Warum die Frage, ob du (schon) abhängig bist, nicht wichtig ist.

I ch habe meine Zeit mit sinnlosen Fragen verschwendet. Ich wollte bei der Beantwortung lediglich herausfinden, ob es denn schon so weit ist. Ich wollte herausfinden, ob ich denn schon genug übertrieben habe, ob ich irgendeine rote Linie überschritten habe, die eigentlich nur Menschen überschreiten, die rein gar nichts mehr unter Kontrolle haben. Und da ich der Meinung war, dass ich trotz allem immer noch alles unter Kontrolle habe, diente der Test lediglich dazu, um mir wieder einmal zu beweisen, dass an und für sich alles noch ok ist mit mir.

Selbst heute noch habe ich Probleme mich mit diesen Testfragen zu identifizieren, weil vor meiner körperlichen Abhängigkeit (welche so ungefähr 1 Jahr in Anspruch nahm) 10 Jahre lang noch eine ganz andere Reihe von Dingen passierte. Schauen wir einmal auf die ICD 10 Kriterien einer Alkoholabhängigkeit und ich werde euch erläutern, wie mein noch trinkendes Ich mit diesen Kriterien umgegangen wäre (von denen im Übrigen mindestens 3 Kriterien zutreffen sollten)

  1. Starker Wunsch oder Zwang.
    Ich hatte damals nicht das Gefühl, dass ich mich zu irgendetwas Zwingen musste. Ich hätte mein Trinkverhalten auch nicht als Wunsch beschrieben. Ich habe einfach gerne getrunken und damit war die Sache für mich erledigt. Und dadurch, dass ich sowieso sehr regelmäßig getrunken habe, fiel mein Wunsch oder mein Zwang vor allem und letztendlich mir nicht auf.
  2. Kontrollverlust
    Ich hatte meiner Meinung nach immer die Kontrolle. Ich wusste immer wann und wieviel ich trinken möchte. Auch wenn ich viel getrunken habe, hätte ich niemals von mir selbst behauptet, dass ich keine Kontrolle über mein Trinkverhalten habe.
  3. Abstinenzverlust
    Ich wollte nie abstinent sein. Sobald der Gedanke aufkam, verflog er auch schnell wieder. Abstinenzler sind Langweiler.
  4. Toleranzbildung
    Ich habe schon immer viel vertragen. Seitdem ich trinke, habe ich schon immer viel vertragen. Zumindest mehr als die meisten Menschen, die ich kenne.
  5. Entzugserscheinungen
    Hatte ich über 10 Jahre lang nicht.
  6. Rückzug aus dem Sozialleben
    Nö, war ja immer mit Leuten unterwegs, die gerne genauso viel feiern und trinken, wie ich.

Fazit: I don’t fucking have a problem!

Und das soll nun nicht heißen, dass ich die ICD 10 Klassifikation nicht für wichtig erachte. Ich finde nur nicht, dass sich Menschen, die zu viel Alkohol trinken, an dieser orientieren sollten, denn Du kannst Dir alles so drehen, als träfe nichts von dem auf Dich persönlich zu.
Menschen wie ich, die brauchen einen Stich ins Herz und alles schwarz auf weiß, sodass kein Gegenargument mehr geltend gemacht werden könnte, ohne, dass es sich absolut albern anhören würde.

Fragen, die Du Dir eigentlich stellen solltest:

1.) Was macht der Gedanke daran, für immer auf Alkohol verzichten zu müssen mit Dir und kannst Du Dir ein nüchternes Leben vorstellen, oder weckt dieser Gedanke Ängste oder Gedanken wie „Wenn ich nie wieder trinken darf, dann habe ich ja gar keinen Spaß mehr im Leben!“?

Diese Frage hätte sofort ins Schwarze getroffen. Allein schon der Gedanke daran, für immer auf Alkohol verzichten zu müssen, hätte mich zum Davonlaufen getrieben. Ich wollte trinken und zwar immer, viel und ohne mir Gedanken darüber machen zu müssen. Die Vorstellung ein Leben ohne Alkohol führen zu müssen glich einem Horrorszenario.

photo credits: Deividas Toleikis // unsplash

2. ) Schaffst du es mit Leichtigkeit auf Alkohol zu verzichten (auch wenn er Dir angeboten wird) oder sind alkoholfreie Zeiten eher öde und anstrengend und du freust Dich schon wieder auf dein „richtiges“ Leben?

Ich wollte nie auf Alkohol verzichten. Verzichten war langweilig. Verzichtet habe ich für einen Detoxmonat, um am Ende wieder genauso viel zu trinken, wie davor. Das Gute daran war, dass die Wirkung schneller einsetzte. Also hatte die abstinente Zeit nur ein was Gutes, nämlich dass es danach schneller knallt.

3.) Hast Du oftmals Sex mit Männern unter Alkoholeinfluss und führst ungesunde Beziehungen (zu Dir & zu Männern)?

Komisch, was? Was hat denn Alkoholkonsum jetzt nun mit Dir und deinen Bettgeschichten zu tun? Alles. Bei mir hatte es alles damit zu tun. Die Beziehung zu mir selbst war beschissen, die Beziehung, die ich zu anderen Männern hatte war beschissen und das alles habe ich nur ertragen, weil ich Alkohol getrunken habe. Dann konnte ich mir nämlich einreden, dass ich jung und frei bin.

4.) Hast Du Dir schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass Du eigentlich weniger trinken solltest?

Immer.

5.) Hast Du das Gefühl immer latent traurig, unzufrieden mit Dir zu sein und nutzt Alkohol, um die Laune zu steigern?

Immer. Und ich habe Alkohol für alles genutzt, um Trauer zu betrauern, um Freude zu verstärken, um das Leben zu feiern, um mich nicht mehr fühlen zu müssen.

Rückblickend betrachtet kann ich sagen, dass ich schon ein Problem mit Alkohol hatte, als ich mir zum ersten Mal die Frage gestellt habe, ob ich denn nicht ein Problem mit Alkohol habe und versucht habe, eine Pause einzulegen.

photo credits: Designecologist // unsplash

 

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