Wenn Nüchternheit Nähe schafft

Dies ist ein Gastbeitrag von Tessa Loniki

Ich hatte eine Erkenntnis. Eine Erkenntnis, die Zeit brauchte. Zum einen brauchte es die Zeit, um nüchtern zu werden, dazu zu stehen und sich daran zu gewöhnen. Mit der Nüchternheit gehen viele weitere Prozesse einher. Die plötzliche Klarheit zwingt uns förmlich dazu, uns weiterzuentwickeln, in der Lebens- und Persönlichkeitsentwicklung. Und mit diesen hochtrabenden Worten meine ich nicht Perfektion oder das Streben nach höher, weiter, schneller. Auch keine Selbstoptimierung, wie es die Gesellschaft so oft von uns verlangt. Damit meine ich wirklich die ganz eigene Entwicklung zu mehr Bewusstsein, mehr Verbundenheit zu mir selbst und zu meiner Umwelt. 

Verbundenheit, was ist das? Meine ganz persönliche Erkenntnis ist, dass Alkohol und Verbundenheit eng miteinander zusammenhängen, denn Alkohol trennt uns von uns selbst und von unserem Umfeld. Und mit Umfeld meine ich alle Verbindungen, die wir eingehen: partnerschaftlich, freundschaftlich, familiär, beruflich. Aber auch die Bindung zur Umwelt, Natur und unserer Umgebung.

Ich nenne es auch gerne Bindungsangst, oder „Vertrauensangst“ (Ich muss alles alleine schaffen, darf keiner anderen Person vertrauen, darf niemanden um Hilfe bitten.). Es ist die Angst davor, mir selbst und anderen zu vertrauen, um ein leichtes und glückliches Leben zu führen. Ich arbeite im Gesundheitsbereich und habe vor Kurzem mit meinem liebenswürdigen und sehr erfahrenen Kollegen*innen ein Video geschaut, indem ein Mediziner belegt, dass gesunde Bindungen heilen kann. Ein weiteres Buch über Körpertherapie und Trauma bestätigt ebenfalls, dass gesunde Bindungen Traumata heilen können, ohne groß Traumatherapie machen zu müssen. Trauma bedeutet letztendlich nicht mehr, als Verletzung. Diese Verletzungen können größer oder kleiner sein. Jede*r von uns hat Traumata, Verletzungen, die wir mit Alkohol ertränken, um sie nicht spüren zu müssen.

photo credits: Averie Woodard // unsplash

Aber wie können wir gesunde Bindungen eingehen? Sind wir gesund verbunden? Was bedeutet es, gesund verbunden zu sein? Das darf sich jede*r Einzelne erst einmal selbst fragen.

Und wie kommt da nun der Alkohol und das nüchterne Leben ins Spiel? Nüchtern leben sorgt eigentlich ganz automatisch für mehr Bewusstheit, Klarheit und Achtsamkeit. Wir lernen, mehr auf uns, unseren Körper und unsere Bedürfnisse zu hören, welches wiederum wichtiger Punkt in Bezug auf Bindungen ist. Ich kann nur gesunde Beziehungen führen, wenn ich zu mir selbst eine gesunde Bindung pflege. Das bedeutet, jeden Tag achtsam zu sein und mir folgende Fragen zu stellen: Wie geht es mir gerade? Was brauche ich gerade? 

Das funktioniert für mich sehr gut, indem ich jeden Tag nach dem Aufstehen in mein Tagebuch schreibe, und mir jeden Abend die Zeit nehme, um Yoga zu praktizieren. Mir selbst etwas zu gönnen, anstatt immer nur zu geben und dabei eine Verbindung zu meinem Körper aufbauen. Ins Spüren zurückkehren, um zu erfahren was ich brauche und wie es mir eigentlich geht. Wir rasen so oft einfach nur schnell durch den Alltag, ohne eigentlich zu merken, was in uns eigentlich los ist. 

Ein alkoholreiches Leben bedeutet Betäubung und Abtrennung zu mir, zu meinem Umfeld und zu meinem Inneren. Der Alkohol ist sehr zerstörerisch und sorgt dafür, dass wir weniger bei uns sind. Das hat zur Folge, dass wir uns selbst und andere verletzen. Alkohol (volltrunkene Party-Abende) und Bindungsangst sorgen für jede Menge Drama in unserem Leben. Kennt ihr das? Nach einer durchzechten Nacht die beste Freundin anrufen und stundenlang über das Leid klagen? „Er hat schon wieder nicht angerufen! Warum schreibt der nicht? Und warum passiert mir das immer wieder?“ Letzte Nacht (betrunken wohlgemerkt!) war doch noch alles gut. Die Gedanken kreisen, wir grübeln, sind gedanklich nur bei dem anderen, anstatt uns um uns selbst zu kümmern. 

