Was kann ich tun, wenn ich ein Gesellschaftstrinker bin?

Du hast dich entschlossen nüchtern zu leben und bist festentschlossen. Dafür schon einmal Hut ab! Als ich mich damals in meinem Prozess befunden habe und der war sehr schleichend, war es wichtig zu verstehen was meine Trigger sind und in welchen Situation ich trinke. Bei näherer Betrachtung fiel mir auf, dass ich hauptsächlich in Gesellschaft, bei Barabenden und im Freundeskreis die Kontrolle über meinen Konsum verlor. Es stand für mich schnell fest, ich bin ein Gesellschaftstrinker. Wenn dir das genauso geht, dann sind vielleicht die nächsten Schritte und Tipps, die mir damals geholfen haben, genau das richtige für dich.

1. Bin ich ein Gesellschaftstrinker?

Zuerst, solltest du für dich klären, ob du ein Gesellschaftstrinker bist oder nicht. Ein Gesellschaftstrinker, so wie es der Name schon verrät, trinkt hauptsächlich in Gesellschaft anderer Menschen, wird in ihrer Gesellschaft animiert und schlägt in Gesellschaft eigentlich immer über die Stränge. Um dem auf die Schliche zukommen, hilft es, wenn du dich daran erinnerst, wann du die letzten Male getrunken hast und in welchem Settings das war. Dabei können auch folgende Fragen helfen:

1. Trinke ich lieber allein oder in Gesellschaft?

2. Wenn ich mich mit meinen Freunden/anderen Menschen treffe trinke ich eigentlich immer?

3. Mir fällt es schwer, nichts zu trinken, wenn ich mich mit meinen Freunden/anderen Menschen treffe?

2. In welchen Situationen trinke ich genau?

Gesellschaft ist ja nicht gleich Gesellschaft. Bei mir waren es vor allem Barabende, Clubbesuche, große Familientreffen, Feiern und ein Sit-in mit Freunden zu Hause. Selten habe ich mich betrunken, wenn ich abends mit meinen Eltern zusammen saß oder ich mich mit alten Freunden von der Uni getroffen habe, die alle schon Kinder hatten. Hier geht es also darum genau hinzuschauen, welche Situation dich triggern. Folgende Fragen können hier Aufschluss geben:

1. Wie sahen die letzten 5 Situationen aus, bei denen ich mich betrunken habe?

2. Welche Personen waren mit dabei?

3. Wie sah meine Umgeben in diesen Situationen genau aus?

4. In welchen Situationen und mit welchen Menschen fällt es mir leicht nichts zu trinken?

Je genauer du deine Hauptauslöser und Situationen erkennen kannst, desto besser kannst du dich darauf vorbereiten, damit umzugehen und sie zukünftig anders zu handhaben.

photo credits:  Lidia Zajdzińska // unsplash

3. Warum trinke ich genau in diesen Situationen?

Die nun wirklich spannende Frage ist, warum trinke ich genau in diesen Situationen und in anderen nicht. Und hier gilt es jetzt etwas tiefer zu graben und neugierig zu bleiben, auch wenn es vielleicht im ersten Moment nicht logisch erscheint und du keine Antwort weißt. Es gibt einen Grund wieso wir uns so verhalten, immer! Da hilft schon einmal ein Blick in die Vergangenheit.

Ich war schon immer ein Gesellschaftstrinker. Meine ersten Erfahrungen mit Alkohol habe ich hauptsächlich mit Freunden gemacht und schon damals war mein Konsum missbräuchlich. Das hat sich bei mir nie verändert und mein Konsumverhalten verlief immer gleich bis zu dem Tag an dem ich aufgehört habe. Die entscheidende Frage für mich war „Warum habe ich damals so getrunken?“. Die Antwort kam prompt, damals als Teenager war ich unsicher, ich wollte gemocht werden und ich wollte beweisen, dass ich mithalten kann. Dadurch trank ich immer genauso viel oder mehr als die anderen. Ich knüpfte meinen eigenen Selbstwert an die Menge an Alkohol, die ich trank. Das war mein unterbewusstes Muster. Erst wenn ich mit den anderen mithalte konnte, fühlte ich mich in der Gruppe akzeptiert und dazugehörig, ganz egal, ob das der Realität entsprach oder nicht. Als mir das klar wurde, fiel es mir viel einfacher heute als erwachsene Frau, nein, zu Alkohol zu sagen, wenn mir in Gesellschaft ein Glas angeboten wurde. Natürlich kamen die alten Zweifel und Ängste hoch, aber es waren eben Altlasten. Denn heute als erwachsene Frau kenne ich meinen Wert und ich weiß meine Freunde schätzen mich ganz egal, ob ich Alkohol trinke oder nicht. Auch hier wieder Fragen, die dir dabei helfen können dich besser zu verstehen:

