Aus der Vogelperspektive

K ennt ihr das, ihr wart eine Weile weg und als ihr wieder nach Hause kamt, war alles irgendwie wie früher, aber eigentlich war nichts mehr wie früher. Eure Umwelt hatte sich nicht wirklich verändert, sondern ihr habt euch verändert und damit auch die Sichtweise auf euer Zuhause. Alles ist so vertraut und doch so anders. Die Zeit, in der ihr weg wart, hat euch geprägt, euch eine andere Perspektive auf die Welt, euer Leben zu Hause und euch selbst gegeben.

So ging es mir damals als ich nach langem Aufenthalt in Südostasien nach Deutschland zurückkam. Ich erinnere mich: es war ein heißer Sommertag und ich war gerade in München gelandet. Ich hatte schon über 20 Stunden Reise hinter mir und war erschöpft und müde. Ich kam aus Kuala Lumpur, Malaysia, mein damaliger Wohnort, und hatte schon einen Zwischenstopp in Dubai eingelegt. In München gelandet, trat ich meine fast 10 stundenlange Zugfahrt nach Hause an. München war der wohl ungünstigste Flughafen für mich, aber der Flug war billig gewesen und der Wechselkurs zwischen dem Malaysischen Ringgit und dem Euro war schlecht. Da nahm ich, was ich kriegen konnte! Ich ergatterte mir einen Sitzplatz am Fenster und obwohl ich hundemüde war freute ich mich auf Zuhause. Die Bahnfahrt sollte lang werden. Ich kämpfte oft mit dem Einschlafen und gegen eine Dusche wäre auch nichts einzuwenden gewesen. So fuhren wir durch Deutsche Städte, Dörfer und Landstriche. Vieles war so vertraut, aber dennoch so anders als in dem Südostasiatischem Land, in dem ich vorher lebte. Und dann fuhren wir durch einen kleinen Stadtbahnhof. Der Zug hielt dort nicht an. Der Bahnhof sah verlassen und desolat aus, wie viele kleine Stadtbahnhöfe, die ihre Funktion verloren haben. Ich erinnere mich an das Bild als wäre es gestern gewesen. Eine Traube von Männer stand neben dem verfallenen Bahnhofsgebäude auf dem überwucherten Bahnsteig. Sie alle hielten eine Bierflasche in der Hand. Es war Mitten am Tag. Ein paar andere Menschen drängten sich an den Männern vorbei, um ihren nächsten Zug zubekommen, darunter waren auch Kinder.

Ich erlebte einen Kulturschock! Ich konnte einfach nicht glauben, was ich da gerade sah.

Versteht mich nicht falsch, ich bin auf dem Dorf aufgewachsen. Alkohol wurde da wie Wasser getrunken und vor dem einzigen Supermarkt bei uns im Dorf tummelten sich auch oft trinkende Menschen. Ich bin mit diesen Bildern aufgewachsen, ich kannte sie. Sie waren mir vertraut.  Dennoch schockierte mich dieser offene und freie Umgang mit Alkohol Mitten am Tag extrem. Ich war selbst von meinen eigenen Emotionen überrascht, denn damals habe ich selbst noch getrunken. 

photo credits: Mahdiar Mahmoodi // unsplash

Ihr müsst wissen Malaysia ist ein muslimisches Land und der Konsum an reinen Alkohol pro Kopf entspricht dort nur ungefähr 10% von dem in Deutschland.  Alkohol ist dort kein fester Bestandteil der Kultur oder des Glaubens. Es gibt zwar eine recht große chinesische Minderheit in Malaysia und vor allem in den chinesischen Vierteln in Kuala Lumpur wurde auch Alkohol ausgeschenkt und konnte offen verzehrt werden, jedoch ist es wirklich nicht mit Deutschland vergleichbar. Es gibt diese Omnipräsenz dort nicht. Werbeflächen enthalten keinen Alkohol, im Supermarkt an der Kasse gibt es keine kleinen Wegschnäpse, weil man gönnt sich ja sonst nichts! Die wenigsten Malaysischen Filme zeigen trinkende Menschen. Es gab keinen Wein zum Geschäftsessen, nicht mittags und auch nicht abends. Auf Veranstaltungen wurde kein Aperitif serviert und ich traf mich abends auch nicht mit Freunden auf ein Bier. Zu Feiern wurde nicht mit Sekt angestoßen und zum Abschluss eines Vertrages wurde nicht erst einmal ein Kurzer gekippt. Trinkende Menschen in den U-Bahnen, auf der Straße oder vor dem Supermarkt gab es nicht. Das Nationalgetränk von Malaysia ist ein Tee (Teh Tarik, den hatte ich für euch schon auf Instagram gepostet), anstatt das Bier bei uns in Deutschland.

