Es ist nie genug!

Dies ist ein Gastbeitrag von Céline

Gestern habe ich mir auf YouTube eine alte Maischberger-Sendung zum Thema Alkohol und Drogen angeschaut. Ethnopharmakologe und Drogen-Guru Christian Rätsch, mit langen Haaren und fisseligem Bart, wirkt auf dem Talksofa etwas schrullig, aber nicht minder überzeugend. “Jeder Mensch hat ein Recht auf Rausch”, fordert er, “aber wenn man aus einem Mangel heraus nimmt, wird es auf jeden Fall gefährlich.” Auf die Frage, wo denn die Grenze zur Sucht verlaufe, erklärt er: “Sucht ist ein altes germanisches Wort für eine Mangelerkrankung. Jeder Abhängigkeit liegt ein Mangel zugrunde”.

Sucht ist eine Mangelerkrankung! So treffend hat es selten jemand formuliert, wie ich finde. Sucht ist die Krankheit des Nicht-Genug. Wir fühlen uns nicht gut genug, nicht dünn genug, nicht klug genug, nicht leistungsfähig genug, nicht reich genug, nicht anerkannt genug, nicht erfolgreich genug… Mangelbewusstsein! Wir befinden uns in einem Dauergefühl von “irgendetwas ganz elementares fehlt”. Diesen Mangel versuchen wir auszugleichen und mit irgendetwas zu füllen. 

Und damit sind wir bei weitem nicht allein: Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig. Essstörungen, wie Magersucht und Bulimie nehmen drastisch zu, 3,38 Mio Erwachsene haben mindestens einen missbräuchlichen Alkoholkonsum, 13,5% aller Todesfälle sind auf Rauchen zurückzuführen, die Gesamtzahl der Arzneimittelabhängigen wird auf bis zu 1,9 Mio geschätzt und hinzukommen neuere und schwerer zu erfassende Phänomene, wie Internet-, Arbeits- und Kaufsucht. Offensichtlich ist süchtig sein keine individuelle Fehlleistung, es ist eine Massenerkrankung. 

Scham, Ängste und das Gefühl der mangelnden Verbundenheit

Doch was genau ist dieser Mangel, dieses Loch, welches mit was auch immer gestopft wird, aber nie wirklich gefüllt werden kann? Ich selbst habe es immer als “diffuse Spannung”, ein “beißendes Gefühl” wahrgenommen, das ich nicht weiter differenzieren konnte. Die amerikanische Sozialforscherin Brené Brown hat im Rahmen einer Studie über emotionale Betäubung genau dieses Gefühl untersucht. Sie stellte fest, dass das stärkste Bedürfnis nach Betäubung aus einer Kombination folgender drei Faktoren herzurühren scheint: SchamÄngste und das Gefühl der mangelnden Verbundenheit.

Scham ist das Gefühl unzulänglich zu sein. Das Gefühl, dass wir es nicht wert sind so wie wir sind gemocht und anerkannt zu werden, dass wir eben “nicht genug” sind. Wir haben Angst im Vergleich zu den anderen schlechter dazustehen und nicht mithalten zu können. Diese Ängste werden noch durch den falschen Glauben verstärkt, dass wir alles unter Kontrolle hätten, wenn wir nur klüger, besser oder stärker wären. Wir fühlen uns isoliert, ausgeschlossen und nicht dazugehörig. 

Browns Forschungen bestätigen, dass ausnahmslos alle Menschen (nicht nur Süchtige!) mit diesen Themen zu kämpfen haben, der eine mehr, der andere weniger, aber letztlich bilden diese Gefühle den Kern unseres Menschseins. Sie sind das, was uns verletzlich macht. Wir unterscheiden uns lediglich darin, wie wir mit unserer Verletzlichkeit umgehen. Und emotionale Betäubung ist eine sehr weitverbreitete Strategie, die zwar nicht immer, aber doch nicht selten in eine Suchterkrankung führt. 

