Sechs Jahre Abstinenz – Vergangenheit trifft Gegenwart

Dies ist ein Gastbeitrag von Sonja

Daniel Schreiber berichtet in seinem Buch „Nüchtern“, dass ihm eine Freundin mal gesagt hat, dass man nach fünf Jahren Abstinenz herausfindet, wer man wirklich ist und dass man nach weiteren fünf Jahren dazu in der Lage ist, dafür einzustehen. In wenigen Monaten bin ich sechs Jahre nüchtern. Von meiner Warte aus kann ich sagen, dass sich der erste Teil der Prognose bestätigt hat. Ich weiß jetzt wer ich bin oder anders ausgedrückt: Ich weiß jetzt besser wer ich bin. Komischerweise muss ich in diesem Zusammenhang an etwas denken, dass die Podcasterin Kristin Graf in einer der Folgen zur Friedlichen Geburt mal gesagt hat: Kinder sind, im Gegensatz zu uns Erwachsenen, total mit ihrem Instinkt verbunden. Bestimmt ist dies mit ein Grund, warum ich Kinder so spannend finde.

Wenn du Kind bist, hat dein Verstand noch nicht die Führung übernommen. Ich bin mir fast zu 100 Prozent sicher, dass ich als Kind sehr viel besser wusste, wer ich wirklich bin.

Es scheint, dass wir alle im Laufe der Lebensjahre diese Verbindung zu unserem Instinkt verlieren. Warum das so ist, weiß ich nicht genau. Vielleicht fängt es damit an, dass wir irgendwann in die Schule gehen und dort auch eine gewisse schulische Leistung erbringen müssen. So lernen wir uns in diese Gesellschaft einzugliedern bzw. anzupassen. In meinem Fall ging es dann nach der Schule noch ein Stückchen weiter, dass ich von meinem Elternhaus aus einen Beruf erlernen musste, der mich null Komma null interessiert hat. Ich vermute, dass ich in diesen Ausbildungsjahren auch so etwas wie eine erste depressive Verstimmung hatte. Zum Ausbildungsende hin konnte ich meine Eltern davon überzeugen, dass es für mich sinnvoll ist noch ein Studium zu machen. Aber auch hier war die Devise: „Kind, du musst auf jeden Fall was machen, das auf deiner Berufsausbildung aufbaut. Wie sieht denn das sonst im Lebenslauf aus?“. Also auch bei der Wahl des Studiengangs habe ich mir erneut von extern reinreden lassen. Dieser Zustand des Fremdgesteuertseins zog sich meine gesamte Adoleszenz hin. Ich meine damit den Zustand des jungen Erwachsenseins, also meine 20er. Das Krasse daran war, dass ich noch nicht mal erkannt hatte, dass ich fremdgesteuert war.

photo credits: Allison Archer // unsplash

Ich, die aus einer erzkatholischen Familie stammt, stieß mir im Studium, im wahrsten Sinne des Wortes, die Hörner ab. Ich habe getrunken, bin abgestürzt und saß am nächsten Morgen wieder brav in der Vorlesung, so als ob nichts dabei wäre mit Restalkohol im Blut zu studieren. Ich denke, dass es im Studium tatsächlich normal ist, dass man sich ein bisschen die Hörner abstößt und wild feiern geht. Insbesondere wenn man vorher durch die Ausbildung bereits ein bisschen Berufsluft geschnuppert hat, weiß man die Freiheiten des Studiums durchaus zu schätzen. Ich bereue nicht, dass ich damals so wild war. Aber irgendwann war dann auch das Studium vorbei und ich begann zu arbeiten. Das war hart. Das Feiern und die Partys wurden dadurch weniger. Man hatte ja auch mehr Verantwortung. Was ich aber nicht mehr reduzieren konnte, war die Trinkmenge, die ich mittlerweile vertragen konnte. Ich hatte immer Rotwein im Haus. Ich rechtfertigte das damit, dass ich ihn ja noch für die gute Bolognese-Sauce bräuchte oder für den leckeren Rotweinkuchen. Den Rest der Flasche trank ich dann meistens alleine leer. Ich trank auch oft zum Putzen, weil ich da nie Lust drauf hatte. Ich musste mir das in der Tat schön trinken und habe somit die Wirkung des Alkohols rigoros missbraucht. Das ganze Verhalten steigerte sich dann bis zu meiner Alkoholfahrt, die ich mit 30 Jahren hatte. Seitdem weiß ich, dass ich alkoholkrank bin und habe seitdem auch keinen Tropfen mehr getrunken. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass ca. 20 Prozent der Menschen, die regelmäßig Alkohol konsumieren, irgendwann nicht mehr kontrolliert trinken können, also eine Minderheit. Wenn es um Minderheiten geht, scheine ich immer die Hand zu heben. Ich beobachte, dass viele Menschen, die zuvor zu viel getrunken haben, um den 30. Geburtstag herum damit aufhören. Ich finde das spannend. Es scheint, dass mit 30 Jahren bei vielen von uns etwas passiert. Bei mir war es, dass ich mich wohl nicht mehr weiter von mir selbst und meinem Instinkt entfernen konnte ohne komplett in die Brüche zu gehen. Rückblickend erscheint es so, dass seitdem eine Kehrtwende bei mir stattgefunden hat. Also sozusagen eine Reise zu mir selbst, zu der Sonja wie sie ursprünglich mal war.

