Allein sein

Ein Freund: „Was ist, wenn wir in diesem Leben dazu bestimmt sind, keinen Partner zu finden?“

Ich: „Dann wäre das auch ok. Dann können wir endlich aufhören zu suchen.“

Früher, als ich noch ein junges Mädchen war, kann ich mich noch genau daran erinnern, dass ich von der großen Liebe träumte. In meiner damaligen Vorstellung lebte ich mit einem großgewachsenen, rothaarigen Lockenkopf auf einem Bauernhof. Ich weiß nicht, woher ich dieses Bild in meinem Kopf kam. Ich weiß nur, dass ich gerne in Tagträumen versunken bin. Auch, als ich älter wurde. Ich liebte es, einen Jungen in meinen Vorstellungen kreisen zu lassen, von dem ich auch tagsüber träumen konnte.
Also jagte ich eigentlich schon als junges Mädchen der Liebe hinterher und war der Überzeugung, dass ich erst „komplett“ bin, wenn ich einen Partner habe. Warum hat mir eigentlich nie jemand beigebracht, wie ich mich selbst aushalten kann? Warum hat mir in der Schule eigentlich nie jemand erklärt, wie Liebe – vor allem Selbstliebe – geht? Warum bringen wir das unseren Kindern eigentlich nicht bei? Warum war ich so viele Jahre lang der Überzeugung, dass ich einen anderen Menschen (einen Partner) brauche, um zufrieden mit mir zu sein?

Ich weiß, welches Argument jetzt folgen wird: „Aber wir Menschen sind doch soziale Wesen und wir brauchen Menschen, um uns auszutauschen und uns wohlzufühlen und wir sind immer auf der Suche nach einem Partner/Partnerin, weil die Biologie das so vorgibt.“ Das ist auf der einen Seite richtig, aber auf der anderen Seite heißt das nicht, dass ich stets das Bedürfnis nach einem anderen Menschen haben muss und mich schwer aushalten kann. Ich glaube in dieser Hinsicht ist der Mensch frei, wenn er frei sein will. Ich habe festgestellt, dass ich erst frei und unabhängig sein kann, wenn ich mit mir selbst sein kann.

Als ich noch getrunken habe, jagte mich ständig eine innere Unruhe, eine Hast, ein Hoffen auf einen neuen Partner, mit dem dann alles besser sein wird, als bei dem Mann davor.

Nur habe ich erst letztens feststellen müssen, dass es in meinen vorherigen Beziehungen nie um den anderen ging. Es ging immer nur um mich. Nicht, dass ich bewusst egoistisch sein wollte. Ich war eher in mir selbst gefangen und wollte ausbrechen und hatte das Gefühl, dass das nur mit einem Partner an meiner Seite funktioniert. Es war nicht so, dass ich alleine unglücklich war. Es war eher so, dass, sobald ich meine Puzzleteile wieder zusammengesetzt hatte, schon wieder die nächste Beziehung folgte, ohne, dass ich wusste, was bei der alten schief gegangen ist. Ich wollte nicht fühlen, aber habe eigentlich so viel gefühlt, was wiederum nichts mit meinem Gegenüber zu tun hatte. Ich wollte, dass ich fühle, aber ich wollte mich selbst nicht fühlen.

Es war auch nicht immer alles scheiße und ich würde auch nichts rückgängig machen wollen, aber es ging immer nur um mich und um das Hamsterrad, in dem ich so meine Runden drehte. (oder vielleicht nicht einmal wusste, dass ich darin meine imaginären Runden drehte). Dabei möchte ich auch nicht sagen, dass ich die Schuldige der Beziehung war. Es gehören immer Zwei dazu.

