Mein Freund der Alkohol

Ich glaube wir müssen uns trennen, so ganz bewusst ist es mir noch nicht, aber es ist an der Zeit, dass wir getrennte Wege gehen. Die letzten 20 Jahre warst du irgendwie immer da. Ganz selbstverständlich hielt ich dich in der Hand, du branntest in meiner Kehle und vernebeltest mir das Hirn. So sah unsere Freundschaft aus. Auf dich war verlass, je mehr du gabst desto weniger war ich im Stande ich zu sein, dass war immer so. Diesbezüglich hast du mich nie enttäuscht.

Unsere Beziehung begann schüchtern und naiv. Ich war 7 Jahre alt, als ich dich heimlich das erste Mal probierte. Aber da warst du schon immer, so lange ich denken kann. Jeder der Erwachsenen schien eine tolle Freundschaft mit dir zu haben, das wollte ich auch. Dich näher kennenlernen. Du schienst der Schlüssel zum Erwachsensein zu sein, zum Dazugehören und um cool zu sein. Ich wollte Erwachsen und cool sein. Das nächste mal kam ich mit dir an der Mosel in Kontakt. Familienurlaub. Ich war 9 oder 10 Jahre alt. An der Mosel gibt es viel Wein und meine Eltern ließen mich den Kröver Nacktarsch probieren, vielleicht weil er so lustig hieß. Aber so richtig näher kamen wir uns erst als ich 14 war. Meine Eltern hatten sich 3 Jahre zuvor getrennt. Ich hatte mich mit älteren Jugendlichen angefreundet und die waren schon richtig gut mir dir befreundet. Wir trafen uns dann immer im Dorfklub, bei irgendjemanden zu Hause oder gingen in die Tschechei, denn dort gab es dich so richtig billig. Und dann wurde hemmungslos getrunken. Vertragen habe ich dich am Anfang noch nicht, auch wirklich gut hast du nicht geschmeckt. Alle anderen tranken dich aber sehr gern, also Augen zu und durch. Mit dir hatte ich meinen ersten Kuss, vielleicht auch erst durch dich, denn ich war unheimlich schüchtern. Er war zwei Jahre älter. Aber wegen dir kann ich mich nicht mehr an den Moment erinnern. Es gibt Erinnerungsfetzen von diesem Abend, aber mehr auch nicht. Heute nehme ich dir das irgendwie übel. Ich würde mich gern erinnern wollen, aber du hast es mir genommen. Den nächsten Tag fühlte ich mich so elendig und ich schämte mich so sehr. Den Jungen wollte ich danach nie wiedersehen. Aber du bliebst. Meinen ersten Diskobesuch haben wir zusammen durchgestanden. Den ganzen Abend stand ich mit dir in der Hand in der Ecke und beobachtete nur. Wer weiß wie alt ich war. 15 vielleicht. Irgendwann hattest du deine Wirkung getan und für nur 20 Minuten waren wir auf der Tanzfläche gelandet, weil wir nach Hause mussten. Von da an warst du immer mit dabei. Vlada war mit dir auch schon so richtig gut befreundet. Sie konnte so viel mehr von dir trinken als ich. Sie war mein Vorbild, so wollte ich auch sein. Also trank ich immer mehr – immer! Wie oft brachtest du mein Mageninneres nach Außen. Wie oft wachte ich mit Erinnerungslücken auf. Wie oft verlor ich die Kontrolle und schlief irgendwo ein. Zu oft. Doch ich habe dich und deine Wirkung nie in Frage gestellt. Du warst ein Teil von meinem Leben und das war auch gut so. Denn ich wollte Erwachsen sein.

photo credits: Melissa Askew // unsplash

Dann ging es für ein Austauschjahr in die USA. Ich war gerade einmal 16. Dich gab es dort nicht für mich. Zum einen, weil in den USA erst ab 21 getrunken werden darf, aber auch weil meine Gasteltern auf Grund ihrer eigenen Lebensgeschichte nichts tranken und mein Freundeskreis dort auch in dieser Hinsicht super anständig war. Es viel mir nicht schwer dich sein zu lassen, denn die Liebe lenkte mich ab. Ich fand mich in meiner ersten Liebesbeziehung wieder. Er mochte trinkende Menschen nicht, auf Grund seines Vaters. Er hatte damit sehr schlechte Erfahrungen in seiner Kindheit gemacht. Nichts trinken war für mich kein Problem, so lange ich dort war. Doch das änderte sich schnell als ich wieder zurück nach Deutschland kam.

Du warst wieder überall präsent. Wir gingen auf Partys und du warst mit dabei. Wir hatten Mädelsabende und du warst mit dabei.

Es gab noch andere Gründe, aber mit dir in der Hand wurde ich zu etwas, was mein damaliger Freund nicht mochte und somit ging er und nahm einen großen Teil meines Herzens mit! Ihn gehenzulassen war eines der schwersten Dinge, die mein junges Herz zu verkraften hatte. Er war für mich damals die Liebe meines Lebens und dennoch war es mir wichtiger dich zu konsumieren. Ich verstand den Schmerz meines Ex-Freundes in Bezug auf dich nicht, denn wir hatten doch immer nur gute Zeiten zusammen erlebt, oder? Deine Schattenseiten waren mir damals sehr unbekannt, wobei ich sie an mir selbst erlebte, doch das gehörte einfach mit dazu. Prost!