1. Wie sahen meine ersten Trinkerfahrungen in Gesellschaft aus?

2. Wie habe ich mich damals gefühlt?

3. Welche Gefühle konnte ich damals nicht aushalten?

4. Sehe ich in dem Verhalten und in den Gefühlen von damals Parallelen zu meinem Konsum heute?

5. Was hätte ich damals ganz konkret gebraucht, um nicht zu trinken? Und was brauche ich heute?

4.  Wie gehe ich mit meinen Erkenntnissen jetzt um?

Für diesen Schritt sind die ersten essentiell, je besser und genauer du dich, dein Verhalten und die Situationen, in denen du trinkst, auseinander genommen hast, desto besser werden dir die nächsten Schritte gelingen, denn Bewusstsein ist key!! Wenn du also den Eindruck hast, so ganz klar ist es dir noch nicht, dann wiederholt, bitte, nochmal Schritt 2 und 3. 

Wenn du für dich nun klar definiert hast in welchen Situationen du trinkst und was die zu Grunde liegenden Ängste, Glaubenssätze und Gefühle sind, dann hast du schon die Hälfte des Weges geschafft. 

5. Wie geht ich nun aber ganz konkret mit den Situationen um? 

Für mich persönlich hat es vor allem am Anfang geholfen mich solchen Situationen nicht mehr auszusetzen. Ich wäre damals am Anfang nicht willensstark genug gewesen ein Glas abzulehnen, wenn es mir angeboten worden wäre. Ich habe also für mich entschieden diese Situationen komplett zu meiden. Mein Vorteil war aber auch, dass ich damals umgezogen bin und es damit viel einfacher für mich war mich nicht wieder in solchen Situationen wiederzufinden. Natürlich, brauchst du jetzt nicht deine Koffer packen und wegziehen, dass ist auch nicht Sinn der Sache. Fühle für dich einmal rein, was mit dir räsoniert. Hier ganz ganz wichtig, du und deine Nüchternheit steht ab jetzt auf Platz 1!!! Wenn du auch lieber Gesellschaftssituationen vermeiden willst, dann tue das, ganz egal, was deine Freunde vielleicht dazu sagen werden (zu Freunden und Reaktionen kommen wir gleich). Wenn es gute Freunde sind, dann werden sie auch noch in ein paar Wochen gute Freunde sein! Kannst oder willst du jedoch nicht auf deine Treffen und Barabenden verzichten, dann hilft eine klare Entscheidung und ein Plan!!

photo credits:  Hannah Rodrigo // unsplash

Hier und generell immer in deiner Nüchternheit ist es wichtig, dass du dich für dich und deine Nüchternheit entscheidest! Diese Entscheidung steht fest, an der wird nicht gerüttelt und sie ist auch nicht verhandelbar. Denn sobald du dich in deinen Gesellschaftssituationen wiederfindest, übernimmt der Autopilot und der ist nicht entscheidungsfreudig. Andere und ungewohnte Entscheidungen in so einem Setting zutreffen, was voll mit Triggern ist, ist nahezu aussichtslos! Also, du triffst eine klare Entscheidung und so gehst du da hin. Dann leg dir einen Plan zurecht. Je genauer und detaillierter er ist, desto besser. Vor allem der Einstieg in so eine Situation ist wichtig und kann gleich den Wind aus den Segeln nehmen. Triffst du dich zum Beispiel mit Freunden in einer Bar, dann gehe erst einmal zum Tresen und hole dir ein alkoholfreies Getränk, dass kann eine alkoholfreie Alternative sein oder einfach ein anderes tolles Getränk. Dann erst gehst du zu deinen Freunden, somit vermeidest du die Situation, dass deine Freunde dich auf ein Bier einladen oder gleich eins für dich mitbringen. Wenn du erst einmal mit deinem alkoholfreien Getränk dastehst, klappt es mit den folgenden Getränken meist auch besser. Das Selbe kannst du auch in einem Restaurant machen. Vermeide es, dass andere Menschen für dich bestellen und in der Getränkekarte dir die alkoholische Getränkeauswahl anschaust. Auch hier kannst du dir im Vorfeld schon überlegen, was du trinken möchtest. Super, ist auch immer, wenn du wohin eingeladen bist, am besten deine eigenen Getränke mitzubringen und nicht darauf zu hoffen, dass es schon irgendwelche alkoholfreien Alternativen geben wird. Selbst ist die Frau/der Mann, ist hier das Motto. Also schau, dass du die Situation so gut wie möglich kontrollieren kannst. 

Überlege dir aber auch genau, was du tuen wirst, wenn dir die Situation zu anstrengend wird und du gehen möchtest. Auch hier ganz wichtig, du musst dich nicht quälen und in einer Situation verbleiben, die dir nicht gut tut!

