das quiz

Ich erwache langsam aus einer dichten, dunklen, sirupartigen Be- wusstlosigkeit. Mein Kopf fühlt sich an wie ein Müllauto, das bis zum Rand gefüllt ist mit süßsauer stinkendem, modrigen Abfall. Meine Zunge ist Schmirgelpapier. Meine Haut juckt und liegt zu eng auf meinen Knochen. Fuck. Fuck. Fuck. Ich wollte doch nicht so lange bleiben, verdammt. Wie konnte das nur wieder passieren? Ich wollte doch bei drei Drinks bleiben.

Erst mal Kaffee. Ich spüle eine Schmerztablette mit eiskalter Cola runter, koche einen gigantischen pechschwarzen Kaffee und schleppe mich mit der Tasse zurück ins Bett, klappe den Laptop auf und tippe ungefähr zum zehnten Mal in diesem Monat bin ich alkoholiker in die Suchmaschine. Das Quiz zu machen gehört schon fest zu meiner Routine. Genau wie Ausnüchtern, mich schämen und Telefone verlieren.

Das Quiz beruhigt mich, weil es mir – wie es nun einmal die Natur von Multiple-Choice-Tests ist – Optionen gibt. Ja oder nein, entweder oder, schwarz oder weiß. Die Wahl haben ist etwas so optimistisches. Und wenn ich richtig antworte, bekomme ich vielleicht heute ein Ergebnis, das Handlungsspielraum offen lässt. Es geht los. Erste Frage.

1. Halten Sie pro Woche mindestens zwei alkoholfreie Tage ein? Ja. Absolut. Check!

2. Wenn Sie Alkohol trinken, trinken Sie typischerweise mehr als ein alkoholisches Getränk an einem Tag?
Okay, das ist wahrscheinlich ein Test für Teenager. Natürlich trinke ich »mehr als ein alkoholisches Getränk«. Wie süß dieser Test ist. Gibt es irgendeinen Erwachsenen auf der Welt, der nach einem kleinen Bier aufhört? Davon wird man nicht mal richtig betrunken! Ich kreuze selbstbewusst Ja an.

3. Haben Sie in den vergangenen 30 Tagen zu einer Gelegenheit vier oder mehr alkoholische Getränke getrunken?
Hallo?! Es geht hier um einen ganzen Monat! In einem Monat gibt es immer eine Party irgendwo. Zumindest wenn du jung bist und viele Freunde hast, dann kommst du da nicht drum herum, Honey. Also: Ja.

photo credits: Jon Tyson // unsplash

4. Haben Sie in den letzten 12 Monaten erlebt, dass Sie nicht mehr mit dem Trinken aufhören konnten, nachdem Sie einmal begonnen hatten?
Nein, definitiv nein. Ich kann immer aufhören. Ich will eben einfach nicht. Ich werde undiszipliniert, wenn ich Spaß habe. Aber das ist
ja letztendlich menschlich. Ich muss einfach disziplinierter werden. Oder einfach später anfangen mit dem Trinken. Ja, das ist gut. Wenn ich erst mal abwarte, bis die anderen zwei Drinks intus haben und dann erst anfange, ist es wahrscheinlicher, das ich nicht über meine Grenze komme bis zum Ende des Abends. Oder ich gehe einfach später hin, dann muss ich nicht warten. Und außerdem habe ich dann etwas, worauf ich mich freuen kann. Eine sehr gute Idee. Ich kreuze noch schnell Nein an.

5. Ist es in den letzten 12 Monaten passiert, dass Sie wegen des Trinkens Er- wartungen, die man normalerweise an Sie hat, nicht mehr erfüllen konnten? Nein. Auf keinen Fall. Ich funktioniere immer. Ich erscheine immer im Büro, egal, was passiert, egal, wie verkatert ich bin. Das muss ich mir wirklich nicht vorwerfen. Wer trinken kann, der kann auch arbeiten. Hat meine Oma immer gesagt. Ich kreuze erleichtert Nein an.

