Blickwinkel

Vor ein paar Tagen saß ich an einem Nachmittag in der Regionalbahn von Berlin nach Cottbus. Wer diesen Zug schon einmal genommen hat, weiß wie unfassbar voll er ist, fast zu jeder Tageszeit. Ich quetschte mich also in den vollgepackten Zug und für die ersten paar Stationen musste ich stehen. Dann war das Glück auf meiner Seite und ich ergatterte mir einen Sitzplatz. Soweit so gut. Ich versuchte zu lesen, doch der Geräuschpegel war recht hoch. Ich überhörte ein Gespräch zwischen einer Frau und einem Mann, die sich offensichtlich in dem Zug erst kennengelernt hatten und auf Grund der Enge ins Gespräch kamen. Die Frau war mit ihrem Sohn unterwegs, der wohl so 11-12 Jahre alt war. Ich versuchte mich weiter auf mein Buch „The school of life – an emotional introduction“ zu konzentrieren und musste sogar meine Kopfhörer zur Hand nehmen. Ein paar Stationen weiter wurden mehrere Sitzplätze neben mir frei und die besagte Frau und der Mann nahmen mitsamt dem Sohn neben mir Platz. Der Mann war sehr gesprächig. Er erzählte von seiner Tochter und seinem Sohn, von den Hobbies und den Schulen seiner Kinder. Er war gepflegt und machte einen freundlichen und aufgeräumten Eindruck.

photo credits: Masaaki Komori // unsplash

Das nächste Mal als ich den Mann wahrnahm hielt er eine große Dose Bier in der Hand und genoss offensichtlich die Unterhaltung mit seiner Mitreisenden und ihrem Sohn. Auch die beiden anderen schienen Gefallen an der Unterhaltung zu haben. Nach dem nächsten Halt stieg ein weiterer Mann ein und setze sich dem Jungen gegenüber. Er hatte es offensichtlich nicht so gut im Leben getroffen. Seine Kleidung war verschlissen, sein Rucksack war kaputt und sein Gesicht war gezeichnet und rotgefleckt. Kurz nachdem er Platz genommen hatte, holte er aus seinem mit Sicherheitsnadel zusammengehaltenen Rucksack eine halbleere Flasche Sangria heraus und nahm einen beherzten Schluck. Ohne Scham in einem vollgepackten Zug vor einem Kind. Und es blieb auch nicht bei dem einen Schluck. Bis zur Endhaltestelle schaffte er es diese große Flasche komplett zu leeren. Es war klar das dieser Mann keinen gesunden Umgang mit Alkohol zu pflegen schien und er passte auch so perfekt in das stereotypische Bild eines Alkoholikers – männlich, älter, ungepflegt, körperliche Anzeichen und offensichtlich trinkend. Doch dann war da noch der aufgeräumte, gesprächige und nette Mann mit der großen Dose Bier neben mir. Und da war es, das Abbild unserer Gesellschaft, so klar vor meinen Augen. Auf der einen Seite das Klischee eines Alkoholikers und auf der anderen Seite das akzeptierte Feierabendbier an einem Nachmittag in einem vollgepackten Zug. Ich kam nicht drum herum mich komisch zu fühlen, auch weil in dieser Szene ein Kind vorkam, welches in dieser Gesellschaft groß wird und das lernt ein Bier am Nachmittag im Zug ist voll okay. Aber ich fand es nicht okay, ganz und gar nicht und zwar nicht die Sangriaflasche und auch nicht die große Dose Bier. Aber paradoxerweise störte mich die große Dose Bier mehr als die Sangriaflasche. Denn die Person, die die Sangriaflasche hielt hatte offensichtlich ein Problem, aber die Dose war es die dazugehört, die normal ist und die gefeiert wird. Eben das ganze Spektrum von gut so bis gar nichts mehr gut ist, doch da verwischen die Grenzen. Und ich frage, ist eine große Dose Bier an einem Nachmittag in einem vollgepackten Zug vor einem Kind noch gut? Ist es das was wir als Kollektiv wollen und sind es die Werte die wir unseren Kindern vermitteln wollen?

Mir liegt es fern zu urteilen, mit erhobenen Zeigefinger durch die Gegend zu gehen und jeden der eine Dose Bier zückt zu verteufeln. Das ist nicht meine Intention, denn wir leben in einem freien Land und sollten uns auch frei bewegen können. Dennoch frage ich mich wie bewusst war diesem netten aufgeräumten Mann seine Handlung? Hat er überhaupt nachgedacht? Wahrscheinlich eher nicht, denn in unserer Gesellschaft gibt es kaum wirklich bewussten Konsum. Ich wusste jahrelang nicht wie schädlich Alkohol ist. Natürlich wusste ich, dass Alkohol nicht sonderlich gesund ist, aber ich habe mir darüber auch keine weiteren Gedanken gemacht. Es ist so ähnlich wie mit dem Rauchen, alle „wissen“ es, nur niemand ändert etwas. Die meisten von uns wissen sie sollten weniger trinken und das es vielleicht auch nicht wirklich gesund ist, aber WISSEN wir es wirklich und wie BEWUSST ist es uns? Ich wurde als Jugendliche nie über Alkohol aufgeklärt, sei es von meinen Eltern oder in der Schule. Und natürlich ist die Frage, ob ich als Jugendliche etwas daran geändert hätte, wenn ich mehr gewusst hätte? Vielleicht bin ich auch naiv zu glauben, dass ein größeres Bewusstsein darüber, was Alkohol ist, was es mit uns macht und das wir eigentlich alle nur einer Illusion hinterherlaufen, etwas an unserem Konsum in Deutschland ändern würde. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass eine Gesellschaft wie Deutschland bewusst ihre Kinder nicht vor einer abhängig machende Substanz warnen würde. Sicherlich, es gibt Aufklärungs- und Präventionsprogramme, aber selbst das Ministerium für Gesundheit sagt folgendes:

In der Gesellschaft herrscht eine weit verbreitete unkritisch positive Einstellung zum Alkohol vor.

Wenn dies nun also der Fall ist und wir irgendwie alle im Dunkeln tappen, was das Thema Alkohol betrifft, dann ist es umso wichtiger loszugehen und aufzuklären, Alternativen zu bieten, sich respektvoll zu zuhören und vor allem nicht zu urteilen!

photo credits Titelbild: Mai Truong // unsplash

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