Sober Dating – unbekanntes Terrain

Dies ist ein Gastbeitrag von Julia

Ich habe Männer noch nie wirklich verstanden und vom Flirten habe ich genauso wenig Ahnung wie vom Fußball. Aber betrunken konnte ich es irgendwie. Ich lernte viele Männer kennen, war abenteuerlustig und lebte nach dem Motto „man lebt nur einmal“ bis ich irgendwann Angst vor mir selbst hatte, weil ich keine Kontrolle mehr über mich und meinen Körper hatte. 

Jetzt lebe ich schon seit fast einem Jahr nüchtern und frage mich schon seit Anbeginn: „Wie wird das ganze denn nüchtern ablaufen?“ Mein ganzes Liebes-/ Datingleben war mit dem Alkohol verknüpft. Ich habe vor den Dates, während der Dates und nach den Dates getrunken. Ich habe mir die Männer attraktiver getrunken, langweilige Dates spannender und weniger interessante Männer, interessanter getrunken. Wie wird es sein mit der Realität konfrontiert zu sein? Wer bin ich beim Daten? Bin ich überhaupt noch „datable“? Bin ich noch sexy, wenn ich nichts trinke? Wie kommt man sich näher? Wie ist der erste Kuss? Der erste Sex? Fragen über Fragen und nun möchte ich es erfahren. Nach fast einem Jahr ohne Alkohol fühle ich mich bereit und wage einen Versuch.

Wir treffen uns auf einen Kaffee. Er schlug einen ziemlich hippen Laden auf St. Pauli vor. Ich bin ziemlich aufgeregt und eine halbe Stunde zu früh dran. Während meiner Trinkerkarriere kam ich zu den Dates generell zu spät. Da ich vor den Dates schon 1, 2 Drinks zum Lockermachen zu mir nahm und es jedes Mal eine schmale Gratwanderung war zwischen, kann ich mich noch Artikulieren oder fange ich schon an etwas zu lallen. Anstrengend war es, da die richtige Menge an Alkohol abzupassen. Aber nichts zu trinken käme mir damals gar nicht in den Sinn.

Nun bin ich eine halbe Stunde zu früh da. Was mache ich mit der Zeit? Ich gehe nochmal eine Runde um den Block und mache ein paar Atemübungen, um mich locker zu machen. Hab mich fast an meinem eigenen Atem verschluckt und fange an zu husten. Ich beschließe reinzugehen. No risk no fun! Ich setze mich und beobachte erst mal die Leute. Die sehen alle total hipp aus und lachen und reden wild durcheinander. Ich merke, wie ich immer aufgeregter werde, jedes Stühle schieben und knarzen hört sich für mich dreimal so laut an, als es letztendlich ist. Ich stecke mir meine iPhone Stöpsel ins Ohr und höre Mantras und wiederhole immer wieder: „Du bist cool, Julia. Du bist cool.“ Was kann dir schon im schlimmsten Fall passieren, außer, dass er dich doof findet? Es würde sich ja nicht auf meine Person beziehen, sondern nur auf den Teil, den er gerade mal in einer Stunde von mir kennengelernt hat und das ist ein Hundertstel. Mit dieser Erkenntnis fasse ich Mut.

Priscilla du Preez // unsplash

Er kommt rein. Lässiger Typ mit nem Loch im Shirt. Gefällt mir. Ich entspanne mich und bestelle mir einen richtig starken Kaffee. Meine Art der Rebellion. Nur weil ich nicht trinke, heißt es noch lange nicht, dass ich ein Mädchen Mädchen bin, will ich damit aussagen. 

Nach ein paar Schlücken bekomme ich Herzrasen – note to myself: Nächstes Mal keinen Kaffee!

Ich bin gespannt, wann das Thema Alkohol auf den Tisch kommt. Ich habe den Eindruck, dass es ein sehr wichtiges Thema beim Daten ist, um schon mal abzuchecken ob der Datingpartner einen ähnlichen Konsum pflegt. Aber das Thema bleibt erstmal aus und ich spreche es nicht an, sondern möchte erst einmal mehr über den Mann erfahren. Wir unterhalten uns gut und ich mache sogar ein paar Witze, die etwas unter die Gürtellinie gehen und denke mir „Cool, geht auch noch ohne Alkohol!“.

Nachdem wir einen kleinen Koffeinschock hatten, gehen wir raus an die frische Luft. Wir stehen an einer roten Ampel als er plötzlich sagt: „Du hattest mir geschrieben, dass du gut küssen kannst. Das würde ich gerne jetzt testen.“ Mir rutscht schlagartig das Herz in die Hose und ich denke mir nur so „Boah das haste nun davon, dass du so vorlaut bist!“. Ich sage: “Ääähm, echt, hab ich? Kann mich gar nicht daran erinnern.“. Er so: „Wenn du schon so was von dir behauptest, will ich das jetzt auch überprüfen, ob das stimmt.“. Und ich denke mir: „Wie komme ich jetzt am besten aus dieser Nummer raus?“. Und im zweiten Moment denke ich mir: „Ok, egal. Leben am Limit. Raus aus der Komfortzone!“ und küsse ihn. Dieser Kuss fühlt sich an wie eine halbe Ewigkeit, obwohl es sehr wahrscheinlich nur eine Sekunde war. 