Nicht Trinken ist dort die Normalität und nicht die Ausnahme.

Es wird einfach nicht getrunken und das wird nicht in Frage gestellt. Ich möchte hier auch keine Kultur-, Glaubens- oder Ländervergleiche machen! Das steht mir fern, aber ich habe in einem Land gelebt, wo Alkohol so gut wie keine Rolle gespielt hat. Natürlich mussten die Menschen früh auf Arbeit und hatten ihre Probleme, das ist eben das Leben. Aber es gab diese ganzen Diskussionen gar nicht. „Trinke ich heute, wenn ich mich mit Freunden treffe oder trinke ich nicht? Was sage ich, wenn ich gefragt werde, wieso ich nicht trinke? Wie gehe ich damit um, wenn ich mich in einer unangenehmen Situation befinde und alle um mich herum betrunken sind? Wie komme ich nach Hause, wenn ich getrunken habe oder wie bin ich eigentlich nach Hause gekommen?“.

Ich muss gestehen damals habe ich ab und zu eine Dose Bier in meiner Wohnung getrunken, aber immer alleine und immer versteckt in meiner Wohnung. Heute frage ich mich manchmal wieso. Ich kann mich daran erinnern, dass ich mich, gerade am Anfang, sehr alleine gefühlt habe und das Bier wie eine Verbindung nach Hause war. Wenn ich aber mit meinen muslimischen Freunden oder Arbeitskollegen zusammen war, dann gab es einfach keinen Alkohol und das habe ich auch nie in Frage gestellt. In Restaurants und Cafés gab es auch immer viele, leckere und tolle alkoholfreie Getränke und nicht wie bei uns, wo es nur Wasser, Tee und Saft gibt, wenn man ein gutes Restaurant erwischt hat. Alkoholfreie Alternativen gibt es dort nicht, denn Getränke ohne Alkohol sind die Standardgetränke und, tuhan melarang (Gott bewahre), Alkohol wäre da drin.

photo credits: Farhan Azam // unsplash

Ich habe sicherlich einige Kulturschocks in Malaysia erlebt, aber ich kann mich nicht daran erinnern mich ein einziges Mal gefragt zu haben, wo denn all die tolle Alkoholwerbung ist oder die trinkenden Menschen auf der Straße.

Ich habe meine Kater nicht vermisst und die Blackouts erst recht nicht. Ich habe meine Familie und Freunde vermisst. Ich habe es vermisst mit ihnen zusammen zu sein, tiefe Gespräche zu führen und zu lachen, aber ich habe den Alkohol dabei nicht vermisst. Erst als ich nach Deutschland zurückkam schrie es mir förmlich ins Gesicht, was für einen Stellenwert Alkohol in unserer Gesellschaft hat. Täglich sind wir einer Flut an Bildern, Werbung, Überangeboten und dem allgegenwärtigen akzeptieren Trinken in der Öffentlichkeit ausgesetzt, die den Konsum von Alkohol normalisieren und bagatellisieren. Mir war das nie bewusst wie extrem es ist. In dem Moment lag es so glasklar und offen vor mir. Ich war von meiner eigenen Kultur angeekelt. Ich verstand nicht wie ein, ach so, hochentwickeltes und modernes Land wie Deutschland sich so verhielt. 

Als ich dann endlich nach meiner über 30-stündigen Reise zu Hause ankam, gab es sicherlich noch weitere solche Momente. Aber dieser kurze Augenblick aus dem Zug heraus auf diese trinkende Menschenmenge zu schauen, hat sich fest in meine Erinnerung eingebrannt. Wieder zu Hause trank ich wieder mehr, auch wieder in der Öffentlichkeit, abends mit Freunden oder während eines Restaurantbesuch. Ich schwamm einfach wieder mit und passte mich meiner Kultur an, so wie ich mich zuvor an die Malaysische Kultur angepasst hatte. Eins zeigte es mir aber sehr deutlich, dass eine Kultur ohne Alkohol gelingen kann und es Menschen damit nicht schlechter geht. Es zeigte mir aber auch, wie stark wir alle ein Produkt unserer eigenen Kultur sind und uns an diese anpassen. Ihre Verhaltensweisen, Denkweisen und Gewohnheiten übernehmen, ohne gefragt zu werden, ob wir das eigentlich wollen oder zu hinterfragen, ob es das ist, was wir für uns und unser Leben wollen. Es gibt einen anderen Weg!  

photo credit Titelbild: chuttersnap // unsplash 

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