Dinge, die ich über mich gelernt habe, seitdem ich nüchtern bin.

Vor gut 3 Jahren noch habe ich nicht geglaubt, dass mir ein nüchternes Leben in irgendeiner Art und Weise Spaß und Freude bereiten könnte. Ehrlich gesagt konnte ich mir auch überhaupt nicht vorstellen, dass ich ein nüchternes Leben ertragen könnte. Und je länger ich nüchtern bin, desto mehr wird mir klar, dass mein selbst gewählter Weg in die Nüchternheit im selben Moment auch eine Entscheidung für mich selbst war, denn genau in diesem Moment habe ich mich dazu entschlossen, mich um mich selbst zu kümmern und sowohl mein Innenleben als auch meine äußeren Umstände zu betrachten. Und natürlich tat das im ersten Moment erst einmal weh und ich hatte Angst davor. Aber ich Stand vor der Wahl: entweder mich betrunken weiterhin klein zu halten und rum zu heulen, oder den Tatsachen ins Auge zu blicken und es zu wagen, mich zu entfalten und meine Konflikte zu lösen. 

Und heute kann ich manchmal gar nicht so richtig glauben, was auf der anderen Seite der Trunkenheit auf mich gewartet hat. Im Folgenden möchte ich 12 Dinge aufzählen, die nüchtern 1000 Mal besser sind.

Ich bin selbstbewusst.

Ich bin tatsächlich eine selbstbewusste Person. Und je länger ich nüchtern bin und je mehr ich durch meine Ängste hindurch gehe, desto mehr lerne ich, mir selbst zu vertrauen. 

Als ich noch getrunken habe, habe ich mich permanent klein gemacht. Ich habe mir wirklich nichts zugetraut. Zwar hatte ich angetrunken immer ganz große Träume, aber nüchtern hatte ich dann nicht (mehr) den Mut, diese auch in die Tat umzusetzen. Und es ist auch nicht so, dass ich mir nie etwas getraut habe. Ganz und gar nicht, da war aber immer dieser bittere Beigeschmack, dass ich das ja eigentlich gar nicht verdient habe. Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Mogelpackung bin, weil ich mir nicht getraut habe mir die Frage zu beantworten, wer ich denn eigentlich wirklich bin und was ich denn in meinem Leben alles erleben/erschaffen möchte.

Selbstbewusstsein ist auch nicht aus heiterem Himmel von einem Baum gefallen, sondern mein Selbstbewusstsein habe ich mir nüchtern erarbeitet und geübt. Das funktioniert wirklich. Und je besser ich mich kenne und je mehr Erfahrungen ich nüchtern sammle und durch meine Ängste hindurchgehe, desto stärker wird mein Selbstbewusstsein. 

ich habe es verdient, geld zu verdienen und zu haben.

Unser Bankkonto und unsere Abhängigkeit gehen meist Hand in Hand nebeneinander. Geldfragen sind eine Frage von Beziehung und in erster Linie auch eine Frage der Beziehung zu mir selbst. So lange ich denken kann, hatte ich Geldprobleme. Das Geld war nie das Problem, sondern meine Einstellung zu Geld. Und dann habe ich Geld genauso behandelt, wie ich mich selbst behandelt habe. Und ich habe mir von meinem Geld Alkohol und Drogen gekauft. Das ist nicht wirklich eine überzeugende Message.

Seitdem ich nüchtern bin, bekomme ich meine Finanzen nach und nach klar und das ist tatsächlich ein Meilenstein in meiner eigenen Beziehung zu mir selbst. Da gibt es natürlich noch viel zu lernen und entdecken, aber mir wird jetzt nicht mehr schlecht bei dem Blick auf mein Bankkonto, sondern ich kann sagen: „Auch das haben wir nüchtern gemeistert.“

Ich kann verantwortung übernehmen

photo credits: Katsiaryna Endruszkiewicz // unsplash

Als ich noch getrunken habe, dachte ich natürlich auch, dass ich eine sehr verantwortungsvolle Person bin. War ich aber nicht. Ich habe mich selbst nicht wirklich gut behandelt, also war meine Annahme auch falsch, dass ich andere Personen entsprechend behandeln konnte.

