Leichtigkeit

Warum verlieren wir so oft die Leichtigkeit in unserem Leben? Ich gehe durch die Straßen und alle hetzen irgendwohin, haben einen Termin und laufen der Zeit hinterher. Wieso fällt es uns so schwer innezuhalten, anzuhalten und aus dem Hamsterrad nur für eine kurze Weile auszusteigen? Wir sparen auf den nächsten Urlaub und auf die zwei Wochen in denen wir endlich mal innehalten können, in denen wir endlich mal entspannend können. Immer weiter, höher und schneller ist das Motto und gefühlt macht jeder von uns mit. Zu selten stellen wir unser eigenes Handeln in Frage, wir laufen lieber im Autopilot einfach weiter. Unser Körper und vor allem unser Geist bleiben irgendwo auf der Strecke zurück und meist merken wir es erst gar nicht, weil wir einfach blind weiterlaufen, immer weiter mit der Masse. Alkohol ist dann auch ein gutes Ablenkungsmittel, um all das was in die Schieflage geraten ist und sich schlecht anfühlt, nicht fühlen zu müssen. Es ist doch so viel einfacher den Moment „zu versüßen“ und uns aus dem Berg an Problemen herauszubeamen. Wer will denn schon, wenn er ausgelaugt und müde nach Hause kommt, noch Seelenarbeit leisten? Denn diese bedarf Energie und Mut. Da ist es einfacher sich ein Glas Wein einzuschenken und für diesen einen Abend nicht daran denken zu müssen. Wir nehmen uns keine Pausen, vor allem nicht für uns selbst, denn Pausieren würde bedeuten wir müssten hinschauen und vielleicht auch noch hin fühlen. All das was sich die letzten Jahre angestaut hat und nicht gefühlt wurde. All der Schmerz und all die Wut. 

photo credits: Mwangi Gatheca // unsplash

Diese Gefühle, wurde uns seit Kindheitstagen eingetrichtert, sind keine guten Gefühle und wir sollen sie doch bitte bei uns lassen! Als wir noch Babies waren, war es okay für uns die breite Palette der Gefühle zu zeigen, doch als wir älter wurden, wurde dies Immer weniger geduldet.

REISS DICH ZUSAMMEN! LACH DOCH MAL WIEDER! EIN JUNGE WEINT NICHT! MÄDCHEN SIND DOCH IMMER FREUNDLICH! DEIN GESICHT SIEHT SO HÄSSLICH AUS, WENN DU BÖSE BIST!

Wir hatten also bald alle schnell begriffen, dass diese „schlechten“ Gefühle zeigen, nicht gut ist und wir dafür weniger gemocht werden. Denn in unserer Gesellschaft wird zwischen guten und schlechten Gefühlen unterschieden. Die guten dürfen sein und gezeigt werde, aber die schlechten bitte nicht. Die meisten von uns, möchte ich behaupten, haben keinen gesunden Umgang mit diesen „schlechten“ Gefühlen erlernt. Wir stolpern durch dieses Leben und versuchen verkrampf all die Trauer, Wut, Schmerz, Aggression und Verletzungen nicht zu spüren, bis sie sich eines Tages an die Oberfläche drängen. Denn keiner erklärte uns was wir anstatt mit diesen Gefühlen tun sollen und so vergruben wir sie. Keiner wollte diese Gefühle sehen, bis wir sie auch nicht mehr sehen wollten. Doch Gefühle wollen fließen und nicht unterdrückt werden. Sie kommen und sie gehen wieder, aber nur wenn wir ihnen erlauben auch da sein zu können.

photo credits: Pratik Gupta // unsplash

Es gab eine Zeit vor einigen Jahren, wo bei mir gefühlt alles nicht mehr stimmig war und ich mir ganz ganz oft selber sagte: „ich möchte nicht mehr fühlen“, einfach nicht mehr aushalten müssen. Und tatsächlich konnte ich sie für eine Weile stummschalten diese Gefühle, da ich einfach weitermachte, immer weiter im Hamsterrad, ja nicht anhalten. Doch 3 Jahre später nach einer Trennung und einem nahenden Burnout kamen sie wieder. Ich hatte sie nie gehenlassen können, sie waren all die Zeit in meinem Körper gefangen. Ich war überarbeitet, unzufrieden mit mir selbst und meinem Leben. Oft kam ich dann abends nach Hause und trank ein Bier oder zwei, nur zum runterkommen und entspannen und zum Nichtfühlen müssen. Ich wollte da einfach nicht hinschauen, obwohl es mir quasi ins Gesicht schrie. Auch eine Verhaltenstherapie half da nichts, denn das grundlegende Problem waren diese nicht gefühlten Gefühle, sie wollten einfach nur da sein dürfen, wahrgenommen werden für das was sie waren. Es ist oft ein Kreislauf aus dem es so unsagbar schwer ist auszubrechen, wenn wir drinstecken und von Außen oft so einfach aussieht.

Dann arbeite doch weniger! Dann nimm dir bewusst mehr Pausen! Dann hör doch einfach mal hin! Dann setzt dich doch weiter höher in deiner Prioritätenlisten! Dann trink doch einfach weniger!

