Verliebt in das nüchterne leben

Dies ist ein Gastbeitrag von Tessa Loniki (@lonikitessa)

Ich möchte gerne meine Neujahreserlebnisse mit euch teilen, die nämlich sehr deutlich machen können, wie schön und befreiend das nüchterne Leben sein kann.

Am Silvestertag schien die Sonne, es war kalt. Ich bin schon mit einer guten Laune aufgestanden und wusste: Heute muss ich raus, in die Sonne, an die frische Luft. Eines der schönen Dinge des nüchternen Lebens: man erkennt plötzlich wieder die kleinen und schönen Dinge des Lebens. Die Sonnenstrahlen, die Natur, freundliche Gesichter, die einem begegnen und noch so vieles mehr!

Also machte ich mich auf den Weg. Ich hatte gute Musik im Ohr, die mich schon so sehr beschwingte. Decke eingepackt, gutes Buch eingepackt und noch einen Kaffee to go in der Hand. Super ausgestattet saß ich also an der Wand des Karlsruher Schlosses, mit toller Aussicht, in der Sonne badend. Und um mich herum ein tolles und doch auch irgendwie feiertäglich ruhiges Stadtgeschehen. Es hat mir allein schon Freude bereitet, dieses Stadtgeschehen zu beobachten. Ich möchte es als ein „gemeinsam einsam sein“ beschreiben, denn ähnlich wie ich, saßen viele andere allein mit sich an dieser Schlosswand, haben sich gesonnt, gelesen oder sich im SEIN geübt. Wiederum waren viele Spaziergänger*innen unterwegs, auch alle entspannt und zufrieden, was wohl an den Feiertagen lag?

photo credits: w // unsplash

Dieser Moment war das pure Glück für mich und dieses pure Glück habe ich erst gelernt zu erleben, zu spüren, seitdem ich nüchtern bin. Es sind Momente, Stunden, mal nur einige Minuten, manchmal sogar ein ganzer Tag. Immer ist es nicht da, dieses Gefühl. Ich glaube das wäre auch zu anstrengend auf Dauer, denn positiver Stress ist ja bekanntlich für den Körper auch Stress. Aber es sind eben diese Momente. Und die können noch so klein sein, aber sie machen das Leben einfach so unfassbar lebenswert. Es ist wirklich ein VERLIEBTSEIN, in mich selbst, in das Leben: ausgelöst durch Orte, Begegnungen und/oder Kreativität wie zum Beispiel gute Musik, Tanzen oder ein gutes Buch! 

Der Weg dahin ist nicht leicht. In meinem Artikel Nüchternsein beschrieb ich ja schon, dass alles hochkommt, sobald du aufhörst, deine Ängste und negativen Gefühle/Emotionen mit dem Trinken zu betäuben. Wenn sie hochkommen sind sie da. Und es ist unfassbar wichtig, dass sie da sind, dass ich sie wahrnehme und auch kommuniziere. Das ist etwas, was ich nie gelernt habe, was unserer Gesellschaft wohl kollektiv sehr schwerfällt. Es tut weh, aber wenn man dann durch den Schmerz durch ist, ist es ein unfassbares Gefühl von Freiheit. Und dieser Schmerz kommt dann auch erstmal nicht wieder, oder wenn er wieder kommt, erkennt man ihn besser: man weiß damit umzugehen, weil es einem bekannt ist. Das bedeutet, dass der Schmerz da ist, aber händelbarer wird, nicht mehr so intensiv, nicht mehr so extrem, nicht mehr so überraschend.

Und dieses Gefühl der Freiheit lohnt sich, es lohnt sich für dieses Gefühl durch die Schmerzen durchzugehen.

