Wie du deine Angst vor der Nüchternheit überwindest

Die ersten Schritte auf dem Weg in die eigene Nüchternheit können durchaus Angst machen. Aber vielleicht ersetzen wir am Ende des Artikels das Wort Angst, durch das Wort Respekt. Dann klingt das Alles gleich nicht mehr ganz so bedrohlich.

Als ich die ersten Schritte in meine Nüchternheit gelaufen bin, weiß ich noch zu gut, wieviel Angst ich vor den unterschiedlichsten Dingen und Situationen hatte. Ich hatte Angst es nicht zu schaffen, für immer langweilig zu sein, mein Leben verkackt zu haben, nie nüchtern sein zu können, immer wieder hinzufallen und nie mehr glücklich zu werden. Diese Ängste haben sich tatsächlich nicht im Geringsten bestätigt. Die Angst vor der Nüchternheit ist eigentlich das Verlangen nach (die Abhängigkeit von) Alkohol, die aus uns spricht. Aber wir können es schaffen, diese hinter uns zu lassen. Das, was sich zwischen hier und heute und deiner momentanen Situation und dem Wunsch nach einem erfüllten Leben befindet, ist Angst. Und um unser Ziel zu erreichen, müssen wir durch die Angst durch.

12 Ängste, die ich überwinden musste:

1. Angst vor der Nüchternheit.

Nach jahrzehntelangem Trinken, war meine Angst vor der Nüchternheit unfassbar groß. Die Vorstellung, ein nüchternes Leben führen zu müssen, schnürte mir regelrecht die Kehle zu, weil ich an und für sich ALLES mit Alkohol verknüpfte und somit war meine Schlussfolgerung, dass es ohne Alkohol nichts mehr in meinem Leben geben wird, was mir Freude bereiten wird. Aber genau das war die Abhängigkeit, die aus mir gesprochen hat. Denn ohne Alkohol, blieb mein buntes Leben übrig. Das Leben, welches ich betäubt überhaupt nicht mehr richtig wahrnehmen konnte. Ohne Alkohol bleibt alles andere und du hast wieder die Gelegenheit ganz klar auf dein Leben zu blicken und bewusste Entscheidungen zu treffen. Denn es gibt so viel mehr, als dieses Nervengift. Natürlich wird es eine Umstellung sein und natürlich wird vieles anders werden und zunächst einmal anstrengend sein, weil Veränderung anstrengend ist und weil wir lieber eine schnelle Lösung für unsere Probleme haben möchte. Egal, ob diese nun giftig ist oder nicht. Aber nach einer Zeit wirst du erkennen, dass in deiner Nüchternheit die Freiheit liegt das zu tun, was du von ganzem Herzen möchtest.

2. FOMO – „Fear of Missing out“ – Die Angst davor etwas zu verpassen.

photo credits: Holger Link // unsplash

Ich kenne diese Angst nur zu gut. Als ich noch getrunken habe, war ich der Überzeugung, dass ich nie wieder auf eine Party gehen kann und das ich dementsprechend nie wieder Spaß haben werde und da mein Leben vor meiner Nüchternheit hauptsächlich daraus bestand meine Zeit am Wochenende auf Partys zu verbringen, schien mein Leben mit meiner Nüchternheit schlichtweg vorbei zu sein.

Heute stelle ich fest, dass ich gar nicht mehr das große Bedürfnis habe meine kostbare Zeit in dunklen Drogenschuppen zu verbringen, denn wenn ich mir das recht überlege, dann war der einzige Anreiz eines Clubs/einer Bar der Fakt, dass ich dort trinken konnte. Und da ich heute nicht mehr trinke, fehlt schlicht und ergreifend der Reiz.

Natürlich trifft genau das nicht auf alle Menschen zu. Das ist meine Geschichte. Aber nichtsdestotrotz ist es so, dass wir uns tatsächlich an unsere Nüchternheit gewöhnen. Denn sich für seine eigene Nüchternheit zu entscheiden bedeutet auch, sich für sich selbst und ein gesundes Leben zu entscheiden und mit dieser Herangehensweise machen wir uns viel mehr Gedanken darüber, mit wem und wo wir unsere Zeit verbringen. Und außerdem heißt Nüchternheit nicht gleich, dass du nie wieder eine Bar, ein Restaurant oder eine Geburtstagsparty betreten kannst. Deine Einstellung dazu wird nur anders sein. Dabei ist es wichtig, dass du dir darüber im Klaren bist, dass du das einzig und allein für dich machst und für niemand anderen auf dieser Welt.