Etwa ein Jahr nachdem ich nüchtern wurde, äußerte mein heutiger Mann den Verdacht, dass ich hochsensibel bin. Hochsensible Menschen kennzeichnen sich dadurch, dass sie keine Reizfilter besitzen und deshalb unheimlich viel in sich aufsaugen, was sie dann am Ende des Tages sehr auslaugt. Bei Leistungs- und Reaktionstests am Computer falle ich beispielsweise durch, weil ich zu lahm bin. Mein Hirn braucht länger, um Informationen zu verarbeiten, weil alles durchkommt. Das ist die unangenehme Seite an der Hochsensibilität. Die andere Seite ist, dass ich z.B. viel Kraft aus der Natur schöpfen kann. Ich liebe es zu wandern, das Meer, Draußen zu sein, Camping und Rad zu fahren. Wenn ich musiziere, kann ich auch sehr gut auftanken. Es sind die kleinen aber feinen Dinge des Alltags, an denen Hochsensible ihre Freude haben und lange davon zehren können. Studien zufolge sind 15 bis 20 Prozent aller Menschen hochsensibel, also ungefähr jeder Fünfte. Da haben wir das schon wieder mit der Minderheit, bei der ich dabei bin.

Ich kann mir vorstellen, dass es da einen Zusammenhang gibt. Also in die Richtung, dass ein hochsensibler Mensch zu viel trinkt, weil er sonst nicht anders abschalten kann.

Ich kenne viele Ex-Trinker, die sehr lieb sind, was vermuten lässt, dass sie sensible Wesen sind. Und trotzdem denke ich nicht, dass jeder HSPler (=hochsensible Person) ein Trinker ist oder werden könnte. Bei mir äußert sich die Hochsensibilität über meinen Geruchssinn: Ich rieche jeden und alles. Ich kann teilweise über die Haut eines Menschen riechen, was er gegessen hat. Mein Mann meint immer im Scherz zu mir, dass ich mit dieser Nase als Spürhund am Frankfurter Flughafen arbeiten könnte. Weiterhin kann ich mich null in Großraumbüros konzentrieren. Wenn Kolleginnen lästern, was Frauen in der Regel ja ständig tun, höre ich zu, ob ich will oder nicht. Ich kann es einfach nicht ausblenden. Für mich ist das belastend, weil ich dann erstens nicht mit meiner Arbeit vorankomme und zweitens diese negative Arbeitsatmosphäre voll und ganz in mir aufsauge, dass ich am Ende des Tages einfach nur noch erschöpft bin. Mit diesem Persönlichkeitsmerkmal Hochsensibilität habe ich mich aber seit Jahren nicht mehr befasst. Sozialwissenschaftler würden den Zustand, in dem ich mich heute befinde, wohl als Rush Hour des Lebens bezeichnen. Ich befinde mich irgendwo zwischen beruflichen Wiedereinstieg, Selbstständigkeit, einem Kleinkind in seiner Trotzphasen-Höchstform, einem Säugling im Beikost-Alter und einem dritten Kinderwunsch. Andere junge Familien verschulden sich in dieser Phase ihres Lebens, weil sie sich z.B. eine Immobilie zulegen. Es ist einfach viel los. Man rotiert ständig.