Wahlweise auch mit (professioneller) Unterstützung: Das kann vieles sein: Freund*innen, Tiere, Bücher, Gesellschaft, Therapie, Spiritualität, Yoga, Kreativität, Sport/Bewegung, Achtsamkeit und Selbsterfüllung im Allgemeinen. Und generell werden wir achtsamer, wenn wir aufhören damit, uns mit Substanzen zu betäuben. Das Betäuben geht allerdings auch durch Arbeitssucht, Sportsucht, Magersucht, Zuckersucht, Koffein, Rückzug, Verkriechen in der Comfort Zone … . Das ist meiner Meinung nach in all diesen Fällen das gleiche Prinzip, eine Kompensation. Das achtsame und nüchterne Leben ist also eine Einladung zu sich selbst, hinzuhören und zu spüren, was in der eigenen Gefühlswelt so los ist. Wenn wir es unterdrücken, sagt uns spätestens der Körper mit einem Symptom Bescheid, dass da irgendetwas versteckt gehalten wird.

photo credits: Spencer Imbrock // unsplash

Und wenn wir das Versteck aufdecken, den Schatten in uns ins Licht bringen, dann kommen diese Glücksmomente. Die tiefen und ehrlichen Glücksmomente!

Ins neue Jahr reingefeiert habe ich dann auf der Yogamatte mit einer Freundin. Das war auch eine spannende und neue Erfahrung: Da saßen wir nun meditierend auf der Yogamatte, während draußen die Post abging. Da fühlt man sich auch plötzlich ganz schön cool, entgegengesetzt der „Norm“, keine Mitläuferin zu sein. Früher dachte ich immer, ich schwimme gegen den Strom, wenn ich mich betrinke und morgens um acht „rebellisch-fühlend“ in der Straßenbahn sitze, um nach Hause zu fahren (um den Rausch auszuschlafen), während der Rest der Gesellschaft auf dem Weg zur Arbeit ist. Das ist nicht cool! Da finde ich mein neues Selbst viel cooler, auch wenn ich damit in Kauf nehmen muss, als die verrückte achtsame Yogatante abgestempelt zu werden.

Die Yogatante bin ich dann nämlich gerne. Und außerdem ist es ja nie schwarz oder weiß: ich bin zwar die Yogatante, aber gleichzeitig gehe ich gerne mit den Kumpels abends in die Kneipe, um einfach mal vom Sinn befreiten Stuss zu reden – „rumatzen„. Das muss dann nämlich auch mal sein und ist total wichtig! Und das geht irgendwann auch wieder nüchtern, nachdem man das zuvor nur im Alkoholkontext gelebt hat. 

Um zum Neujahresthema zurückzukommen: Am Neujahresmorgen war ich auch wieder so gut drauf. Was wohl auch daran lag, dass ich bewusst KATERFREI aufgestanden bin! Früh morgens, fit und quietschfidel, über das Leben erfreuend. Es war nebelig, die Stadt wie tot, leergefegt. Die Gesellschaft, kollektiv verkatert im Bett liegend. Zumindest unterstelle ich das der Gesellschaft in dem Moment. Ich bin also wieder raus, durch den kalten Nebel und konnte mich selbst an diesem erfreuen! Symbolisch auch passend: „der Nebel des kollektiven Verkatertseins“ liegt in der Luft. Ein paar vereinzelnde Menschen waren wach, so wie ich. Aber es waren nicht viele. Und da kam in mir die Frage auf, warum Silvester und Neujahr eigentlich Feiertage sind? Doch nicht wegen dem Christentum? Also Feiertage ausgedacht, für die trinkende Gesellschaft? Denn nichts hatte auf, kein Laden indem ich mir meinen Kaffee holen konnte. Außer das goldene M, was mich dann gar nicht so zufriedenstellte, den Kaffee dort zu holen.

photo credits: Namroud Gorguis // unsplash

Und an diesem Morgen dachte ich – und diesen Gedanken habe ich öfters: Wie schön es wäre jetzt in einem muslimischen Land zu leben, in dem der Alkohol einfach keine (so große) Rolle spielt. Ich hatte noch nie das Vergnügen, aber so stelle ich es mir vor. Und ich lasse mir viel von meinen guten muslimischen Freund*innen darüber erzählen! Übrigens eine empfehlenswerte nüchterne Subkultur, in der ich mich sehr gerne bewege, nicht nur wegen dem nüchternen Aspekt! Und ja, ich weiß, auch da gibt’s Unterschiede. Auch manche Muslime trinken Alkohol. Aber der Grundkonsens ist ein anderer, und in dem fühle ich mich dann teilweise viel wohler, als in dieser alkoholisierten Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin.

photo credit Titelbild: Alain Pham // unsplash

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