3. Angst vor der Schüchternheit.

photo credits: Felix Koutchinski // unsplash

Nüchternheit kann sich manchmal so anfühlen, als würden wir zum ersten Mal eine Tanzfläche betreten, alle Augen sind auf uns gerichtet und wir haben absolut keine Ahnung vom Tanzen. Und das ist völlig ok. Alles Neue ist am Anfang erst einmal neu und ungewöhnlich und wir müssen uns erst (wieder) daran gewöhnen. Alkohol hilft vielen von uns „selbstbewusster“ aufzutreten, aber die Frage ist ja eigentlich: Wer bist du wirklich und was liegt in deiner Natur? Extrovertiert heißt nicht gleich liebenswert(er). Was ist denn der Vorteil deiner Schüchternheit? Bedeutet das letztendlich nicht auch, dass du dir mehr Zeit nimmst, dir die Menschen und Dinge in deiner Umgebung anzuschauen und wirklich prüfst, ob Situationen und Menschen gut für dich sind. Heißt Schüchternheit nicht auch, mit Bedacht zu handeln und vielleicht auch ein/eine bessere(r) Zuhörer(in) zu sein? Was sind denn die Vorteile der Schüchternheit? Ich bin mir ziemlich sicher, da gibt es sehr, sehr viele.

4. Angst davor, keine Freunde mehr zu haben.

Du wirst deine Freunde nicht verlieren. Deine Freunde sind mit dir befreundet, weil sie dich lieben, weil sie dich schätzen, wie du bist und vor allem wünschen sich Freunde, dass es ihren Freunden gut geht. Und wenn das beinhalten sollte, dass du keinen Alkohol mehr trinkst, dann akzeptieren das Freunde und unterstützen dich dabei. Manchmal brauchen Freunde allerdings auch ein wenig Zeit, um sich an die neue Situation in eurer Freundschaft zu gewöhnen und auch das ist völlig legitim. Deine Entscheidung zur Nüchternheit macht auch zwangsläufig etwas mit den Menschen in deinem Umfeld, vor allem, wenn diese selbst trinken.

Anders sieht es bei Party – oder Trinkfreunden aus. Für diese hast du einen bestimmten „Zweck“ erfüllt, der da war: Wir trinken gemeinsam. Wenn der „Zweck“ der Freundschaft wegfällt, dann kann es durchaus passieren, dass diese Menschen aus deinem Leben verschwinden. Hier ist aber die Frage, welche Menschen du gerne in deinem Leben haben möchtest und wie du deine Freundschaften gestalten möchtest?

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass der Großteil meiner Freunde geblieben ist. Das Partyfreunde gegangen sind und das sich wundervolle neue Freundschaften ergeben haben.

5. Angst davor, nie wieder in eine Bar gehen zu können.

Du darfst nüchtern alles betreten, was du möchtest. Die Frage ist doch letztendlich: Hast du Bock drauf und was bringt es dir? Wenn du Lust hast mit deinen Freunden in eine Bar zu gehen, dann ist das auch nüchtern möglich. Du wirst nicht alles aufgeben müssen, was dir früher Freude bereitet hat. Du darfst nur nüchtern bleiben und dafür sorgen, dass es dir gut geht. Dafür ist ein Plan immer ganz gut. Dieser Artikel kann dir hierzu weiterhelfen.

6. Angst davor, nicht mehr dazuzugehören.

photo credits: Andre Hunter // unsplash

Du gehörst dazu, denn das Leben ist immer für dich. Nur weil du nicht mehr trinkst, heißt das nicht, dass du zwangsläufig aus Gruppen ausgeschlossen wirst. Es kommt immer auf dich und auf die Gruppe von Menschen an, mit denen du deine Zeit verbringst. Bei einem Retreat, Yogafestival, Meditationskurs bezweifle ich ganz stark, dass du auffällst und ausgegrenzt wirst, weil du nüchtern lebst, denn deine Nüchternheit wird möglichweise überhaupt nicht auffallen. 

Es kann natürlich auch sein, dass Yoga, Meditaion & Co. nichts für dich sind, dann gibt es noch unzählige andere Möglichkeiten neue (nüchterne) Hobbies auszuprobieren. Du könntest dich fragen, was dir als Kind Freude bereitet hat. War es malen? War es wandern? War es mit Holz spielen? Es gibt hier unzählige Dinge, die du ausprobieren kannst, um neue Leute kennenzulernen. Ein Wim Hof Workshop eignet sich auch besonders gut dafür. Begibt dich auf die Suche und erschaffe dir dein eigenes Leben mit einem Umfeld, in dem du dich wohlfühlst.