Sucht ist obsessives Verhalten, das Beibehalten wird, obwohl es sich langfristig schädlich auswirkt

Ein zentraler Aspekt von Sucht ist die gedankliche und emotionale Fixierung. Der Glaube, dass ein bestimmtes Verhalten, eine Substanz oder ein Objekt gebraucht wird, um sich wohlzufühlen. Zu einem gewissen Teil ist das menschlich und durchaus „normal“. Doch schreitet die Sucht weiter fort, wird eine regelrechte Obsession daraus. Im Kopf dreht sich plötzlich alles um das eine Thema, von dem man sich das Glück verspricht, wovon man aber chronisch nie genug hat. Das kann eine Substanz, z.B. Alkohol, sein, ein bestimmter Mensch, den man glaubt zu lieben, teure Klamotten, Süßigkeiten oder der eigenen Körper, den man am laufenden Band optimiert. Auch beruflicher Erfolg, Macht und soziale Anerkennung kann zu einer Sucht ausarten. Und auch wenn man alles bekommt, was man sich wünscht, will man entweder noch mehr oder man schießt sich auf etwas anderes ein, dem man fortan hinterherjagt. Man wird verbissen, unglücklich, gestresst, hadert mit dem Selbstwert und fängt an weitere Kompensationsmechanismen zu entwickeln, um dem stechenden Gefühl der Unvollkommenheit zu entfliehen. Krankhaft wird es sobald ersichtlich wird, dass das Verhalten sich langfristig schädlich auswirkt, man aber trotzdem nicht damit aufhört. Entweder weil man es nicht als solches erkennt, weil man nicht will, oder weil man nicht kann. Das ist der Punkt, an dem man anfangen kann von Sucht zu sprechen.

Wollen wir von unserer Sucht genesen, sind wir also gut damit beraten uns mit diesen drei untrennbar miteinander verbundenen Themen zu befassen: Scham, Angst und das Gefühl mangelnder Verbundenheit. Sonst laufen wir Gefahr, obwohl wir nüchtern und drogenfrei sind, weiterhin in unserem emotionalen Schmerz gefangen zu sein und eventuell einfach nur das eine durch das andere zu ersetzen. 

photo credits: Andrew Donovan Vavivia // unsplash

5 Strategien mit Ängsten und dem Gefühl der Unzulänglichkeit umzugehen

Brené Brown teilt ihre Studienteilnehmer in zwei Gruppen auf: Eine Gruppe, die Verletzlichkeit versucht zu vermeiden und eher dazu tendiert sich emotional zu betäuben (egal wie), die andere, die gelernt hat Verletzlichkeit zuzulassen und Strategien entwickelt hat mit ihren Ängsten umzugehen. Letztere nennt Brené Brown, diejenigen die “aus vollem Herzen leben”. 

Was also machen Menschen, die aus vollem Herzen leben, anders als Menschen, die dazu neigen sich emotional zu betäuben? Und wie können wir uns dieses Wissen für unsere Genesung zunutze machen?

1. Lernen die eigenen Gefühle zu spüren

Viele von uns haben verlernt (oder es sogar niemals erlernt) die eigenen Gefühle wahrzunehmen. Was bleibt ist eine dumpfe Leere, Getriebenheit, versteckter Groll, gelegentliche Wutausbrüche oder sonstiges aggressives Verhalten. Mit Drogen und allerlei süchtigen Verhaltensweisen versuchen wir unser Gefühlsleben zu steuern. Wir nutzen sie, um uns lebendig zu fühlen oder um uns zu beruhigen, um uns glücklich zu fühlen, oder um gar nichts mehr zu spüren. Entweder wir wollen mehr von einem Gefühl oder weniger davon. Unsere wahren Gefühle bleiben dabei aber auf der Strecke und fangen in uns an vor sich hin zu faulen und zu gären. 

Es gehört zu den unangenehmsten Aufgaben des Nüchtern-werdens, die eigenen Gefühle anzuschauen und sie auszuhalten. Eine Mega-Herausforderung, denn wir Süchtigen sind vor allem in einem gut: Im Wegschauen und Wegmachen. Doch indem wir Lernen unsere Gefühle anzunehmen und mit ihnen zu leben, entziehen wir der Sucht auf lange Sicht ihre Grundlage. Wenn wir lernen unsere Verletzlichkeit zuzulassen, gewinnen wir damit genau das zurück, was uns als Menschen ausmacht und uns mit anderen verbindet. Denn verletzlich zu sein bedeutet nicht schwach zu sein, sondern authentisch, mutig und echt. 