Meinen zweiten Freund lernte ich auch durch dich kennen. Wir waren mal wieder zusammen in der Disko unterwegs und küssten irgendeinen Typen auf der Tanzfläche. Ich war damals 20 und stand kurz vor dem Studium. Anscheinend fand er mein betrunkenes Ich besser, denn nur ein halbes Jahr später machte er per Telefon mit mir Schluss. Egal, wir beide zogen in die große Stadt. Die eigene WG wurde erst einmal mit dir gefeiert. Freiheit – darauf stoßen wir erst einmal an! Gefühlt stießen wir jeden Abend mit dir an. Es gab ja keine Eltern mehr, die unsere Freundschaft hätten überprüfen können. Bald zog in unserem Haus ein Späti ein. Wie praktisch. Jetzt konnten wir dich noch öfter sehen und sogar zu fast jeder Tageszeit. Auch probierte ich dich in immer mehreren Varianten aus, wir fingen mit Alkohopop an! Quasi die Einsteigerdroge für Jugendliche, da so schön süß. Doch im Studium kamen dann härtere und vor allem bittere Sachen dran. Bier schmeckte mir lange nicht, da aber billig, wurdest du dann oft in dieser Form konsumiert. Betrunkene WG-Feiern kamen und gingen. Und da saß ich mal wieder auf dem Augustusplatz, neben mir meine Mitbewohnerin, der ich gerade auf ihren Mantel gebrochen hatte. Er musste in die Reinigung und ich kam dafür auf. Oder als wir aus dem TV-Club kamen, den Schlüssel vergessen hatte und ich vor unsere Haustür brach. Wie oft wehrte sich mein Körper gegen unsere Freundschaft. Er wollte dich nicht in meinem System haben. Doch da musste er durch, dass gehört doch zum Studentenleben dazu, sagen sie alle!

Nie habe ich auch nur eine Minute daran gedacht aufzuhören und dich aus meinem Leben zu streichen, obwohl mein Körper dich ja offensichtlich so schnell wie möglich wieder loswerden wollte.

Klar sagte ich oft „ich werde nicht mehr so viel trinken“, aber beim nächsten Mal wurde es genauso. Du gehörtest eben dazu und ohne dich wäre doch alles nicht so lustig gewesen.        

photo credits: Artem Kovalev // unsplash

Nach dem Studium sollten wir uns etwas von einander entfernen. Ich ging nach Südostasien in Kinderheime und dort hattest du nichts zu suchen. Klar wurde da und dort mal ein heimisches Bier getrunken, aber ansonsten nahm ich Abstand von dir. Du fehltest mir auch nicht! Der Kontext war ein anderer. In dieser Welt existiertest du nur marginal. Als ich dann noch für ein Jahr in Kuala Lumpur, Malaysia lebte, gab es dich dann öfters mal zu Hause in meinen eigenen vier Wänden, alleine. Es ist ein muslimisches Land und trinken wird sehr stark kontrolliert. Ich war in der Zeit oft einsam. Da warst du mir, mein guter, alter Freund, gerade recht! Du halfst mir damals über viele Abenden hinweg, an denen ich mal wieder alleine in einer riesengroßen fremden Stadt saß und meine Familie und Freunde Tausend Kilometer weit weg waren. Du warst eine Konstante und du warst vertraut! Die Jahre vergingen. Ich zog in die Niederlande und fand mich mal wieder dem europäischen Alkoholfrönen ausgesetzt. Just, war ich wieder mittendrin statt nur dabei! Es gab wieder hemmungslose Abende, Gedächtnislücken und verkaterte Tage. Wir beide haben da wieder angeknüpft wo wir vor ein paar Jahren aufgehört hatten. Nur vertrug ich dich schlechter. Ein Kater hielt viel länger. Viele meiner Freunde bekamen Kinder, bauten Häuser und wurden erwachsen, doch du und ich wir zogen um die Häuser wie teilweise in meinen 20er. Ich hatte dieses freie, ungebundene, internationale Leben, mein Gott, war ich cool…..eher weniger. Doch je mehr mein eigenes Verhalten mich in Sackgassen brachte, desto mehr war ich gezwungen hinzuschauen, zu lernen und mich besser zu verstehen.

Je mehr ich erkannte und bewusster wurde, desto weniger verstanden wir uns. Ich erkannte deine Macht über mich und über Menschen, die ich liebe. Ich sah deine Schattenseiten immer mehr und dein ach so schönes Antlitz begann zu bröckeln.

Ich verstand, dass du eine Droge bist, ein Nervengift und wir uns am Ende alle auf einer abwärts Spirale wiederfinden. Du bist nicht nur das sprudelnde, farbige Getränke, was alle so schön lustig und locker macht! Du bist nicht das, was ich so lange glauben wollte. Du bist schädlich für mich und du lässt mich zu jemanden werden, der ich nicht mehr sein möchte. Erinnerungen an frühere Kater lassen mich nur mit dem Kopf schütteln! Dorthin will ich nie wieder zurück! Und deswegen ist es Zeit, dass wir getrennte Wege gehen. Ich möchte dich nicht mehr in meinem Leben haben. Ich weiß, du bist Teil unserer Gesellschaft! Unsere Wege werden sich noch oft kreuzen. Wie unscheinbar und naiv kommst du auf einer Geburtstagsfeier daher oder bei einem Grillabend, Dort werden wir uns nach wie vor begegnen und das werden für mich auch die schwierigsten Momente sein, aber es ist besser so, vor allem für mich. Denn ich mag mich nüchtern! Ich mag meinen klaren Kopf. Ich muss mich nicht mehr hinter dir versteckt oder betäuben. Und somit Alkohol, mein alter Freund, lebe wohl!

photo credit Titelbild: Fuu J // unsplash

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