Wie kann ich Grenzen ziehen?

Grenzen ziehen ist gerade für mich persönlich ein großes Thema und wir sehen es auch immer wieder bei unserer Arbeit mit anderen Menschen, vor allem wenn Alkohol eine Rolle spielt. Eigene Grenzen kennen, wahren und sich dafür stark machen ist essentiell dafür, dass wir uns selbst gut behandeln, aber auch klar und deutlich unserem Gegenüber kommunizieren, was unsere Bedürfnisse und Wünsche sind.

Hier jetzt meine Erkenntnisse und Tipps, um Grenzen zu ziehen.

1. Bewusstmachung

Wie fast alles im Leben beginnt auch Grenzen ziehen damit sich selbst bewusst zu werden, was hier eigentlich vor sich geht. Die meisten Verhaltensweisen und Glaubenssätze sind tiefverankert. Wir haben sie als Kinder erlernt und heute laufen sie wie ein gut geölter Motor schön im Hintergrund. Wir treffen heute sehr wenig bewusst die Entscheidung uns so oder so zu verhalten. Es gab einmal einen Zeitpunkt in unserem Leben, da war genau diese Verhaltensweise oder dieser Glaubenssatz hilfreich für unser Leben. Jetzt jedoch spüren wir oft innerlich, dass irgendwie etwas nicht stimmt, doch so ganz benennen können wir es noch nicht. Hier gilt es hinzuhören, denn dieses dumpfe Gefühl im Bauch, der Druck auf der Brust oder auch der Kloß im Hals wollen uns etwas sagen. Das nennen wir auch liebevoll unser Bauchgefühl, also diese kleine zarte Stimme, die uns sagt, so wollen wir das doch eigentlich gar nicht. Meinem Bauchgefühl habe ich sehr oft keine Beachtung geschenkt und es sehr sehr oft übergangen. Vor allem Menschen, denen es schwerfällt gesunde Grenzen zu ziehen, übergehen sich permanent und unser Bauchgefühl hat kein Mitspracherecht mehr. Deswegen ist der erste Schritt wieder hinzuhören und diese Empfindungen und Gefühle Ernst zu nehmen. Das ist wahrlich eine Übungssache und bedarf Zeit.

Hier hilft es sich selber über den Tag zu fragen, wie es mir geht und wie ich mich fühle? Auch diese Situationen niederzuschreiben bei denen sich mein Bauchgefühl meldet, um zu verstehen in welchen Momenten es mir schwerfällt meine Grenzen zu ziehen..

2. Was sind meine Bedürfnisse?

Der zweite Schritt nach der Bewusstmachung ist sich selbst zu Fragen, was sind meine Bedürfnisse? Wir empfinden zwar häufig einen Druck oder hören vielleicht schon ganz gut unser Bauchgefühl, wenn etwas passiert oder wir etwas tun, was wir eigentlich gar nicht wollen, aber wir wissen oft gar nicht was wir eigentlich wollen. Was brauche ich? Was wünsche ich mir? Was tut mir gut? Welche Dinge möchte ich in meinem Leben? Wie möchte ich mich selber behandeln? Wie möchte ich, dass mich andere behandeln? Sich ab und zu diese Fragen zu stellen ist wichtig, denn sie richten uns aus und geben uns den Fokus, uns auf das zu konzentrieren und dort unsere Energie reinzustecken, was uns wirklich wichtig ist und was wir eigentlich in unserem Leben wollen.

3. Wo liegen meine Grenzen?

Jetzt geht es darum ganz klar für sich seine eigenen Grenzen zu stecken. Und hier helfen die ersten beiden Schritte, denn wie mit den Bedürfnissen kennen wir oft auch unsere eigenen Grenzen gar nicht. Wir spüren zwar das unwohle Gefühl, aber ziehen daraus keine Lehren für uns. Deswegen schaut euch, die Situationen an, wo sich euer Bauchgefühl gemeldet hat und fragt euch, was euer eigentliches Bedürfnis war? Daraus könnt ihr dann für euch eure Grenze formulieren. Ein Beispiel aus meinem eigenen Leben: meine Schwester rief mich an und wollte mit mir ein paar Dinge über meine eigene Arbeit diskutieren. Sie wollte mir Tipps geben und mir eigentlich nur helfen, doch war ich in dem Moment gedanklich und emotional nicht bereit dieses Gespräch mit ihr zu führen. Früher hätte ich aus Höflichkeit mir alles bis zum Schluss angehört, heute nicht mehr. Ich sagte ihr freundlich aber bestimmt, dass ich gerade dieses Gespräch mit ihr nicht führen kann und wir es gern ein andermal fortführen können.