Nüchtern habe ich es geschafft, Verantwortung für mein Leben zu übernehmen und zu begreifen, dass mir das Leben nicht einfach so „passiert“ und ich nichts dagegen tun kann, sondern dass ich Teil davon bin und verantwortlich dafür bin, wie ich mein Leben gestalte. 

ich bin kein opfer

Das knüpft im Grunde an der Verantwortung an. Als ich noch getrunken habe, bewegte ich mich voll und ganz im Opfermodus.

Ich bin so, weil der das gemacht habe.

Ich handhabe das so und mache mich klein, weil mir soeben das passiert ist.

Ich kann nichts an meiner Situation ändern.

Ich bin klein, bade in Scham und Selbstmitleid.

Ich bin so traurig, die Welt ist ungerecht und ich kann nichts dagegen tun.

All diese Dinge habe ich mir tatsächlich (fast) täglich gesagt und habe sie dann natürlich auch geglaubt und mein Leben danach ausgerichtet. Und wenn ich mich als Opfer meiner Umstände sehe, dann übernehme ich natürlich auch keine Verantwortung für mich selbst und mein Leben.

Seitdem ich nüchtern bin, bekomme ich mein Leben auf die Kette und weiß, dass ich verantwortlich für meine Gefühle, Gedanken und Handlungen bin und all das, was aus diesen entsteht.

meine träume können wahr werden

Das ist tatsächlich mit das allercoolste an der ganzen Sache! Wenn ich träume, dann können meine Träume war werden. Ich muss nur daran glauben und für meine Träume losgehen.

Ich habe früher auch schon viele Menschen, zu denen ich aufgeblickt habe, sagen hören, dass wir uns trauen sollten und das wir losgehen sollten und das Träume in Erfüllung gehen. Ich dachte nur immer, dass ich anders bin, als diese Menschen. Ich dachte, dass mir das nicht zusteht und die anderen erfolgreich sind und ich eben nicht.

Seitdem ich mir nüchtern erlaubt habe zu träumen und mich tatsächlich (trotz großer Angst in meinem Bauch) getraut habe, für diese loszugehen, warten immer wieder neue kleine Wunder an manch einer Straßenecke.

photo credits: Adriana van Groning// unsplash

ich kann tiefere beziehungen eingehen

Ich dachte immer, mit mir sei etwas falsch und dass ich einfach nicht in der Lage dazu bin, tiefe Beziehungen (vor allem zu Männern) einzugehen. Ich dachte, das ist einfach so. Mit dem Kopf lösen ging nicht, also habe ich getrunken und hatte das illusorische Gefühl, dass ich dadurch der ganzen Sache mit der tiefen und innigen Beziehung etwas näherkomme. Jedoch bin ich aber durch den Alkohol mehr und mehr davon gedriftet. 
Ich kann tiefe Beziehungen eingehen, bedeutet heute in erster Linie für mich, dass ich eine tiefe Beziehung zu mir selbst eingehen kann und ich auf mich und meine Bedürfnisse höre. Eine tiefere Beziehung fängt mit mir selbst an. Das bedeutet für mich, dass ich meine Gefühle nicht mehr übergehe, dass ich mir selbst zuhöre, wenn ich etwas sage und, dass ich stets in meinem eigenen Team bin.

ein nüchternes leben ist alles andere als langweilig

Die Angst davor, dass mein nüchternes Leben gähnend langweilig sein wird, hat sich in keiner Sekunde meiner Nüchternheit bestätig. Seitdem ich nüchtern bin, kann ich mich auch tatsächlich nicht daran erinnern, dass mir langweilig war. Denn deine Nüchternheit ist das, was du daraus machst. Wenn du betrunken ein langweiliges Leben führst und nichts daran änderst, dann wird es nüchtern genauso langweilig sein. Und dann wären wir wieder bei der Verantwortung und der Opferrolle.