Durch Selbsterfüllung und indem ich meine Kreativität lebe, mich um mich selbst sorge, nähre ich die gesunde Nähe zu mir selbst und zu meinem Umfeld. 

„Ja, warum passiert mir das schon wieder, dass ich immer wieder diese Typen treffe, die sich zurückziehen, mich ghosten, ignorieren, oder verletzen …?“ 

Um in so einem Fall bei mir selbst zu bleiben, ohne andere zu beschuldigen, kann ich mich fragen, was ich selbst dafür getan habe immer wieder ähnliche Situationen in mein Leben zu ziehen. Warum begleitet mich das Drama ständig? 

Meistens ist es nämlich so, dass wir Alkohol oder aber ungesunde Beziehungen dafür benutzen, um unsere Leere in uns zu füllen. Wir erwarten von einer Substanz oder auch einer anderen Person, dass sie uns zufrieden stellen. Um aber eine gesunde Beziehung zu mir selbst oder einem anderen Menschen aufbauen zu können, müssen wir die Leere in uns erst einmal selbst füllen. Und wenn uns das gelingt, entscheiden wir uns unbewusst ganz automatisch für gesunde Beziehungen in unserem Leben.

Ich hatte viele dieser Dramen! In allen Lebensbereichen, in allen Beziehungen, bis ich irgendwann keinen Bock mehr darauf hatte und mir gesagt habe, dass nun genug damit ist und habe mich bewusst dazu entschieden, eine Zeit lang nur mit mir zu sein. Ich wollte endlich zu mir selbst finden! Die Beziehung zu mir selbst aufbauen, pflegen, bevor ich mich wieder in Beziehungen im Außen stürze. 

photo credits: Carles Rabada // unsplash

Unsere Kindheit und das kollektive Kriegstrauma, welches noch vom zweiten Weltkrieg in uns steckt, sorgt für Bindungsangst, Verletzungen und Drama und schlussendlich auch für unseren ungesunden Konsum jeglicher Art. Unsere Gesellschaft erzieht uns zu Leistung, zu Konkurrenz, zu Wettbewerb untereinander, was das absolute Gegenteil von Verbundenheit und Gemeinschaft ist. Dies wiederum sorgt dafür, dass so viele Menschen in unserer Gesellschaft ausgebrannt und erschöpft sind. Gebeutelt – jeden Tag. Immer wieder. Dagegen können wir etwas tun – mit mehr Nüchternheit, Achtsamkeit, Verbundenheit. 

Ich beginne jetzt nicht mit den spirituellen Ausschweifungen, dass wir alle Eins sind und so – obwohl wir das tatsächlich sind. Wir hindern uns jedoch selbst daran, wenn wir nicht wissen wie wir unsere Bedürfnisse und somit auch gesunde Grenzen für uns erkennen. Grenzen setzen in Bezug auf Menschen und Dingen in unserem Leben, die uns nicht guttun. Das ist jedoch ein wichtiger Schritt, um uns von den ganzen Dramen um uns herum schrittweise freizuschaufeln. Es ist anstrengend, weil es auch mit vielen Verlusten und Trennungen einhergeht. Aber hierbei geht es schließlich um Dingen und Menschen, die uns nicht mehr guttun. 

Ich habe den Prozess größtenteils durch und merke, wieviel leichter das Leben wird, denn ich habe gelernt zu vertrauen. Vertrauen in den Prozess des Lebens, Vertrauen in mich selbst und Vertrauen in andere Menschen. Ich bin keine Kämpferin mehr und es gibt auch keine Dramen mehr in meinem Leben. Plötzlich flutscht alles und tatsächlich auch noch in allen Lebensbereichen, in allen Arten von Bindungen, die ich in meinem Leben so führen. Und das wünsche ich allen! Ich wünsche allen mehr Bewusstsein, mehr Gesundheit, mehr gesunde Beziehungen, mehr Gemeinschaft und weniger kämpfen, weniger konkurrieren, weniger Machtkämpfe. Mehr Frieden. Tatsächlich mehr Frieden. Also legt los, findet euch selbst, damit wir alle eine friedlichere Welt schaffen können. 

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