Pilgern, aber bitte mit Alkohol!

Mein 30. Geburtstag stand bevor und ich hatte keine Lust diesen groß zu feiern. Ich wollte etwas anderes machen, denn mein Geburtstag ist Anfang Januar. Das Wetter ist schlecht, die meisten sind noch im Neujahrsurlaub und sowieso hat keiner nach Weihnachten und Silvester Lust zu feiern. Also beschlossen meine Cousine und ich uns kurz nach Weihnachten nach Portugal abzusetzen, um den Caminho Portugues zu laufen. Von Porto, in Portugal, ging es nach Santiago de Compostela, in Spanien. Rund 240 km zu Fuß. Der Jakobsweg ist einer der bekanntesten Pilgerwege der Welt. Darunter wird eine Anzahl von Wegen, die quer durch ganz Europa gehen und alle in Santiago de Compostela enden, zusammengefasst. Wir entschlossen uns also für den weniger bekannten Portugiesischen Weg. Das Ziel ist das angebliche Grab des Apostels Jakobus. Meine Cousine und ich sind nicht gläubig und wir traten diese Reise nicht aus religiösen Gründen an, sondern eher um uns quasi beim Pilgern selbst zu finden. Dieser Tage ist das auch der häufigste Grund warum jemand pilgert. Da ich nun vor meinem 4. Lebensjahrzehnt stand und den Eindruck hatte mich nicht sonderlich gut zu kennen, hörte sich eine Selbstfindung doch genau richtig an, um quasi erleuchtet meine 30er zu beginnen. In Porto angekommen saßen wir abends zusammen und tranken Rotwein, dieser sollte uns noch bis zum Ende dieser Reise begleiten. Am nächsten Tag ging es einigermaßen frisch zur Kathedrale von Porto, um uns als Pilger zu registrieren und unsere Pilgerpässe abzuholen. Mit diesem Pass bekommt man in Restaurants und Cafés preiswerte Pilgermenüs und hat Zugang zu den zahlreichen Pilgerherbergen entlang des Weges, um dort gegen eine Spende zu nächtigen.  

Wir machten uns also auf den Weg entlang der Küste, schon der erste Tag sollte ein anspruchsvoller werden, denn ein starker Sturm zog auf. Stundenlang kämpften wir gegen Regen und Wind an. Als wir abends in einem kleinen Fischerdorf strandeten, waren meine Hose und Wanderschuhe komplett durchgeweicht, dies sollte auch die nächsten 11 Tage mein Normalzustand sein. Schnell umgezogen, die nassen Sachen zum Trocken aufgehängt und dann ab in das Restaurant um die Ecke. Bier gab es dann abends im Zimmer auch noch, um runterzukommen und sich zu belohnen, war doch klar. Damit war ich der Erleuchtung schon einen Schritt nähergekommen. Am nächste Tag hatten wir strahlend blauen Himmel und Sonne pur, so lässt es sich pilgern! Wir wanderten durch kleine Dörfer, entlang der Dorfkirchen ins Landesinnere. Auch an diesem Abend gab es Bier in einem italienischen Schnellimbiss, was sonst, nach so einem körperlich anstrengenden Tag, da will man sich doch was Gutes tun. Ich fühlte mich schon etwas mehr erleuchtet. Zudem lernten wir an diesem Abend einen weiteren Pilger kennen. Die Hauptsaison für das Pilgern ist definitiv nicht Dezember/Januar, weswegen wir uns oft ganz alleine in den Pilgerherbergen wiederfanden. Der nächste Tag kam wieder mit viel Regen daher und ein paar anstrengenden Anstiegen. Total durchgeweicht kehrten wir zu dritt in der nächsten Herberge ein. Am Kaminfeuer in einem nahegelegen Restaurant trockneten wir wieder unsere Sachen und die nächsten Bierflaschen wurden geöffnet, ich spürte schon förmlich wie ich mich selbst immer mehr fand. Währenddessen schmolz das Feuer die Sohle meiner Wanderschuhe. An diesem Abend trieben wir es ganz schön weit mit dem Alkohol und das Pilgern am nächsten Tag war doch recht verkatert. Ein Opfer auf dem Weg zur Erleuchtung! 