photo credits: Milan Popovic // unsplash

Vielleicht musste es auch erst soweit kommen, dass ich von der ganzen Theatralik irgendwann einmal so die Schnauze voll habe, dass es sich einfach nur noch richtig(er) angefühlt hat, alleine zu sein.
Ich habe begonnen aufzuräumen und der erste Schritt war, Alkohol und Drogen aus meinem Leben zu streichen und ab dem Zeitpunkt habe ich mir erlaubt, für mich und meine Wünsche einzustehen. Nicht voll und ganz, aber zumindest immer mehr und mehr. Und heute darf ich sein. Ich darf sein und all die Dinge tun, die mir Freude bereiten. Ich will mich nicht mehr in eine Form pressen müssen und ich will einen Partner auch nicht in eine Form pressen müssen, aber um das zu verstehen, musste ich erst einmal alleine sein und das so lange „aushalten“ bis es mir richtig gut dabei geht. Und ich glaube, damit wird es auch einfacher sein, einen Gegenüber zu finden, weil ich keinen anderen Menschen brauche, um glücklich zu sein.

Früher habe ich Menschen, die das konnten, beneidet. Ich wollte auch so sein. So unabhängig. Menschen, die einfach ihr eigenes Ding machen und zufrieden mit sich selbst sind. Ich habe nur nie verstehen können, was mein eigentliches Problem ist. Mein eigentliches Problem war, dass ich Alkohol getrunken habe, um genau das nicht mehr zu fühlen, um genau dieser Thematik aus dem Weg zu gehen. Da gibt es nämlich nichts zu verstehen, da gibt es eher ganz viele Dinge zu fühlen und wer trinkt, will nicht fühlen und wer sich selbst nicht fühlen will, der fühlt auch einen Gegenüber nicht, sondern immer nur den eigenen Schmerz. Und dann geht es eigentlich nur um einen selbst, auch wenn eine andere Person mit im Spiel ist.

Ich habe das Daten auch nicht übertrieben. Ich habe mich bisher mit einem Mann getroffen und das ist völlig ok so. Ich brauche nicht mehr. Ich brauche die Betäubung nicht mehr und um ehrlich zu sein, habe ich auch gar keine Zeit mehr dafür, weil ich mich mit Dingen beschäftige, die mir wichtiger sind und dann wird Daten zu einer Nebensächlichkeit.

Ich treffe viel bewusstere Entscheidungen und übergehe meine Grenzen nicht mehr permanent. Ich weiß, was ich will und dadurch, dass ich das weiß, kann ich mir auch die Zeit nehmen, zu warten.

Es ist nicht mehr schlimm. Es ist nicht mehr schlimm, alleine einzuschlafen, oder alleine aufzuwachen. Ich bin ja letztendlich auch nie völlig alleine. Es ist ok keinen Partner zu haben und es fühlt sich gut an, diesem Gefühl nicht hinterherlaufen zu müssen und irgendwelche Treffen, Begegnungen oder Kurznachrichten auseinandernehmen zu müssen. Manchmal frage ich die Karten, weil es Spaß macht und lustig ist.

Und wenn ich dann doch mit einem Mann schreibe, wird mir schnell langweilig und ich möchte lieber ganz andere Dinge tun und das ist ein Zeichen dafür, dass es nicht der richtige Zeitpunkt ist. Das ist ein Zeichen dafür, dass ich gar keinen Bock auf das Daten habe, dass ich die Zeit mit mir genieße und nicht bereit dazu bin diesbezüglich Kompromisse zu machen.

photo credits: envie s // unsplash

Es ist nicht mehr so wie früher, dass ich das Gefühl habe, ohne Partner nicht gut genug zu sein. Beziehungsweise habe ich mich mit Partner auch nicht gut genug gefühlt. Ich wünsche mir sowohl, als auch. Ich wünsche mir, dass es allen Beteiligten in dieser Situation gut geht. Ich wünsche mir, dass ich mich sehe, den anderen sehe und gesehen werde. Ich wünsche mir Freiheit und Unabhängigkeit – vor allem in einer zwischenmenschlichen Begegnung und dafür bin ich gerne bereit zu warten, weil mein Leben auch so schön ist und wenn mich heute jemand fragt, wie ich das geschafft habe, dann würde ich sagen: „Ich habe aufgehört zu trinken und andere Substanzen zu nehmen und ich habe gelernt, mich auszuhalten.“ Und wenn die Antwort darauf ist: „Das ist aber so schwer.“ Dann würde ich entgegnen: „Ich weiß.“.

photo credits Titelbild: Pedro da Silva

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