6. Kam es in den letzten 12 Monaten vor, dass Sie am Morgen ein alkoholi- sches Getränk brauchten, um sich nach einem Abend mit viel Alkoholgenuss wieder fit zu fühlen?
Omg, das wäre es ja noch. Morgens trinken, weil man sonst nicht klar kommt. Da müsste ich ja echt keinen Test machen, damit da die Alarmglocken klingeln. Dann könnte ich mich ja echt einweisen lassen. Konterbier, klar. Ist ja ein beliebtes Mittel. Das hilft ja wirklich ganz gut gegen Kater. Aber wenn man das brauchen würde, dann müsste man sich echt Sorgen machen. Definitiv Nein.

7. Hatten Sie während der letzten 12 Monate wegen Ihrer Trinkgewohnhei- ten Schuldgefühle oder Gewissensbisse?
Klar, ich hab dauernd Schuldgefühle. Gehört doch irgendwie zum Frausein dazu oder? Haha. Wir sind ja auch dauernd zu fett, wir müssen ja auch ständig zwei, drei Kilo abnehmen. Ich bin einfach zu hart mit mir. Immer diese Selbstoptimierung. Es ist doch okay, mal über die Stränge zu schlagen. Das machen doch wirklich alle so. Ich kreuze Ja an, nehme mir aber vor, in Zukunft nicht mehr so hart mit mir ins Gericht zu gehen. Nobody’s perfect.

8. Kam es während der letzten 12 Monate vor, dass Sie sich nicht mehr an den vorangegangenen Abend erinnern konnten, weil Sie getrunken hatten?

Meistens sind es ja nur ein paar Stunden, an die ich mich nicht erinnern kann. Aber einen ganzen Abend? Das hab ich noch nie erlebt. Höchstens mal so drei, vier Stunden. Ich kreuze Nein an.

9. Hat in den letzten 12 Monaten ein Verwandter, Freund oder auch ein Arzt schon einmal Bedenken wegen Ihres Trinkverhaltens geäußert oder vorgeschlagen, dass Sie Ihren Alkoholkonsum einschränken?
Lina hat neulich gefragt, ob ich vielleicht zu viel trinke, die bitch. Was für eine Heuchlerin. Hat sie mich einfach lächelnd gefragt, auf Annas Party. Auf der fucking Tanzfläche. Mit einem Bier in der Hand! Um dann am gleichen Abend meinen Typen anzugraben. Der übrigens zu dem Zeitpunkt auch schon ganz schön betrunken war. Wieso fragt sie den nicht, ob er nicht vielleicht mal über sein Trinken nachdenken sollte? Der könnte sich echt mal Sorgen machen. Der sollte mal diesen Test hier machen! Bei ihm ist es deutlich schlimmer als bei mir. Lina ist wirklich die letzte Person, die sich ein Urteil über anderer Leute Leben erlauben kann. Was war die Frage noch mal? Jedenfalls hat niemand sonst gefragt. Und die ist echt kein Arzt. Ich kreuze entschieden Nein an.

10. Haben Sie während der letzten 12 Monate sich oder eine andere Person unter Alkoholeinfluss verletzt?
Nein. Definitiv Nein. Oh Gott. Ich hatte bisher immer Glück mit dem Fahrrad.

Auswertung. Orange: Riskanter Alkoholkonsum.

Na bitte. Alkoholiker wären ja wohl rot, oder? Ich überfliege die Antwort. Ich sollte weniger Alkohol trinken steht da. Okay, das kriege ich hin. Ich muss eben einfach nur das neue System einhalten. Nächs-
te Woche klappt das sicher. Und ich versuche das mit dem später anfangen. Dann funktioniert das bestimmt. Ich habe bisher einfach noch nicht das richtige System gefunden. Aber ich krieg das hin. Hundertpro.

Mia G @datesohnedrinks

Das ist Mia. Mia schreibt wundervolle Texte. Die veröffentlicht sie nicht nur hier, sondern auch auf ihrem Blog datesohnedrinks.

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