Es war der 31. Dezember und das Neujahrsfest stand bevor. Die vorherige Nacht sollte uns nicht einschüchtern, um uns für den Jahreswechsel mit sehr viel Bier und Wein einzudecken, denn genauso begeht man ein neues Jahr feierlich – schön betrunken. Doch wir schwächelten an dem Abend, vielleicht war es noch der abklingende Kater vom Vorabend oder die körperliche Erschöpfung der vergangenen Tage. Jedenfalls sanken wir mit nur ein paar Bier intus vor dem Jahreswechsel in unsere Schlafsäcke und schliefen einen festen Pilgerschlaf. Oh, es erleuchtet so schön! Ihr müsst wissen, dass Ausschlafen in einer Pilgerherberge nicht gern gesehen ist. In den meisten Fällen ist bis spätestens 8 Uhr die Herberge zu räumen. Wir waren also schon wieder recht früh auf den Beinen und suchten nach einem Café für ein gutes Neujahrsfrühstück. Ein paar Stunden später saßen wir in einer kleinen Dorfkneipe. Die Tür stand offen und das Licht brannte, doch der Wirt war weit und breit nicht zusehen. Naja, wir machten es uns erst einmal gemütlich. Der Wirt war bei der Neujahrsmesse gewesen und erschien ein paar Minuten später. Wir als gute Pilger hätten da vielleicht auch hingehen sollen? Ach, was solls! Der Wirt trank erst einmal paar Kurze mit anderen Dorfbewohnern, während im Hintergrund die Neujahrsansprache des Papstes lief. Gegen den Kater vom Vorabend versteht sich! Prost und Frohes Neues! Der restliche Tag verlief unaufgeregt und abends gab es zur Feier des Tages ein großes Pilgermenü für jeden. Zurück in der Herberge gab es den mitgenommen Wein von gestern, denn ganz ohne Alkohol schlafen gehen wäre doch auch ein Unding gewesen. Selbstfindung macht wirklich einen Heidenspaß! 

Ab dem nächsten Tag an waren wir wieder nur zu zweit, denn unser Weggefährte wollte noch ein paar Tage alleine pilgern. Wir versprachen uns in Santiago de Compostela wiederzusehen, auf einen Drink natürlich! An diesem Tag überquerten wir auch die Grenze von Portugal nach Spanien. Der Fluss Miño trennt in dieser Gegend die beiden Länder. Auf der anderen Seite angekommen, stellten wir unsere Uhren eine Stunde zurück und leerten noch eine umgefüllte Plastikflasche an Weißwein, den wir von gestern noch übrig und mitgenommen hatten. Die nächsten Tage verliefen ähnlich, tagsüber durchquerten wir Dörfer und Städte immer vorbei an wunderschönen Kirchen und Kapellen und abends gab es Wein oder Bier, das hatten wir uns verdient! Einmal kehrten wir sogar mittags in ein Restaurant ein und verbrachten dort mehrere Stunden, weil ein Wolkenbruch über uns herfiel. Und was durfte da nicht fehlen? Richtig, eine Flasche Hauswein! Er war billig und auch so leicht bekömmlich. Und mit jedem Tag und jedem Schluck konnte ich die Erleuchtung mehr spüren oder eher nicht?

Es war der Abend vor meinem 30. Geburtstag. Wir liefen eine Schnellstraße entlang, es hatte mal wieder geregnet und wir freuten uns schon auf die Herberge. Gleich hatten wir es geschafft. Doch diese hatte auf Grund von Renovierung geschlossen, nur wussten wir das nicht! Also zurück entlang der Schnellstraße zu einem kleinen Restaurant und Hotel, was an der Straße lag. Auch dieses war wegen Umbauten geschlossen, doch die Inhaberin hatte Erbarmen mit uns und gab uns ein kleines Zimmer. In dem Haus war es nass und kalt, dass hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Aber das kleine süße Café gegenüber sollte uns bis zum Schlafengehen warm halten und mit Wein versorgen, denn der durfte nicht fehlen, ist doch klar!

