Relapse

R ückfall. Dieses Wort klingt so, als würde all das, was man auf dem Weg gelernt hat und all die Erfahrungen und neuen nüchternen Erkenntnisse, die man auf der Strecke gesammelt hat, von jetzt auf gleich verloren gehen. Als würde man wieder von Null anfangen, obwohl man eigentlich schon weitergekommen ist. Aber einen Fehler zu machen ist menschlich.

Nüchternheit bedeutet nicht, von einem Moment auf den anderen alles richtig zu machen und perfekt zu sein. Das liegt nicht in der Natur des Menschen. Wir Menschen machen Fehler, das ist tatsächlich auch wichtig und aus unseren Fehlern können wir lernen.

Und tatsächlich schaffen es nur die wenigsten von uns einmal die Entscheidung für die eigene Nüchternheit zu treffen und auch dabei zu bleiben. Die meisten Menschen fallen hin, stehen auf, fallen wieder hin. In einer Gesellschaft, in der Alkohol so selbstverständlich konsumiert wird wie in unserer, wird es uns auch nicht wirklich leicht gemacht. Sowohl innerer als auch äußerer Druck lastet auf Menschen, die ihre Beziehung zu Alkohol in Frage stellen, diese verändern wollen und sich dazu entschließen, zukünftig auf Alkohol zu verzichten.

Auch ich habe es nicht gleich beim ersten Mal geschafft und rückblickend betrachtet ist mir nun auch völlig klar, warum es nicht funktioniert hat. Es ist nicht einfach damit getan, den Alkohol zu lassen und plötzlich lebt es sich in Leichtigkeit und voller Freude. Ganz im Gegenteil. Es ist anstrengend. Vor allem emotional. Mein Weg ist mein Weg und jeder Weg in die Nüchternheit ist so individuell, wie es Menschen gibt. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, der für alle Menschen funktioniert. So passen wir beispielsweise auch unser Mentoring – Programm ganz individuell auf die Bedürfnisse und Lebenssituation eines jeden einzelnen Mentees an.

Ich bin den Weg in meine Nüchternheit über eine Entgiftungsstation gegangen. Anders hätte es für mich zu diesem Zeitpunkt nicht (mehr) funktioniert. Es war Sommer, es war August, es war warm. In der Klinik gab es einen Park und ich habe tatsächlich auch eine sehr nette Frau kennengelernt, die bis heute eine sehr wichtige Person und gute Freundin für mich ist. Alles schien so einfach – vor allem das Nichttrinken und das war trügerisch. Denn es war viel zu einfach. 3 Wochen am Stück nüchtern bleiben schien plötzlich so einfach, sodass ich mich schlussendlich gefragt habe, ob ich denn überhaupt ein Problem mit Alkohol habe, wenn ich plötzlich „so easy“ damit aufhören kann. Ich habe auch immer noch gedacht, dass ich anders bin als die Personen, die eine ungesunde Beziehung zu Alkohol führen und abhängig werden. Außerdem hat es sich für mich nicht so angefühlt, als hätte ich irgendetwas in Richtung „innerer Arbeit“ unternommen. Nur war mir das zu diesem Zeitpunkt nicht bewusst. 

Es hat nur eine Woche gedauert, bis ich dem inneren Druck nicht mehr standhalten konnte und wieder getrunken habe. Und ich war schockiert. Schockiert über meine Gefühle, über mein Handeln, über das Gefühl der Ohnmacht und die Tatsache, dass ich nun einen waschechten „Beweis“ dafür hatte, dass ich ein Problem mit Alkohol habe.

Es klingt zwar komisch, aber aus heutiger Sicht bin ich auf eine gewisse Art und Weise auch dankbar für diese Lektion, denn ohne diese hätte ich damals wohl den Ernst meiner Lage nicht verstanden und hätte nicht damit begonnen, Verantwortung für mich und mein Leben zu übernehmen. Diese Situation, dieser Rückfall, hat mich nicht zurückgeworfen, sondern hat mir vielmehr die Augen geöffnet, denn jeder Rückfall beinhaltet eine Message und genau das ist es, was wir in unserer Arbeit weitergeben. Es kommt nicht darauf an, alles perfekt zu machen, denn das Leben ist perfekt imperfekt. Es geht vielmehr darum die versteckte Message hinter dem Rückfall zu verstehen. Was habe ich übersehen? Wo habe ich nicht richtig auf mich aufgepasst? Wie habe ich mich gefühlt? Was genau hat dazu geführt, dass ich wieder in alte Verhaltensmuster abgerutscht bin? All diese Fragen sind wichtig, denn sie dienen dazu, sich wieder einzunorden und zukünftig eine gesündere und achtsamere Entscheidung für sich treffen zu könne und die Erfahrung zu machen, was eben nicht so gut funktioniert.

