Mein erstes nüchternes Konzert

Dies ist ein Gastbeitrag von Mary

Punkrock: laut, schnell, oftmals mit Message. Musik, die mich seit meiner Kindheit fasziniert und seitdem begleitet. Punkrock bildete und bildet den Klangteppich, den Soundtrack meines Lebens – nur leider seit vielen Jahren auch viel zu oft begleitet von Alkohol-Exzessen meinerseits. „Wie würde es sein, wenn ich beim nächsten Konzertbesuch einfach nüchtern bliebe?“, fragte ich mich insgeheim oft, um die Antwort gleich mit dem nächsten alkoholischen Getränk hinunterzuspülen. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen – und ich wollte es mir auch gar nicht vorstellen. Doch nun hatte ich mich im Juni 2020 endlich und echt entschlossen, keinen Alkohol mehr zu trinken; ob auf Konzerten oder in anderen Kontexten. Und mir war bewusst, dass dies bedeutete, viele „erste Male“ zu erleben.


Nüchtern vs. verkatert

Zugegeben: ich war auch schon vor dieser Entscheidung im Juni 2020 öfter auf Konzerten, ohne Alkohol dabei zu trinken. Wenn ich einmal auf Konzerten nichts Alkoholisches getrunken hatte, hatte dies aber eigentlich nur einen Grund: Ich war verkatert vom Vortag. Immerhin linderten das Treffen von Freunden, die laute Musik und die dadurch angetriebene Bewegung im Rythmus die Folgen meines übermäßigen Alkoholkonsums. Die Schuldgefühle und die Scham verschwanden; für einen kurzen Moment konnte ich wieder „bei mir“ sein, ohne ein schlechtes Gefühl. Oder ich hatte noch ausreichend Restalkohol im Blut, sodass ich meinte, nichts mehr „obendrauf“ kippen zu müssen. Ich war zwar innerlich völlig kaputt und vor allen Dingen müde, aber mein leicht vernebeltes Hirn trieb meinen Körper immer weiter an. Ich zweifelte dies auch niemals an, denn den Menschen in meinem Umfeld ging es ja ähnlich (oder sogar schlechter), und nach dem Konzertbesuch fühlte ich mich definitv immer besser als vorher. Es war also ein harter Schritt, sich gegen dieses vermeintlich „Normale“ zu stellen, nicht „wie gewohnt“ weiterzumachen und einen anderen Weg einzuschlagen. Auf Konzertbesuche verzichten sollte aber keinesfalls das Ergebnis dieser neuen Überlegungen sein.

photo credits: Michael Benz // unsplash


Ausnahmen bestätigen die Regel


Eine Ausnahme bildeten rückblickend (bis auf einen Ausfall-Abend) die Konzertbesuche meiner Alltime-Favorite-Band. Die wollte ich immer pur, unvernebelt, real erleben und so trank ich also niemals Alkohol (bis auf besagten Ausfall-Abend), wenn ich zu einem Konzert dieser Band fuhr.  Ich hatte auf diesen Konzerten auch gar keine Zeit, mir um Getränke Gedanken zu machen. Ich war (und bin) so fasziniert von dieser Band, dass ich sofort in ihren Bann gezogen wurde. Die Energie, die ich aus diesen stets besonderen Konzertabenden zog, konnte ich lange aber nicht auf alle anderen Konzerte übertragen. Schnell war ich wieder auf meinem altbekannten Weg: Ich ging schon vor offiziellem Konzertbeginn in die jeweilige Location, „glühte vor“ und unterhielt mich mit den Menschen um mich herum. Alleine das „Vorglühen“ reichte dann meist, sodass ich mich an viele Konzerte, die ich in meinem Leben besucht habe, wenn überhaupt nur noch minimal erinnern kann. Nun sollte sich das also ändern. Und ich war gespannt, was mich erwartete. So ging ich also im Spätsommer 2020 auf mein erstes Konzert nach meinem bewussten Entschluss für ein nüchternes Leben. Zudem war es auch noch das erste Konzert nach dem coronabedingten Lockdown – und obendrein spielte auch noch die Band meiner besten Freundin. 


Alles anders als sonst


Alles war anders als sonst: meine Daten wurden aufgenommen, ich trug eine Maske und saß an einem Tisch, an dem ich bedient wurde – das Setting hätte für ein Punkrock-Konzert nicht ungewöhnlicher sein können, und doch erschien mir diese neue äußere Situation für meine innere Situation perfekt. Ich bestellte ein alkoholfreies Hefeweizen, das mir an diesem über 30 Grad heißen Tag besonders gut schmeckte (und das mir auch einen gewissen Halt gab, denn man konnte ja nicht sehen, ob ich Alkohol trinke oder nicht). Ich hatte sehr nette Gespräche und sah Menschen wieder, die ich seit dem Lockdown nicht mehr getroffen hatte. Normalerweise wäre dieser Umstand das perfekte Argument für einen ordentlichen Vollsuff gewesen. Es hätte gefühlt 1000 Gründe gegeben, um mit den anderen anzustoßen und das lang ersehnte Wiedersehen mit Alkohol zu begießen. Vor allem an diesem sehr heißen und schwülen Tag wäre ich innerhalb weniger Stunden komplett betrunken gewesen. Ich war regelrecht erleichtert, dass mir dieses „Schicksal“ diesmal erspart bleiben würde. Nicht erspart blieb mir zum Glück ein wunderbares Konzert, das ich sehr genießen konnte. Ich merkte, dass die Energie dieser Musik sich auch wunderbar ohne Alkohol auf mich übertragen konnte – wenn ich es denn zulasse. Rückblickend kann ich sagen, dass die Energie sich sogar viel besser übertrug, da ich alles viel bewusster erleben konnte. Es bereitete mir eine unglaubliche Freude, als Besucherin Teil dieses besonderen Tages und dieses besonderen Konzertes zu sein. Voller Freude fühlte ich mich in meiner Entscheidung bestätigt und bestärkt.

photo credits: Aranxa Esteve // unsplash


Je später der Abend, desto voller die Leute


Im Verlauf des Abends fielen mir natürlich auch die Leute auf, die (vermutlich) wegen des heißen Wetters und der großen Wiedersehensfreude in Rekordzeit diverse Kaltgetränke in sich hineingeschüttet hatten. Die Wirkung blieb nicht aus. Doch ich konnte trotzdem (oder gerade deshalb?) ganz bei mir bleiben und mein Erfolgserlebnis genießen. Ich realisierte, dass das Trinken von Alkohol in keinem Setting zwingend erforderlich für mich ist, damit ich dazugehöre oder mich besser fühle. Auf die nächsten Konzerte freue ich mich jetzt umso mehr.

Photo credits Titelbild: Christopher Brown// unsplash

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