2. Achtsam bleiben hinsichtlich des Wunsches nach emotionaler Betäubung

Auch wenn wir es geschafft haben, nüchtern zu werden und ohne Alkohol und Drogen zu leben, bleiben noch genügend Ersatzsüchte, die sich anbieten, wenn wir uns nicht auf der Höhe fühlen. Von Schokolade über Facebook oder Serien gucken bis hin zu maßlosen Shoppingtouren… prinzipiell eignet sich alles, um uns von uns selbst abzulenken. Wenn wir wirklich genesen wollen, sollten wir hier achtsam und vor allem ehrlich sein. Achtsam zu sein bedeutet, dass wir alle Erfahrungen gleichgewichtig wahrnehmen, statt den Schmerz zu ignorieren oder zu übertreiben und Glücksmomenten hinterherzujagen. 

photo credits: Dainis Graveris // unsplash

Es wird nicht ausbleiben, dass wir uns an schlechten Tagen im Bett verkriechen, eine Familienpackung Strawberry-Cheescake-Eis essen und dabei endlos im Internet surfen. Na und? Es geht nicht darum, perfekt zu sein. Fluchtstrategien sind menschlich und sie werden uns wahrscheinlich ein Leben lang in irgendeiner Form begleiten. Wichtig ist zuerst einmal, dass wir erkennen warum wir etwas tun und uns selbst gegenüber dabei ehrlich sind. Habe ich heute aus Spaß die ganze Staffel “Braking Bad” angeguckt oder wollte ich mich vor einer unliebsamen Aufgabe drücken, vor der ich vielleicht sogar Angst habe? Will ich mich vor der Welt verstecken und in eine andere Welt hinein flüchten? Zuerst einmal ist es wichtig unsere wahre Motivation vor uns selbst zuzugeben und uns nicht irgendwelche Lügengeschichten aufzutischen. Wenn es uns noch schwer fällt zwischen Genuss bzw. Spaß und emotionaler Betäubung zu unterscheiden, schlägt Brené Brown vor sich diese Fragen zu stellen: Wie verhalte ich mich und warum? Nähren mich meine Entscheidungen oder schwächen sie mich? Fühle ich mich nach diesem Verhalten energetisiert oder wieder leer und auf der Suche?  

3. Unbehagen in emotional schwierigen Situationen zulassen

Unbehagen zuzulassen gehört immer noch nicht zu meinen leichtesten Übungen, aber ich werde besser. Ich übe mich darin einfach nur festzustellen, dass ich mich gerade unwohl fühle und die körperlichen Symptome die damit einhergehen zu beobachten. Gleichzeitig versuche ich wahrzunehmen, ob ich den Wunsch nach emotionaler Betäubung entwickle oder eventuell sogar bereits dabei bin irgendeinem Kompensationsverhalten nachzugehen. Ein guter Therapeut sagte mir mal: “Wahrnehmen ist der erste Schritt zur Veränderung.” Schwierige Situationen im Leben werden immer da sein, wir können davor nicht weglaufen. Je mehr wir lernen diese Situationen zu akzeptieren, wie sie sind und auch unsere damit verbundenen unangenehmen Gefühle anzunehmen, desto leichter meistern wir diese Momente oder Lebensphasen. 

4. Ängste reduzieren, durch das Setzen klarer Grenzen

Besonders interessant finde ich den Punkt “Grenzen setzen”. Die Studienteilnehmer der Gruppe B, also diejenigen die “aus vollem Herzen leben”, entwickelten keine Strategien, um ihre Ängste zu reduzieren, sie versuchten eher die Umstände zu ändern, die zu den Ängsten führen. 

Überlastung und Stress ist in unserer heutigen Arbeitswelt ja ein Dauerbrenner. Massen an täglichen Emails, Zeitdruck und Aufgaben, die nicht weniger werden. Jeden Tag aufs neue ein nicht enden wollender Marathon ohne, dass jemals die Ziellinie erreicht wird. Nicht wenige entwickeln Überlastungssymptome wie Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Nervosität und Versagensängste. Die Menschen, die Frau Brown der Gruppe A zugeordnet hat, versuchen dem beruflichen Stress entgegenzuwirken, in dem sie sich besser organisieren, fleißiger und noch effizienter werden. Sie nehmen sich zum Beispiel noch Arbeit mit nach Hause, um am nächsten Tag nicht in Zeitdruck zu geraten oder gehen früher als alle anderen ins Büro, um die ruhige Stunde zu nutzen, bevor der allgemeine Rummel losgeht. 

