht habe? Gar nicht. Ich habe mir immer nur eine Eigenschaft gewünscht und dann komme, was wolle. Und da ich auf Krawall gebürstet war, habe ich auch Krawall bekommen. Und da ich für mich selbst nie definiert habe, was ich mir eigentlich wünsche, habe ich immer irgendetwas bekommen. Ich habe große Freiheit vorgespielt. Ich wollte nicht, dass mein Gegenüber weiß, dass ich eigentlich ganz bodenständige Träume habe. Vielleicht wollte ich auch nicht, dass ich es weiß. Ich habe mich selbst belogen und habe auf Freiheit, freie Liebe und Alkohol gesetzt. Aber das war eine schlechte Kombi, denn wenn Liebe frei ist, dann tötet sie der Alkohol. Ich habe mich selbst um meine freie Liebe gebracht.

Sober Sensation

Wir waren auf einer Single Party. Früher hätte ich solche Veranstaltungen durchaus als „lame“ bezeichnet. Heute gebe ich den Dingen eine Chance. Wir, das heißt Kathi und ich, waren auf einer Sober Sensation Single Party. Im Übrigen lasse ich mir auch gerne die Karten legen, um zu wissen, wann ich mich worauf einstellen kann. Auch in Liebensdingen. Die Karten lagen ganz gut. Die Karten meinten aber auch, ich solle nicht suchen und das Universum manipulieren. Ich muss gestehen, so etwas fällt mir schwer. „Los, los, los, mach schon! Wann wird es passieren? Wer ist es denn? Kenne ich ihn? Wie wird er denn aussehen?

photo credits: Chuttersnap // unsplash

Also gingen wir auf die Single Party und die Menschen dort waren sehr freundlich und lustig. Natürlich ist das Setting nicht mit dem Berghain zu vergleichen, aber irgendwie stört mich so etwas nicht mehr. Ich habe getanzt, denn ich habe es vermisst. Ich dachte, ich kann das nüchtern nicht mehr. Aber tanzen geht auch nüchtern. Und wir haben getanzt und getanzt und getanzt und getanzt. Ich war High vom Nüchternsein und im kleinen, nüchternen Kreis spielten sich die Szenen ab, die ich aus den Clubs kenne, nur ohne dem betrunkenen Abfuck. Jeder tanzte für sich, auf die jeweilige kleine schräge Art und Weise und mein Herz machte lauter kleine Sprünge im Takt.

Der Überschrift nach zu urteilen wartet ihr möglicherweise gespannt auf irgendeine nüchterne, sexuelle Interaktion, aber ich muss euch leider enttäuschen, denn die klaffende Vulva erstreckt sich wie eine warme, blutende Wunde von meinem Herzen bis zwischen meine Beine. Das ist das Ding mit dem intimen Moment, in dem Man(n) alles von sich preisgibt und einem Menschen mehrere Sekunden in die Augen schaut. Kennt ihr solche Momente, in denen man emotional etwas begreift, welches man intellektuell eigentlich schon Jahre zuvor begriffen hat? Analytisch war mir alles klar, aber mein Emotionskörper hat nie verstanden, worum es eigentlich geht.

Ich hatte noch nie einen Mann. Ich war in Situationen, in manipulativen Beziehungen, in denen ich mich wohl selbst am meisten manipuliert habe. Es ging nie darum, sich zu zeigen. Auch mit all den Männern in fremden Betten nicht. Ich hatte noch nie einen Mann, weil ich eigentlich noch ein kleines Mädchen bin und ich die Vermutung habe, dass mir diese Nummer viel zu groß sein könnte. Dass ich dieser Nummer gar nicht gewachsen bin. Hätte ich mich auf einen Mann eingelassen, dann hätte ich mich zeigen müssen und ich wollte mich nicht zeigen. Vieles war früher schräg und herzzerbrochen und noch mehr Herzschmerz und Alkohol und Drogen und ewig traurige Musik und immer wieder dasselbe langweilige Theaterstück inszenieren, ohne das einer der Beteiligten klarkommt. Das war aber keine Beziehung, zumindest keine gesunde.

photo credits: Sharon Mccutch // unsplash

Ich sitze an einem Tisch. Ich sitze an einem Tisch mit zwei weiteren Personen. Eine Frau und ein Mann. Die Frau kenne ich schon seit 28 Jahren, den Mann seit ein paar Monaten. Wir begegnen uns auf Augenhöhe, ich bin mir selbst bewusst. Mir ist zu Beginn des Gespräches nicht bewusst, dass er zu haben ist. Ich bin auf Augenhöhe und mir selbst bewusst und drei Personen reden miteinander. Einen Moment später wird mir klar, dass der Mann zu haben ist. In Bruchteilen einer Sekunde rutscht mir mein Selbstbewusstsein in meine Hose und mein Selbstwert bleibt mir im Hals stecken. Das ist auch der Moment, in dem ich ihn nicht mehr länger als 2 Sekunden in die Augen schauen kann. Das ist der Moment, in dem ich meine Hand vor meine Lippen halte, damit nicht auffällt, dass meine Unterlippe im Sekundentakt zuckt. Das ist der Moment, in dem sich eigentlich rein gar nichts verändert hat, außer das Wissen, dass er zu haben ist und ich zu einem kleinen Mädchen mutiere, welches ihr komplettes Erscheinungsbild in Frage stellt.

Es prallen Überzeugungen auf mich ein und mich erwischt es aus der Kalten. Du hast das nicht verdient! Du bist ihm nicht gewachsen! Heirate nie! Männer sind nicht gut! Bleib lieber alleine! Und die manipulative Polka meiner vorherigen Beziehungen ergibt plötzlich einen Sinn und das nicht gedanklich, sondern ich kann es fühlen. Früher war nichts auf Augenhöhe, sondern eine*r „liebte“ immer mehr, denn so musste ich mich nicht zeigen. Wir tanzten Herzzerbrochen in den Wahnsinn, aber sehen durfte mich niemand. Und wenn da jemand ist, der alles mitbringt, was ich mir eigentlich wünsche und ich mir im Klaren darüber bin, was ich mir eigentlich wünsche, dann klafft eine tiefe Wunde von meinem Herzen hinunter bis zwischen meine Beine und ich könnte im Boden versinken ohne, dass sich etwas an mir persönlich geändert hat. Und in dem Moment wird mir klar, dass ich dort durchgehen muss, um ganz zu werden. Das ich verletzlich sein darf, dass ich weinen darf, dass ich fühlen darf, aber ich habe Angst davor, mich zu zeigen.

photo credits Titelbild: Tara Chernus // unsplash

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