Ok, ich gebe es zu, eigentlich habe ich ihn eher aus einem egoistischen Hintergrund geküsst, der Selbsterfahrung wegen. Einfach, weil ich mir seit meiner Nüchternheit immer wieder die Frage stellte, wie sowas abläuft, dieses sich näherkommen, wenn kein Filter drauf ist. Und ich muss sagen „Wow“ hätte ich das mal vorher gewusst! Dieser Mix aus unbekanntem Körper und sich auf offener Straße küssen und das auch noch komplett nüchtern, war besser als jeder Rausch! Ich spüre einen gewaltigen Adrenalinstoß und ein prickeln durchfährt mich. 

Er grinst: „Gar nicht mal so schlecht.“ Ich grinse und denke mir: „Check, kann man auch noch alles nüchtern machen.“

Ich war so froh, dass wir diesen Kuss hatten, denn somit waren meine größten Befürchtungen von „wie soll ich denn nüchtern jemals jemanden küssen, geschweige denn Sex haben?“ passé. Einfach nicht darüber nachdenken. Denn genauso wie meine ersten nüchternen Geburtstagsfeiern oder Hochzeiten, fügt sich alles von selbst, wenn man sich einfach in die Situation hinein begibt, ohne groß zu wissen, wie es gehen wird. Kleiner Disclaimer: Natürlich habe ich vorher auch nüchtern geküsst, dann aber mit einem Partner. Meine Gedanken bezogen sich eher auf den ersten Kuss beim Date und dass sich näherkommen.

Er schlägt vor in eine Bar zu gehen und widerwillig stimme ich zu. Gleich wird es spannend und das Thema Alkohol kommt auf den Tisch. Bin mal gespannt wie er darauf reagieren wird. Mittlerweile habe ich schon ein Gespür dafür, wie mein Gegenüber zu dem Thema Alkohol steht, je nach Reaktion auf mein Nichttrinken. Er fragt mich, was ich denn trinken möchte und ich antworte „Boah ich hab so richtig Bock auf ne Fritz Kola!“. Er guckt mich ungläubig an „Trinkst du nicht?“. Ich antworte: „Ne, ich muss noch fahren!“, dann ernsthafter: „Nein, ich trinke nicht.“. Er hakt nach: „Trinkst du gar nicht? Also nie?“. Ich antworte: „Nein, nie.“. Stille. Laaaaaange Stille. „Aha.“ sagt er und bestellt ein Bier. Wir schweigen uns für einen Moment an und ich habe keine Lust ihm zu erzählen warum ich nicht trinke, dass ich ein Alkoholproblem hatte. Dafür ist er mir nicht vertraut genug. Er nuckelt an seinem Bier und ich an meiner Kola. Er versucht mir näher zu kommen. Aber auf einmal ist mir alles viel zu laut, die Luft zu dünn und ich fühle mich nicht wohl. Ich nippe schnell an meiner Kola und rutsche etwas weg. Ich versuche ein Gespräch anzufangen, aber er scheint kein Interesse daran zu haben. In dem Moment ist ihm sein Bier wichtiger, oder mein Körper.

Nate Johnston // unspalsh

Ich fühle mich in dieser ganzen Situation nicht wohl und beschließe zu gehen und sage: „Hey, ich muss morgen ganz früh raus. War schön dich kennengelernt zu haben.“. Ich drücke ihm einen 5 € Schein in die Hand für meine Kola und verlasse so schnell es geht die Bar.

Draußen atme ich die frische Luft ein und schließe die Augen. Ich spüre nun eine tiefe Ruhe. Ich bin froh aus diesem ganzen Geschehen rausgekommen zu sein und dankbar, dass ich für mich eine Grenze gezogen habe. Ich muss nichts mehr aushalten und kann mich aus jeder Situation herausziehen. Das ist eine wunderbare Erkenntnis der Nüchternheit. Früher hätte ich ein Bier bestellt und es ausgehalten, die Situation ausgehalten, ihn ausgehalten, so lange bis ich betrunken war und es dann gar nicht mehr so schlimm fand. Ich habe mich ständig angepasst, wollte gefallen, wollte geliebt werden. Kannte meine Grenzen nicht. Ging über meine Grenzen und vergaß mich dabei selbst, sodass in mir drin ein ständiger Kampf herrschte.

Aber heute bin ich das nicht mehr. Ich habe mich geändert. Ich weiß, was ich will und was nicht. Ich weiß, wo meine Grenzen sind und ich stehe für mich ein. Und Männer, die nicht an meinem Inneren interessiert sind, sondern nur an meinem Körper, will ich nicht.

Dieses Gefühl, dass ich die komplett Kontrolle über mich und meinen Körper habe und auf mich selbst aufpassen kann, ist für mich gerade so unglaublich und das möchte ich nie mehr missen.

Ich beschließe, dass das nächste Date nicht in einer Bar stattfinden wird. Das nächste Date werde ich nach meinen Regeln aufstellen und nebenbei ist es ein ganz guter Filter um rauszufinden wer damit cool ist oder wer damit ein Problem hat. Ich atme nochmal tief die Abendluft ein, mache das Lied „Who run the world? Girls“ an und gehe stolz nach Hause, völlig klar und in Frieden mit mir selbst.

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