Den Spaß in unserem nüchternen Leben wiederentdecken

F ast immer verknüpfen wir Spaß mit Alkohol trinken und für einen Großteil unseres Lebens waren diese beiden Dinge untrennbar miteinander verbunden. Eine sehr große Angst, die viele von uns empfinden ist, wenn wir mit dem Trinken aufhören, dann nie wieder Spaß haben zu können und alles fühlt sich dann langweilig und grau an. Ich liebte früher meine Barabende mit Freunden, da konnte ich locker sein und mal so richtig die Seele baumeln- und loslassen. Spieleabende wurden durch Bier noch lustiger. Neue Menschen und vor allem Männer kennenlernen fühlte sich alkoholisiert so einfach an. Da konnte ich schon manchmal einen ganzen mittelgroßen Club an einem Abend kennenlernen und, Gott weiß, was ich diesen Menschen alles erzählt habe. 

Wenn das alles wegfallen soll, wo bleibt dann die Freude und der Spaß in meinem Leben? Wie vieles im Leben ist es ein Prozess. Den eigenen Spaß und die Freude wiederzuentdecken bedarf Zeit und sich auch trauen neue Wege zu gehen. Ich bin heute immer noch auf dem Weg und frage mich ernsthaft, was mir Freude bereitet und woraus ich Energie ziehen kann. 

Was macht mir eigentlich Spaß ohne Alkohol?

In unserer Arbeit fragen wir unsere Mentees oft, was ihnen Freude bereitet oder ihnen Spaß macht, ohne dabei Alkohol zu trinken. Dann schauen wir oft in fragende Gesichter, denn genau diese Frage „Was bereitet mir eigentlich Freude ohne Alkohol“ ist eine Frage, die wir uns schon sehr, sehr lange oder noch nie gestellt haben. Und so simpel diese Frage auch wirkt, ist sie oft recht schwierig zu beantworten. Manchmal bekommen wir dann als Antwort: meine Arbeit oder mein Studium, was natürlich wunderbar ist, wenn uns unsere Arbeit Freude bereitet. Dennoch ist unsere Arbeit eben unsere Arbeit. Vielen fällt es schwer darüberhinaus noch andere Dinge zu nennen. Ich selbst kenne das nur zu gut. Ich verlieren mich oft selbst in meiner eigenen Arbeit, nehme mir zu wenig Pausen und fühle mich als übergehe ich mich permanent selbst. Doch mir dann die Frage zu beantworten, was mir eigentlich Freude bereitet, fällt mir oft schwer. Ich persönlich denke schon eine ganze Weile darüber nach und so langsam weiß ich auch besser, welche Dinge mir Energie geben. Ich lese zum Beispiel wahnsinnig gern, ich verbringen sehr gern Zeit mit Menschen, die ich liebe und das auch ohne Alkohol, ich bin gern in der Natur und wandere oder bin einfach nur in Stille mit mir ganz alleine, aber die Liste ist definitiv ausbaufähig.

Was hat mir in meiner Kindheit Freude bereitet?

Ein guter Weg herauszufinden, was uns eigentlich Freude bereitet ist, uns unsere Kindheit anzuschauen. Als wir Kinder waren konnten wir in den meisten Fällen unbefangen und ohne großen gesellschaftlichen Druck Spielen und unserer Neugierde nachgehen. Sich also die Frage zustellen „Was hat mir als Kind Spaß gemacht?“ kann in diesem Prozess Gold wert sein. Als Kinde habe ich zum Beispiel wahnsinnig gern Menschen zum Lachen gebracht oder gebastelt, als ich älter wurde Gedichte geschrieben und war damals schon gern in der Natur. Natürlich, sind Dinge nicht 1 zu 1 übertragbar, denn heute sind wir erwachsen, dennoch kann uns diese Frage helfen etwas Licht ins Dunkel zu bringen und uns einen Hinweis geben, was uns heute Freude bereiten könnte.

photo credits: Dragos Gontariu // unsplash

Es muss nichts Großes sein

Oft denken wir, dass die großen und lauten Dinge im Leben die sind, die uns die größte Freude und den größten Spaß bereiten. Der Jahresurlaub, die jährliche Familienfeier, eine Hochzeit und so weiter, aber meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass es oft die kleinen alltäglichen Dinge sind, die mir Energie geben. Sei es früh nüchtern aufzuwachen und erst einmal Zeit für mich zu haben, ein gutes Buch zu lesen, spazieren zu gehen, mit einer Freundin zu sprechen, meine Familie zu sehen oder so viele kleine Glücksmomente, die mein Leben erfüllen und durch die ich Freude empfinde. Wir nennen diese kleinen Momente auch gern Gänseblümchenmomente und eine Aufgabe für unsere Mentees ist es diese kleinen, aber schönen Gänseblümchenmomente aufzuschreiben und sich bewusst zu werden, dass es oft die kleinen und leisen Momente in unserem Leben sind, die unser Leben so lebenswert machen. Heute frage ich mich auch, welche kleinen Dinge ich für mich tun kann, damit ich mir selber zeige, dass ich wertvoll und wichtig bin. Dann mache ich vielleicht einen kurzen Mittagsschlaf oder gehe Laufen. Meist ist unser Alltag vollgepackt und wir verschieben die großen Dinge, die uns Freude und Spaß bereiten, doch wenn wir kleine, aber feine Momente in unseren Alltag einbauen, dann multiplizieren sich diese vermeintlich unscheinbaren Momente und ergeben in der Summe einen stärkeren Effekt als ein großer Moment einmal im Jahr. Schaut gern was eure Gänseblümchenmomente sind, schreibt sie auf und überlegt euch, wie ihr diese häufiger in euren Alltag einbauen könnt.