7. Angst vor der Erklärungsnot.

Du musst dich nicht erklären. Du kannst selbst wählen was, wann und wie du den Menschen gegenübertrittst und was du ihnen erzählst. Ein „Ich trinke nicht.“ reicht völlig aus. Wenn daraufhin die Frage nach deinem „Warum“ kommen sollte, dann reicht ein „Weil es mir ohne Alkohol besser geht.“ aus. Falls dir dennoch weiterhin ein Glas angeboten werden sollte, dann kannst du deinen Gegenüber höflich bitten, dies einfach zu lassen und deine Aussage mit Respekt zu behandeln. Die Gegenfrage „Warum trinkst du denn?“ wirkt manchmal Wunder. Oft haben sehr bohrende Fragen mehr mit dem Gegenüber und seinem Trinkverhalten zu tun, als mit deiner Entscheidung nüchtern zu leben.

8. Angst vor einem Rückfall.

photo credits: Vinicius Amano // unsplash

Ein Rückfall ist ok. Ein Rückfall kann passieren. Es ist nur wichtig sich nicht auf diesem auszuruhen und ihn leichtfertig mit einem „Ach, das wird beim nächsten Mal schon.“ hinzunehmen, sondern dir wahrhaftig die Frage zu stellen, was in diesem Moment passiert ist. Was genau hast du nicht ausgehalten? Wie ist es dazu gekommen? Wie hast du dich gefühlt? Wie ging es dir davor, währenddessen und danach? Und was möchtest du in Zukunft ändern und auf welche Ressourcen kannst du dabei zurückgreifen?

9. Angst, es nicht zu schaffen.

Nüchternheit hat weder etwas mit Willensstärke zu tun noch damit, dass du für den Rest deines Lebens auf etwas verzichten musst und dabei tief traurig sein wirst und keinen Spaß mehr empfinden wirst. Bei deiner Nüchternheit geht es nicht um Perfektion und sofort gleich alles richtig zu machen und dich damit gleich noch viel mehr unter Druck zu setzen. Der Weg ist das Ziel. 

Wie hast du denn damals als Kind Laufen gelernt? Richtig, du bist aufgestanden, hingefallen, wieder aufgestanden und wieder hingefallen und irgendwann hast du so viel geübt, gelernt und Erfahrung gesammelt, dass du heute gar nicht mehr darüber nachdenken musst.

Sehr hilfreich ist es außerdem, dir eine eigene „Toolbox“ zuzulegen, mit Dingen die du tun kannst, falls das Verlangen zu groß wird.

Hier ein paar Tipps.

10. Angst davor, ein/e Alkoholiker*in zu sein

In unserer Gesellschaft gibt es anscheinend zwei Typen von Trinkern. Die, die trinken können, ohne ein Problem zu entwickeln und diejenigen, die nicht einfach so trinken können, sondern ein Problem entwickeln und damit dem Stigma ausgesetzt sind. Jedoch befindet sich jede*r einzelne von uns, der/die Alkohol trinkt, auf einem Spektrum. Diesbezüglich gibt es nicht nur schwarz oder weiß; entweder oder, sondern unzählige Graustufen. Und die Spirale bewegt sich nach unten.

Nicht trinken ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung dafür, sich nicht regelmäßig seinen eigenen Körper mit einer toxischen Substanz durchzuspülen. Und diese Entscheidung ist für jeden von uns zugänglich und dadurch, dass du selbst die Wahl hast und diese Entscheidung für dich treffen kannst, kannst du dich im selben Moment auch für dein Leben entscheiden und das Beste aus diesem machen.

Wie sagt Holly Whitaker so schön: „The only label you have is your name!“

Und du musst niemandem erklären, warum du nüchtern lebst. Es ist dein Leben und es ist deine Entscheidung!

Vielleicht hilft dir dieser Artikel.

11. Angst vor der Langenweile

Nichttrinken ändert nichts an deiner Persönlichkeit! Nur, weil du dich für deine Nüchternheit entscheidest bedeutet das nicht, dass plötzlich all deine „outgoing“-Anteile, dein Mut, dein Witz, dein Charme, dein Tanzstil, dein Humor ebenfalls verschwinden. Sie sind immer noch in dir, sie sind nicht einfach so verschwunden. Und falls dir frecher Weise jemand unterjubeln möchte, dass du nicht mehr so viel Spaß hast wie vorher, dann hat das nicht mit dir zu tun, denn du selbst entscheidest, was gut für dich ist und was dir Spaß macht. Nur weil andere Menschen denken, ohne Alkohol keinen Spaß haben zu können, hat das nichts mit dir und deiner Entscheidung zu tun.

Das Leben ist das, was du daraus machst. Nüchtern hast du die Gelegenheit deine Welt mit neuen und frischen Augen zu betrachten und dir ein Leben aufzubauen, aus dem du nicht ausbrechen möchtest.

12. Angst davor, etwas zu verpassen

Du verpasst das Leben, wenn du trinkst. Wenn du trinkst, bist du irgendwann betrunken und bekommst nicht mehr klar und deutlich mit, was um dich herum passiert. Alles ist gedämpft. Du verpasst dein Leben, wenn du weiter trinkst.

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