Doch all diese Sachen sind häufig nur ein Symptom und nicht die Ursache. Wie oft sage ich mir, „ich muss das jetzt machen, ich bin nicht gut genug und nur wenn ich jetzt noch diese eine Sache erledige, dann, ja dann werde ich gemocht und dann bin ich es wert“. Und somit rennen wir tagein, tagaus einer Illusion hinterher und vor unseren eigenen Gefühlen davon. Bis es vielleicht irgendwann nicht mehr geht, bis wir gezwungen werden hinzusehen. Ich war damals nach der für mich gescheiterten Therapie an einem Punkt an dem ich das alles nicht mehr fühlen wollte – mal wieder. Aber dieses mal wollte ich mich endlich wieder gut fühlen, ich wollte die Leichtigkeit in meinem Leben wieder spüren. Und ich merkte immer mehr wie diese nicht gefühlten Gefühle sich einen Weg an die Oberfläche bahnten. Sie wollten gefühlt werden, aber wie? Oft fühlte es sich wie eine haushohe Welle an, die da im Inneren über mich hereinfallen wollte. Wie sollte ich das aushalten ohne das sie mich fortreißt? Ich machte damals einen 7-Tagekurs, den „Path of Love“, in dem alles was ist sein darf. Ein sicherer Raum für alles was ich jahrelang weggepackt und eingesperrt hatte. Und da waren sie, die vermeintlich schlechten Gefühle ‚Wut’ und ‚Trauer’. Meine beiden Emotionen, die ich nie gelernt habe zu spüren und auszuhalten, ohne sie gleich wegzudrücken. „Reiß dich zusammen“, halte da immer eine Stimme in meinem Kopf. „Bloß nicht schwach sein!“. In diesen 7-Tagen weinte ich so viel wie schon ewig nicht mehr, schrie und boxte ich. Alles durfte sein und fließen. Und nach all den Tränen und der Wut blieb Stille zurück und eine tiefe Wahrhaftigkeit. Ich hatte sie aus dem Keller gelassen und ganz viel Raum für Neues geschaffen, meine Leichtigkeit zog wieder in mein Leben ein.

photo credits: Florence Vladana // unsplash

All das ist nun 1,5 Jahre her und in dieser Zeit hat sich wahnsinnig viel getan. Der Path of Love hatte mir eine Türe geöffnet und mir ermöglicht mich weiterzuentwickeln und mich selber besser kennenzulernen. Auch gibt es abends keinen Alkohol mehr. Versteht mich nicht falsch, ein 7-Tagekurs ist kein Allheilmittel und er war es auch für mich nicht. Er war eine Auszeit, ein Pausieren und ein Hinschauen, was ich so lange nicht getan habe und auch nicht wollte. Ich bin durch die Angst gegangen und es hat mich auf meinen Weg weitergebracht. Aber auf dem Weg bin ich nach wie vor. Es ist ein Prozess mit Höhen und mit Tiefen. Und gerade befinde ich mich einmal wieder an einem Punkt in meinem Leben an dem alles sehr viel ist und ich zu wenig auf mich Acht gebe. Mir zu wenig Pausen nehme und ich wieder mitlaufe mit der Masse, ohne anzuhalten und in mich zuhören. Es ist wieder ein ganz schönes Chaos. Ich habe ein tolles Leben, dass möchte ich hier gern betonen, und es durchströmt mich eine große Dankbarkeit, aber dennoch bin ich wieder in alte Muster gefallen, nur das Trinken lasse ich jetzt weg. Ich bin heute auch weiter als damals. Ich spüre mich und meinen Körper besser, ich höre ihm besser zu. Aber dennoch muss ich mich gerade selbst daran erinnern mich als 1. Priorität zu setzten, auf mich aufzupassen und mir Pausen zu gönnen. Ich bin gut genug und ich bin es wert! Wir habe nur dieses eine Leben und diesen einen Körper, sei gut zu ihm und behandle ihn mit dem nötigen Respekt, den er verdient. Das sag ich mir gerade selber sehr häufig und da heißt es für mich innehalten, stehen bleiben und hinschauen und vor allem hin fühlen, damit die Leichtigkeit wieder in mein Leben zurückkommen kann. Ich bin auf dem Weg!

photo credits Titelbild: Javardh // unsplash

2 Comments

  1. Halka

    Hallo Katharina,
    Das ist ein sehr berührender Text.
    Das Thema trifft für mich genau die Ursachen für den Einstieg und den schweren Ausstieg in den regelmässigen Alkoholkonsum.
    Bei mir war es genau die Situation. Ich war der schüchterne, so viel fühlende Teenager, als ich begann meine Gefühle zu betäuben. So sah ich es auch bei meinen Eltern.
    Jetzt ist es jeden Tag für mich eine grosse Aufgabe ,für mich zu sorgen, ich bin ganz anders programmiert, schon mein ganzes Leben.
    Was mir hilft und in den Anfangszeiten ohne Rausch geholfen hat, ist den Mut zu haben, den Schmerz und die schlechten Gefühle auszuhalten. Ich habe mich aufs Sofa gelegt und habe sie einfach sein lassen, im sicheren Gefühl das am nächsten Morgen alles anders sein würde, und ohne Alkohol zumindestens mein Verstand klar . Diese Aussicht auf den klaren Kopf und den abgeschwächten Gefühlen hat mich durchhalten lassen und tut es immer wieder.
    Danke für diesesn Text!
    Alles Gute und bleib gesund,
    Deine Halka

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    1. Katharina

      Liebe Halka, Danke für deine Worte und dein ehrliches Teilen! Ja, schlechte Gefühle auszuhalten ist natürlich nicht schön, aber so natürlich wie gute Gefühle, nur sind diese in unserer Gesellschaft gern gesehen und die schlechten nicht. Ich bin eh dafür ein Schulfach ‚Gefühle‘ einzuführen, indem wir einen gesunden Umgang mit ihnen lernen. Das nicht Fühlen wollen ist leider bei den meisten der Auslöser für das Trinken. Ich wünsche dir alles Gute und finde es wunderbar, dass du deinen Weg gefunden hast! Das Leben ist schön, niemand hat gesagt es ist einfach, nicht? Wir schicken dir viel Liebe

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