Grenzen ziehen ist eine Verhaltensweise die wir erlernen können, ganz genauso wie vor anderen Menschen sprechen oder Konflikte lösen. Es bedarf Übung und Zeit. Am besten ist es wenn wir klein beginnen, nämlich bei uns selbst. Ganz oft fällt es uns schwer uns selbst eigene Grenzen zu setzen und sie auch einzuhalten. Beginnt mit kleinen Situationen und arbeitet euch zu den ganz großen ran.

Photo credits: Mark Fletcher-Brown// unsplash

4. Warum fällt es mir so schwer Grenzen zu ziehen?

Jeder von uns hat seine eigenen Gründe warum es uns schwerfällt Grenzen zu ziehen. Ich persönlich bin ein sehr harmoniebedürftiger Mensch, ich scheue Konflikte und ich habe Angst, dass Menschen mich dann nicht mehr mögen. Viele dieser Glaubenssätze rühren aus meiner Kindheit, wenn ich mir meine Mutter anschaue, dann weiß ich ganz genau woher ich sie habe. Und meine Mutter wiederum hat sie wahrscheinlich von ihrer Mutter. Heute als erwachsene Frau weiß ich, dass Harmonie mich nicht immer an mein Ziel bringen wird. Ich weiß auch, dass Konflikte teilweise nötig sind, um voranzukommen und zu wachsen. Und ich weiß auch, dass Menschen es vielleicht nicht toll finden werden, wenn ich meine Grenzen ziehe, sie aber mir deswegen nicht die Freundschaft kündigen werden. Andersherum zum Beispiel finde ich es sogar angenehm und bewundernswert, wenn Menschen ganz klar ihre Grenzen ziehen. Denn zum einen weiß ich bei dieser Person ganz genau woran ich bin, was sie mag und was sie nicht mag. Aber ich bewundere auch ihre Stärke und ihren Mut sich für sich selbst einzusetzen! Deswegen heißt es für mich auch diese alten Glaubenssätze aufzulösen und ganz bewusst, wenn sie hochkommen, eine andere Entscheidung zu treffen.

5. Was ist der Vorteil darin keine Grenzen zu ziehen?

Interessanterweise gibt es eigentlich immer Vorteile an unseren Verhaltensweisen, auch wenn wir sie oft als störend empfinden oder wir uns wünschen uns anders zu verhalten. Und das ist oft eine der größten Knackpunkt. Meine Vorteile keine Grenzen zu setzen sind eindeutig, dass ich die vermeintliche Harmonie wahren kann, ich in keine Konfliktsituation gerate und mich potentiell auch jeder mag, ach, wie schön! Zum Beispiel fühle ich mich sehr unwohl in Konfliktsituationen und ich spüre regelrecht wie ich mich körperlich winde. Am liebsten würde ich mich verkriechen und meine erste Reaktion ist mich zu entschuldigen und kleinlaut zu verschwinden. Das ist aber nicht Sinn der Sache, denn der Frust den ich dann über mich selbst empfinde und auch die Enttäuschung, weil ich es mal wieder nicht geschafft habe für mich einzustehen, überwiegen. Und hier heißt es Verantwortung für sich und sein eigenes Leben zu übernehmen und sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen! Denn nur wenn wir für uns und unser Leben losgehen wird sich etwas ändern.