Ich brauchte diesen Denkzettel, um zu begreifen, was „Craving“ eigentlich bedeutet, was es für mich, mein Leben, meine Nüchternheit bedeutet. Dieser Rückfall hat mich dazu bewogen, mir Hilfe zu suchen und mich selbst nicht (mehr) auf die leichte Schulter zu nehmen und mir tatsächlich die Frage zu stellen, was ich in meinem nüchternen Leben ernster nehmen sollte und was ich nicht mehr in meinem Leben möchte. Genau, es ist auch wichtig zu wissen, was man nicht mehr möchte und dazu gehört es auch, dass wir bestimmte Erfahrungen machen.

Und dabei möchte ich nicht sagen, dass ein Rückfall gut ist und immer wieder passieren sollte. Es geht vielmehr darum, was wir daraus machen und welche Fragen wir uns stellen, um uns besser zu verstehen und solche Situationen zukünftig anders handhaben zu können. Manchmal müssen wir bestimmte Fehler machen, um aus diesen lernen zu können.

Und so schwer es in so einem Moment sein sollte, geht es genau in diesen Momenten darum, Vertrauen in sich selbst und den Prozess aufzubringen. Wenn ich in den letzten Jahren eines gelernt haben sollte, dann ist es das: Vertrauen, obwohl ich noch nicht weiß, wie es werden wird und obwohl ich den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehe

Don’t be afraid to dream, don’t be afraid to work your ass off for that dream, and don’t be afraid of falling on your face as you do it. Be afraid to not try. – Holly Whitaker

Auch wenn du rückfällig werden solltest, dann bedeutet das nicht, dass du wieder von Null anfängst. Zum einen ist das unfassbar demotivierend und zum anderen bist du heute nicht mehr dieselbe Person, die du gestern noch warst. Das Leben verläuft vorwärts, nicht rückwärts. All deine Erfahrungen gehören zu dir und all deine Erfahrungen sind wichtig. Ob du nun eine Minute, eine Stunde, einen Tag, oder ein Jahr nüchtern gelebt hast – diese Erfahrung kann dir keiner nehmen und in diesen Momenten hast du etwas anders gemacht und dementsprechend hast du dir bewiesen, dass du es kannst. All die Kraft und Ressourcen um ein nüchternes Leben führen zu können stecken schon längst in dir.

Der Gedanke daran, immer wieder bei Tag 1 anfangen zu müssen, sobald man einen Fehler gemacht hat ist wohlmöglich die größte Angst, die Menschen haben, die sich auf den Weg in ein nüchternes Leben begeben. Aber unser Leben verläuft nicht linear und schon gar nicht tut dies unsere Nüchternheit. Unser Leben ist ein Leben, mit all den Ecken und Kanten. Jeder einzelne nüchterne Tag zählt und ist ein Miniziel auf deinem Weg in die Nüchternheit.

photo credits: Kiana bowman // unsplash

Wenn ich mir überlege, was ich aus meinem Rückfall gelernt habe, dann sind es wohl die folgenden Dinge:

* Es gibt nicht nur diesen einen Weg. Jeder Weg ist individuell genauso wie jeder Mensch ganz individuell ist und jede*r Einzelne muss seinen eigenen Weg finden

* Ich weiß nun besser darüber Bescheid, was mich in konkreten Situationen triggert und wie ich besser mit diesen Triggern umgehen kann und habe eine Toolbox, auf die ich zurückgreifen kann

* Um vollends ich selbst sein zu können und meinem eigenen Potenzial, Träumen und Bedürfnissen auf die Schliche zu kommen, musste ich aufhören zu trinken.

*Der innere (emotionale) Prozess ist viel wichtiger als einfach nur mit dem Trinken aufzuhören

* Ich kann, darf und sollte um Unterstützung bitten, denn es steht mir zu und ich bin mir selbst wichtig!

* Ich kann und darf meinem Bauchgefühl vertrauen und es hatte schon Recht Jahre bevor ich mit dem Trinken aufgehört habe

*Alkohol macht mich depressiv und ängstlich.

* Der Weg ist das Ziel.

*Ich kann Alkohol nicht kontrollieren und werde es auch nicht wieder probieren.

Falls du Unterstützung auf deinem Weg in ein nüchternes und freies Leben benötigst, bereit dafür bist dich mit dir selbst, deinem Leben und deinen Glaubenssätzen auseinanderzusetzen, dann melde dich sehr, sehr gerne bei uns unter hello@mesober.com.

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