6. Wie gehe ich mit Freunden und Reaktionen um?

Generell, ist die Wahrheit immer die bessere Lösung. Vertraut dich deinen Freunden an. Sage ihnen wie es dir geht, was deine Ängste sind und wie du dich fühlst. Oft entstehen aus solchen offenen und authentischen Gesprächen ganz wunderbare Sachen und wir haben schon oft von Menschen gehört, die diesen Schritt gegangen sind, dass sich andere Freunde dann auch geöffnet haben, die einen ähnlichen Konsum haben und sich freuen, wenn jemand den ersten Schritt macht. Also traue dich, dich zu zeigen! Hier aber auch wichtig, gewaltfreie Kommunikation, in Ich-Botschaften sprechen und bei dir bleiben. Keine Vorwürfe oder Beschuldigungen. Erwartungsmanagement ist bei solchen Gesprächen auch wichtig, erwarte nicht von deinen Freunden, dass sie es gleich verstehen oder es jemals verstehen werden. Nicht alle werden deine Entscheidung nachvollziehen können und nicht alle werden deinen Konsum als problematisch sehen, aber auch hier ganz wichtig, dass ist nicht dein Problem. Vermeide dich auf Diskussionen einzulassen. Manche Freunde brauchen auch nur ein paar Tage oder Woche, um es zu verstehen. 

Gern, frag deine Freunde auch um Unterstützung und Hilfe, mach daraus ein Gemeinschaftsprojekt. Wir Menschen lieben es gebraucht zu werden und ich bin mir sicher, gute Freunde werden es super finden dich dabei unterstützen zu können. Du kannst in dem Zusammenhang, dann auch gleich noch einen Sober Buddy suchen, also eine Person, die an Barabenden mit dir gemeinsam nichts trinkt. Diese Unterstützung und das Wissen nicht alleine zu sein ist vor allem am Anfang sehr sehr wichtig. Wenn dein Sober Buddy nicht dabei sein kann, dann macht euch aus, dass du ihn in schwierigen Situationen immer anrufen kannst.

photo credits:  Mark Cruz // unsplash

Wenn du edich nun aber schon in der Gesellschaftssituation befindest und ein dummer Spruch kommt, dann kannst du dir auch hier gern vorher überlegen, wie du darauf reagieren möchtest. Du kannst auch hier die komplette Wahrheit sagen oder auch nur, dass du gerade einmal probierst nichts zu trinken oder das dir Alkohol nicht gut tut. Du kannst auch mit einer Gegenfrage antworten, warum denn der andere trinkt. Das ist sehr situationsabhängig und wie du damit umgehen willst. Sich eine Antwort schon im Vorfeld zu überlegen hilft in der eigentlichen Situation. Und auch hier nochmal, oft hat eine negative Reaktion unseres Gegenübers gar nichts mit uns oder unserer Entscheidung zu tun, sondern sagt mehr über die andere Person aus. Hier gilt es sich gedanklich zu distanzieren und sich selber klarzumachen, dass das eher ein Problem das anderen ist. Es hilft aber dies nicht immer offen zu kommunizieren ;-).

7. Was mache ich nun aber mit den Ängsten, Glaubenssätzen und Gefühlen?

Es ist schon einmal super und ganz stark, wenn du die ersten Gesellschaftssituationen nüchtern verbracht hast! Dennoch ist es häufig nicht getan nur den Alkohol wegzulassen und dann zu hoffen nichts mehr zu trinken. Denn hier gilt hinzufühlen, auszuhalten und sich bewusst für etwas anderes zu entscheiden und das ist ein Prozess. Manchmal hilft es schon zu verstehen warum du trinkst, so wie bei mir. Ein zweiter Glaubenssatz von mir war aber auch, dass ich mit Alkohol entspanne und Alkohol gleich Freizeit bedeutet. Diese Glaubenssätze hielten sich hartnäckig und selbst heute erwische ich manchmal noch bei dem ein oder anderen alten Glaubenssatz. Dann hilft es andere Dinge zu tun und sich selbst neu zu programmieren. Heißt ganz bewusst andere Wege zu finden, sich zu entspannen und in meiner Freizeit ganz bewusst Dinge zu tuen in denen Alkohol keine Rolle spielt. Vor allem, wenn du Angst hast deine Freunde dann nie wiederzusehen, nimm es selbst in die Hand. Organisiere ein alkoholfreies Picknick im Park, geht Wandern, macht eine Bootstour oder trefft euch ganz klassisch auf ein Kaffee. Es gibt so viele andere tolle Dinge, die du mit deine Freunden unternehmen kannst, anstatt euch in einer Bar zutreffen!  

Ängste aufzulösen bedarf Zeit und vor allem Bewusstsein und die Entscheidung sie aushalten zu wollen. Nimm die Angst wahr, wenn sie kommt, gehe durch sie durch und verfolge weiter dein Ziel. Die Angst ist für dich und nie gegen dich!

All das ist ein längerer Prozess und der kann am Anfang recht anstrengend sein. Aber hier ist es wichtig sich selbst und seine Nüchternheit Ernst zu nehmen und für sich selber loszugehen. Es lohnt sich, dass kann ich dir versprechen!

photo credit Titelbild: Vonecia Carswell // unsplash 

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