Die Teilnehmer der Gruppe B reagieren auf die Überlastungsgefühle mit dem Eindämmen der Arbeitsflut. Sie priorisieren ihre Emails radikal und teilen Kollegen und Geschäftspartnern mit, dass es länger dauern könnte, bis sie antworten. Sie machen in der Regel rechtzeitig Feierabend und nehmen dann auch keine Anrufe mehr an. Sie wissen wann “es genug ist” und setzen sich und anderen angemessene Grenzen. 

Zwei unterschiedliche Herangehensweisen, die beide sicherlich ihre Berechtigung haben, letztere nach Brown jedoch eher dazu führt, den Drang nach emotionaler Betäubung zu reduzieren. 

photo credits: outcast India // unsplash

Voraussetzung für das selbstbewusste Setzen von Grenzen ist allerdings der grundlegende Glaube “gut genug” zu sein. Ein Wissen, dass gerade bei Menschen, die zu süchtigem Verhalten neigen chronisch unterentwickelt ist. Frauen haben oft tiefsitzende Glaubenssätze wie: “Du darfst nicht nein sagen, du musst immer nett sein und allen gefallen”, während Männer eher dazu neigen sich zu sagen: “Sei kein Schlappschwanz! Ein richtiger Mann schafft das!” Für diese  Botschaften im Kopf gilt es wachsam zu bleiben und zu hinterfragen, ob sie denn wirklich der Wahrheit entsprechen. 

Was aber, wenn es nicht möglich ist, die Dinge im Außen zu verändern? Was wenn ich zwar erschöpft bin, aber es aufgrund einer nahenden Deadline schwierig ist pünktlich nach Hause zu gehen? Es ist immer wieder aufs Neue ein Abwägen zwischen den eigenen Grenzen und dem Wahrnehmen seiner Verantwortlichkeiten. In diesen Fällen hilft mir immer das Gelassenheitsgebet: 

»Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.«

5. Spiritualität nähren

Womit wir auch schon beim letzten Punkt angekommen sind: Spiritualität nähren. 

Dr. Gabor Maté, Mediziner und international bekannter Suchttherapeut, berichtet aus seiner Erfahrung in der Suchttherapie, dass so gut wie jeder Süchtige, in irgendeiner Form traumatisiert ist. Auch Brené Brown hatte es in ihrer Studie mit Studienteilnehmern zu tun, die ein Trauma durchgemacht haben. Diejenigen, die ein Trauma erlebten und trotzdem zu den Menschen gehörten, die “aus vollem Herzen leben”, sagten, dass es unbedingt notwendig sei.

1. das Problem anerkennen

2. professionelle Hilfe in Anspruch nehmen

3. die mit dem Trauma einhergehende Scham und das Schweigen darüber durchzuarbeiten

4. das Wiederzulassen von Verletzlichkeit als tägliche Übung zu begreifen

5. Spiritualität praktizieren

Diejenigen Interviewpartner Browns, die sagten, dass sie ihr Trauma nicht nur überstanden haben, sondern inzwischen regelrecht aufgeblüht sind, betonten wie wichtig Spiritualität für sie ist und welchen großen Raum Spiritualität, auch als täglich praktizierte Rituale (wie z.B. Dankbarkeitsrituale), in ihrem Leben einnimmt. 

Nach jahrelanger Forschung fasst Brené Brown folgendes zusammen: “Spiritualität kristallisierte sich als fundamentale Wegmarke beim Leben aus vollem Herzen heraus. Nicht Religiosität, sondern der tiefe Glaube, dass wir unauflöslich miteinander durch eine Kraft verbunden sind, die größer ist, als wir selbst – eine Kraft die auf Liebe und Mitgefühl gründet. Für einige Menschen ist das Gott, für andere ist es die Natur, die Kunst oder sogar das menschliche Herz. Ich glaube, uns unser Selbstwertgefühl anzueignen besteht darin zu würdigen, dass wir heilige Wesen sind. Vielleicht geht es bei der Akzeptanz der Verletzlichkeit und der Überwindung der Selbstbetäubung letztlich darum, für unseren spirituellen Teil Sorge zu tragen und ihn zu nähren.”. 

Oder wie der spirituelle Lehrer Anssi Antila formuliert: “Um wirkliches Glück zu erfahren, muss man seine spirituelle Natur erkennen. Nur so verliert man das Gefühl des Mangels — für immer.”

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