Dinge, die mir früher mit Alkohol Spaß gemacht haben, können mir heute auch ohne Alkohol noch Spaß machen.

Nur, weil wir heute keinen Alkohol mehr trinken und nüchtern leben, heißt das noch lange nicht, dass wir auf all die Dinge, die uns früher mit Alkohol Spaß gemacht haben, verzichten müssen. Wie schon oft erwähnt war ich eine Gesellschaftstrinkerin, wenn ich nun also nüchtern lebe, würde das bedeutet, dass ich heute jegliche Gesellschaft meiden müsste. Dies ist aber nicht so. Ich genieße heute immer noch sehr, Zeit mit Freunden zu verbringen. Klar, war für mich früher Freunde treffen stark mit Alkohol verbunden und vor allem am Anfang war es komisch, denn mein Hirn signalisierte mir bei jedem Treffen mir doch bitte ein Bier zu holen. Diese Verknüpfungen können gelöst werden, aber es bedarf Zeit. Wir müssen uns der selben Situation aussetzten und dabei keinen Alkohol trinken. Gelingt uns dies ein paar Mal, beginnen sich die Verknüpfungen allmählich zu lösen. Das Gehirn meldet sich dann seltener und verlangt auch seltener nach einem Bier. Heute treffe ich mich mit Freunden und nüchtern bleiben ist absolut normal. Ich kann heute weiterhin Dinge tun, die mir früher auch schon Freude bereitet haben. Wiederum andere Dinge, die ich früher sehr genossen habe, haben durch meine Nüchternheit an Charme verloren und geben mir heute einfach nicht mehr den selben Spaß wie damals, aber das ist total okay und ich vermisse diese Dinge auch gar nicht.

Neues ausprobieren

Das tolle an der Nüchternheit ist auch, dass sich oft neue Türen öffnen und wir feststellen, dass wir schon immer mal Nähen oder Surfen oder Kalligrafie ausprobieren wollten. Oft verschieben sich unsere Interessen und auf einmal haben wir Lust, Zeit und vor allem auch die Energie, um neue Dinge auszuprobieren. Viele von unseren Mentees sprudeln nur so vor Energie und Neugierde am Ende unseres Mentorings und probieren sich in vielen neuen Dingen aus. Am Anfang mag es noch unklar sein, was wir eigentlich toll finden, aber Ausprobieren ist da die beste Herangehensweise. Probiert euch aus und schaut, was euch Spaß und Freude bereitet. Es mag auch sein, dass es etwas dauert, bis ihr das passende für euch gefunden habt, aber der Weg ist das Ziel und dabei werdet ihr viele neue Dinge kennenlernen und auch besser wissen, was euch Freude bereitet. 

photo credits: Joshua Coleman // unsplash

Sich trauen  

Neues ausprobieren kann vor allem am Anfang sehr einschüchtern sein und uns Angst machen. Hier ist das Motto „traut euch!“. Ich weiß noch als ich mal Contemporary Dance ausprobiert habe. Ich war super aufgeregt, als ich dort zum ersten Mal hingefahren bin. Ich kannte auch niemanden. Die Tanzgruppe existierte schon eine Weile und ich hatte wirklich keine Ahnung von Körperkoordination. Ich sprang dort wie ein ungelenkiger Körperklaus durch die Gegend und gab mein Bestes. Es sah definitiv nicht gut aus, aber meinen Spaß hatte ich trotzdem. Auch wenn ich heute zu dieser bestimmten Tanzgruppe nicht mehr hingehe weiß ich. dass Tanzen mir sehr, sehr viel Freude bereitet. Hätte ich damals meine Angst nicht überwunden und wäre dort nicht hingefahren, wären mir viele schöne Stunden verloren gegangen und ich hätte nicht über mich selbst erfahren, dass Tanzen mir viel Spaß macht.

Es ist auch in Ordnung mal keinen Spaß zu haben

In unserer Gesellschaft geht es oft um Spaß und das tolle Leben. Auf Social Media geht es vermeintlich allen gut und wenn es bei dir nicht so aussieht, dann machst du wohl offensichtlich etwas falsch. Doch dies entspricht nicht der Realität, denn das Leben ist nicht immer nur Spaß und Freude. Es gibt die schweren und grauen Momente, doch nur durch sie können wir erst die schönen Momente wirklich genießen. Erst durch das Tief nehmen wir das Hoch als ein Hoch wahr und Weiß kann nur existieren, wenn es auch Schwarz gibt. So ist das Leben. Nicht alles kann und wird uns Spaß machen, das war so, als wir noch getrunken haben und das ist so, wenn wir nüchtern leben.

Photo credits Titelbild: Joshua Coleman// unsplash

One Comment

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s