photo credits: Tyler Nix // unsplash

Im Oktober 2019 habe ich Nathalie Stüben bei 3nach9 gesehen. Zu diesem Zeitpunkt war mir nicht bewusst, was dieser Fernsehauftritt alles in meinem Leben in Gang setzen würde. Ich nahm zu ihr Kontakt auf und redete mit ihr über meine Alkoholvergangenheit. Das hatte ich, seitdem ich den Führerschein zurückbekommen habe, nicht mehr gemacht. Das gesamte schambehaftete Thema habe ich einfach unter den Teppich gekehrt. Heute bin ich so endlos froh und dankbar, dass ich mit Nathalie diese Podcast-Folge, die im März 2020 erschienen ist, aufgenommen habe. Nathalie hat mich daran erinnert mich um meine eigenen persönlichen Baustellen zu kümmern, die ich jahrelang vernachlässigt habe. Ich habe es zwar geschafft nüchtern zu bleiben, aber dennoch habe ich weiterhin Jobs angenommen, die eigentlich nicht zu mir und meiner Persönlichkeit passten. Nathalie hatte in der November-2019-Ausgabe ihres Podcastes Vlada Mättig im Interview. Als ich Vlada bei ihren Schilderungen zu ihrer Biographie zuhörte, konnte ich einige Parallelen zu meinem Werdegang feststellen. Also dass man z.B. etwas studiert hat, was einfach nur sicher war und dass die Jobs, die man so annahm sicher waren, aber eben nicht glücklich machten. Also nahm ich auch zu Vlada Kontakt auf. Sie empfahl mir den Podcast von Laura Malina Seiler. Die Frau ist toll. Ich persönlich würde mich niemals als spirituellen Menschen bezeichnen, aber vieles von dem, was Laura erzählt, macht für mich Sinn; das Spirituelle mal ausgeblendet. Sie hilft ihren Hörern dabei auf ihre innere Stimme zu hören und dabei herauszufinden, was es ist, für das man aufsteht. So ist es möglich wieder zu sich zu finden, also auch z.B. zu den Werten, die man schon als kleines Kind hatte und irgendwann im Laufe der Jahre verloren hat. Man lernt dabei zu akzeptieren, dass es okay ist, so wie man ist. Man lernt für sich selbst loszulaufen und dass es nicht okay ist, sich zu verbiegen. Das mit dem Verbiegen und dem Gefühl es allen recht machen zu müssen, hatte mir mit 30 Jahren fast das Genick gebrochen. Ich werde das nicht mehr tun; für keinen Arbeitgeber der Welt mehr.

Diese neu erlangte Freiheit, die ich mir nun selbst zugestehe, tut richtig gut. Für mich hat das was Heilsames.

Dazu gehört eben auch, dass man sich beispielsweise Noise Cancelling Kopfhörer zulegt, wenn man genau weiß, dass man sich in Großraumbüros nicht konzentrieren kann. Klar sind die teurer, aber es geht darum sich so zu akzeptieren, wie man ist. So mache ich mir das Leben leichter und das sollte ich mir wert sein. Ich wurde übrigens seit der Podcast-Ausstrahlung mit Nathalie im März nur belohnt. Ich bekomme viel positives Feedback für meine Offenheit und den Mut darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen. Dies werde ich auch weiterhin tun, weil auch das mit „sich nicht mehr verbiegen“ zusammenhängt. Denn nur so bin ich authentisch. Die Abstinenz sowie die Hochsensibilität gehören mittlerweile zu meiner Persönlichkeit. Es geht darum, dass ich dazu stehe, wer ich bin und was ich tue bzw. in dem Fall nicht mehr tue. Wenn ich so darüber nachdenke, was ich beruflich noch so alles vorhabe, macht mein Studium wieder Sinn. Meine Cousine sagt:

Das Leben ist wie ein Mosaik. Nach und nach fügt es sich zusammen und am Ende ist es vollkommen.

Dass sich viel zusammenfügt, fühle ich gerade. Ehrlicherweise muss ich aber auch zugeben, dass nicht alles leichter geworden ist, seitdem ich nüchtern bin. Ein philosophisch angehauchter Freund behauptet immer, dass das Leben wie eine Sinuskurve verläuft: Sie geht mal hoch und mal runter. Natürlich ist sie in den letzten sechs Jahren auch häufig runter gegangen. Ich hatte eine Fehlgeburt, Kinder verändern die Partnerschaft und die Ehe ist auch nicht immer so easy zu meistern. Aber das Tolle an der Nüchternheit ist, dass man eher den Blick dafür hat, wenn etwas aus dem Ruder läuft und man kann sich frühzeitig entsprechende Hilfe suchen.

Ich mag die Reise, auf der ich mich zur Zeit befinde. Ich bin gespannt darauf, was in den nächsten vier Jahren noch so alles passieren wird, wenn ich die (hoffentlich) zehn Jahre Abstinenz erreicht haben werde. Ich bin in absolut positiver Vorfreude.

Danke Sonja, für den schönen Blogpost! Wenn ich euch mit Sonja austauschen wollt, dann findet ihr sie über Instagram unter annika.sober.

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