6. Es fühlt sich am Anfang nicht gut an aka Wachstumsschmerzen

Und somit kommen wir gleich zum nächsten Schritt, Grenzen setzen fühlt sich vor allem am Anfang echt, Entschuldigung für meinen Ausdruck, Scheiße an! Und eigentlich fühlt sich in Situationen, wo meine Grenzen überschritten werden, beides am Anfang Scheiße an. Wenn ich nichts sage und Menschen einfach über meine Grenzen rennen lassen, dann fühlt es sich wie ein innerer Verrat an. Wenn ich aber meine Grenzen ziehe, dann fühlt es sich am Anfang auch mies an, weil plötzlich all meine alten Glaubensätze und Ängste innerlich anfangen zu schreien. Wie konntest du nur! Jetzt mögen sie dich nicht mehr! Das steht dir überhaupt gar nicht zu! Und was wir uns dann nicht nicht alles schönes erzählen. Und hier gilt es auszuhalten. Es gilt durch die Angst und durch die Glaubenssätze zu gehen. Das ist wahrlich kein schönes Gefühl, aber es wird mit der Zeit besser. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nach einem Konflikt der Haussegen einmal für eine kurze Zeit schiefhängen und die Harmonie auch etwas hacken kann, aber meist bereitet es Raum für ein tiefes, offenes und ehrliches Gespräch. Es hilft uns, uns ehrlich und authentisch zu zeigen. Unserem Gegenüber zu sagen was wir brauchen. Denn der andere kann nicht unsere Gedanken lesen und wenn wir uns nicht mitteilen, was wir brauchen, nehmen wir auch dem anderen die Chance uns und unsere Bedürfnisse besser kennenzulernen. Ich habe für mich festgelegt, dass meine Freunde und Familie wissen sollen wie es mir geht, was ich brauche und wo meine Grenzen sind.

Photo credits: Dakota Corbin// unsplash

7. Darf ich das überhaupt?

Diese Frage ist so essentiell, um Grenzen zu ziehen. Und um es schon einmal vorweg zu nehmen, JA, du darfst! Ich ertappe mich dabei selber oft, wie ich mich selbst geißele und mir nicht erlaube Raum einzunehmen oder Grenzen zu ziehen, denn ich könnte ja egoistisch oder schwach wirken. Doch ein gesunder Egoismus ist nichts verkehrtes. Für mich persönlich ist das Wort Egoismus sehr negativ konnotiert und deswegen nenne ich es lieber Selbstfürsorge. Ich sorge dafür, dass es mir gut geht, dass meine Bedürfnisse gewahrt sind und Menschen meine Grenzen respektieren. Vor allem im Bezug auf Alkohol ist das so wichtig, denn ganz oft kennen und kommunizieren wir unsere Grenzen nicht und übergehen uns permanent. Dann stauen sich all diese Enttäuschungen und Verletzungen an und wir suchen im Alkohol einen Ausgleich oder einen Trost. Deswegen ist auch gerade am Anfang unserer Nüchternheit Selbstfürsorge das A und O! 

8. Wie Grenzen respektvoll aber bestimmt kommunizieren?

Der Ton macht die Musik. Grenzen zu kommunizieren ist wichtig, aber wir sollten dabei auch nicht mit einem Hammer durch die Gegend rennen und alles kurz und klein hauen. Am Anfang kann das sicherlich alles noch etwas holprig sein, aber generell empfehlen wir gewaltfreie Kommunikation. Also in Ich-Botschaften kommunizieren. Dem anderen erklären wie wir uns gerade fühlen, was uns wichtig ist und was wir uns ganz konkret wünschen, damit bieten wir unserem Gegenüber keine große Angriffsfläche und er fühlt sich auch nicht verurteilt. Bleibt in euren Äußerungen bei euch und verfallt nicht in Vorwürfe. Hier ist es auch wichtig zu akzeptieren, dass eurer Gegenüber vielleicht nicht gleich verstehen wird, was ihr sagen möchtet, vor allem wenn dein Gegenüber es nicht gewohnt ist, dass ihr Grenzen setzt. 

Zur gewaltfreien Kommunikation können wir auch zwei Bücher empfehlen:

Wenn die Giraffe mit dem Wolf tanzt: Vier Schritte zu einer einfühlsamen Kommunikation von Serena Rust

Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens von Marshall B. Rosenberg

9. Weitergehen, es wird mit der Zeit einfacher

Wie heißt das Sprichwort so schöne „kein Meister ist vom Himmel gefallen“. Grenzen ziehen ist eine Übungssache und auch ich übe nach wie vor jeden Tag daran. Manchmal habe ich keine Lust oder Energie dafür, aber ich mache es trotzdem, weil ich es mir wert bin und ich es verdient habe mich für mich selber einzusetzen! Es wird mit der Zeit einfacher und heute kann ich meine Grenzen schon sehr gut ziehen. Das Aushalten fällt mir nach wie vor schwer, aber auch hier sehe ich große Fortschritte und muss sagen ich bin wirklich stolz auf mich. Es lohnt sich so sehr für sich loszugehen, sich selber wertzuschätzen und klare Grenzen zu ziehen! Und am Ende fühlen wir uns auch freier und leichter, weil wir klar und deutlich zeigen, was wir brauchen.

photo credit Titelbild: Drew Hays // unsplash 

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