Ich bin dafür verantwortlich, wie ich mein Leben gestalte und wenn ich mein Leben langweilig finde, dann sollte ich wohl auf die Suche danach gehen, was mir persönlich Freude bereiten könnte. Und wenn die Antwort: „Ich habe keine Ahnung.“ ausfallen sollte, dann sollte ich weitersuchen. Wir Menschen sind nämlich tatsächlich dazu gemacht, uns weiterzuentwickeln und zu entfalten. Wir sind nicht dazu bestimmt ein langweiliges Leben zu führen und von Wochenende zu Wochenende zu leben. Wir sind dazu gemacht, dass uns unser Leben Spaß macht.

ich halte konflikte aus

Früher waren Konflikte für mich schrecklich, weil ich oftmals Probleme zu meinen eigenen Problemen gemacht habe, die eigentlich gar nicht zu mir gehörten. Das war mir aber in dem Moment natürlich nicht so ganz bewusst beziehungsweise war es mir in manchen Momenten bewusst, aber ich wusste nicht, wie ich das Problem, welches eigentlich gar nicht zu mir gehört, wieder loswerde. Externe Hilfe ist da ein gutes Stichwort. Therapie & Coaching haben mir geholfen, diese Sachen für mich aufzudröseln und zu lernen in den meisten Fällen bei mir zu bleiben. Natürlich bin ich noch nicht der absolute Pro, aber zumindest nüchtern viel, viel mehr als betrunken.

photo credits: Nicolas J Leclercq // unsplash

ich kann mir selbst vertrauen

Und diese Erfahrung ist ziemlich krass. Ich muss nicht mehr befürchten, dass ich irgendwelchen Quatsch fabriziere. Ich muss nicht mehr befürchten, dass ich wirre und peinliche Nachrichten an Menschen schreibe, an die ich mich nicht mehr erinnern kann. Ich muss nicht mehr befürchten mehr Geld für irgendeine sinnlose Partynacht, Alkohol & Drogen auszugeben. Ich muss nicht mehr befürchten, jeden Moment auseinanderzufallen und ich muss auch nicht mehr befürchten, von jetzt auf gleich die Kontrolle zu verlieren und mich in Situationen zu bringen, die alles andere als gut für mich ist.

Nüchtern habe ich einen klaren Kopf und passe auf mich auf.

Mein körper ist mein tempel

Als ich noch getrunken habe, habe ich nicht nur gegen mich selbst gekämpft, sondern auch gegen meinen Körper und ich frage mich bis heute noch, wie mein Körper all den Alkohol und Substanzen überhaupt so schadenfrei überstehen konnte. Und dafür bin ich meinem Körper unendlich dankbar.

Mein Körper ist eine unfassbar krasse Maschine und was ich in eine Maschine hineintue, kommt auch aus ihr heraus. Wenn ich darauf achte, wie ich mich ernähre und wie oft und dass ich mich bewege, umso mehr wird es mir mein Körper mit Energie danken.

Seitdem ich nüchtern bin und bewusster mit mir selbst umgehen, habe ich eine viel stärkere Verbindung zu meinem Körper und habe nicht mehr das Verlangen, ihn fertig zu machen, sondern ihm das zu geben, was er braucht.

Ich lebe bewusster

Ich nehme mein Leben ganz anders wahr. Ich nehme auch meine Umwelt ganz anders wahr und vor allem nehme ich die Natur und mich in der Natur ganz anders wahr. Ich kann es gar nicht in ein paar Sätzen beschreiben und wenn man von außen auf mein heutiges Leben im Vergleich zu meinem damaligen Leben schaut, dann scheint sich nicht sonderlich viel verändert zu haben. Aber in mir habe ich die Welt gerettet.

ich halte schwierige situationen aus

Aushalten ist ein gutes Stichwort und Aushalten fällt mir heute immer noch schwer, aber ich werde besser darin. Ich weiß heute zumindest, was ich in schwierigen Situationen zu tun habe und das ist in den meisten Fällen Reden. Reden, reden, reden und die Erfahrung machen, dass ich mich nicht betäuben und von meinem eigenen Leben wegrennen muss.

photo credit Titelbild: Sharon Mccutcheon // unsplash

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