Mein 30. Geburtstag begann in einem angeschimmelten Bettgestell in einem klammen Zimmer, aber ich liebe ja bekanntlich Abenteuer. Der Plan für diesen Tag war in jedem Café und Restaurant einzukehren und einen auf meinen 30. zu heben! Nur machte uns das Leben einen Strich durch die Rechnung, denn die letzten Kilometer bis Santiago de Compostela gingen über Felder und durch Wälder, keine wirkliche Trinkgelegenheit weit und breit. Den ersten Wein nahmen wir mittags in einem kleinen Café zu uns. Alles Gute zum Geburtstag und vor allem viel Gesundheit! Die letzten Meter vor Santiago de Compostela regnete es noch mal aus vollen Eimern und mal wieder kehrten wir bis auf die Haut durchnässt in unserem schon gebuchten Hotel ein. Das Zimmer hatte eine Badewanne, die hatten wir extra dazu gebucht! Und glaubt es oder nicht, der erste Akt war eine Rotweinflasche aufzumachen und ihn genüsslich in der Badewanne zu trinken. Da saßen wir also nun in Santiago, beide heiß dampfend und mit einem Glas Rotwein in der Hand uns des Lebens freuend. Aber dort sollte der Abend nicht enden oder eher genau dort sollte der Abend enden. Wir trafen unseren Weggefährten wieder und gingen in ein feines Restaurant essen. Natürlich stießen wir viel auf meinen Geburtstag an, gab es doch davor sonst keine Gründe zu trinken oder? Schon allein in dem Restaurant tranken wir sicherlich zusammen zwei Rotweinflaschen oder mehr. Die Party verlagerte sich dann in unser Hotelzimmer und ab da an gab es kein Halten mehr. Irgendwann in der Nacht machte ich mich betrunken auf den Weg, um an der Rezeption noch mehr Rotweinflaschen zu besorgen, denn für die Erleuchtung musste da noch mehr gehen. Von diesen beiden Flaschen trank ich nur noch ein paar Schlucke und schlief volltrunken auf dem Bett meiner Cousine ein. Doch mein Körper hatte andere Pläne, nämlich dieses Gift so schnell wie möglich wieder aus meinem Körper zu bekommen. Und so wie es reinkam, kam es auch wieder raus. Rotwein überall auf der weißen Hotelbettwäsche. Meine Cousine reagierte schnell, schnappte mich und bugsierte mich zur Badewanne. Und plötzlich fand ich mich genau dort wieder, wo vor ein paar Stunden alles begann. Unser Gast verabschiedete sich leise und ging. Meine Cousine versuchte sich in Schadenbegrenzung und wusch die dreckigen Lacken mit Kernseife aus. Alles Gute zu meinem 30.! Den nächsten Morgen waren wir beide schlimm verkatert. Ich musste auch den ‚walk of shame‘ antreten und die Rezeption darum bitten, unsere Bettwäsche auszutauschen. Uns ging es elendig. Wir nahmen wieder ein Bad, doch dieses Mal gab es nur Saft zum Auskatern. Wir verbrachten noch einen Tag in Santiago de Compostela und traten dann den Rückweg nach Porto mit dem Bus an. Mit dabei waren die zwei Rotweinflaschen, die ich im Hotel gekauft und wir nicht mehr getrunken hatten. Auf der 4-stündigen Fahrt zurück nach Portugal haben wir natürlich noch paar mal an den Flaschen genippt! Zurück in Porto schauten wir uns die Stadt bei Nacht an. Überquerten die berühmte Brücke Dom Luís I. Auf der anderen Seite angekommen tranken wir den selbst mitgebrachten Rotwein. Wir stießen auf unsere gelungene Pilgerfahrt und unsere Selbstfindung an. Abends versuchten wir auch noch die letzte der beiden Rotweinflaschen zu leeren, aber ich konnte nicht mehr. Am nächsten Tag ging unser Flieger zurück in die Heimat. 

Wirklich selbst gefunden und erleuchtet war ich nach dieser Reise nicht, was sicherlich auch nicht überraschend ist. Ich muss aber sagen, dass ich heute noch gern an diese Zeit denke, denn es waren wirklich schöne 11 Tage. Sie haben uns herausgefordert, uns näher gebracht und uns neue Dinge gelernt. Nur, und das ist mir gerade beim Schreiben dieses Textes noch einmal sehr deutlich geworden, haben wir viel zu viel getrunken! Was eine Reise zu uns selbst, eine Auszeit, werden sollte, endete fast immer mit einem Glas Wein in der Hand. Rückblickend finde ich es schon fast abstoßend, wie viel ich in diesen anderthalb Wochen getrunken habe. Doch zu dem damaligen Zeitpunkt war mir das überhaupt gar nicht bewusst. Wir waren im Urlaub und mein 30. Geburtstag stand vor der Tür, da gehört das einfach dazu. Es sind seit dem 4 Jahre vergangen und ich würde nicht von mir behaupten, dass ich heute mehr erleuchtet bin als damals, aber und das ist ein großes ABER, ich sehe heute wie schädlich Alkohol ist, wie unbewusst ich damals Alkohol konsumiert und wie wenig ich mein eigenes Handeln in Frage gestellt habe. Einfach nur Pilgern zu gehen und meinen 30. Geburtstag mit einem tollen alkoholfreien Getränk in der Hand zu begehen, existierte in meiner damaligen Realität nicht. Das war keine vorhandene Option. Heute, würde ich gern noch einmal pilgern gehen, aber dann definitiv ohne Alkohol und das fühlt sich schon kleines bisschen wie Erleuchtung an!  

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