Nicht schon wieder! – vom scheitern an den eigenen vorsätzen

Dies ist ein Gastbeitrag von Nadine

Es ist der 18. Juli 2020, ich wache mit stechenden Kopfschmerzen, Magenkrämpfen und Übelkeit auf. Ich habe einen schrecklichen Kater, der mir meine letzte Lebensenergie raubt. Ich fühle mich komplett zerstört. „Nicht schon wieder!“ denke ich, nachdem ich meine Gedanken sortiert habe. Es sollte doch diesmal alles anders laufen. Nur 1-2 Cocktails und dann wieder nach Hause, ab aufs Sofa.

Ich habe mich nachmittags mit Freunden zu einem Cocktail getroffen. Meine Freunde wollten die Arbeitswoche gemütlich mit einem Getränk ausklingen lassen und ich wollte die letzten Tage meines Urlaubs genießen. Daher habe ich mir fest vorgenommen nur die besagten 1-2 Cocktails zu trinken. Da ich die letzten Urlaubstage nicht verkatert im Bett verbringen wollte, habe ich mir bewusst ein Limit gesetzt. Sollte doch nicht so schwer sein nur wenig zu trinken. Ich wollte mir unbedingt beweisen, dass ich es kann. Denn insgeheim beschlich mich schon länger das Gefühl, ein Problem mit Alkohol zu haben.

photo credits: unsplash

Ich trank nicht jeden Tag. Es gab auch Wochen an denen ich nichts getrunken habe. Manchmal habe ich auch einen Monat ohne Alkohol durchgehalten. Aber wenn ich trank, fand ich selten ein Ende. Alkoholbedingte Vergiftungserscheinungen wie bspw. Zittern, Übelkeit, Erbrechen oder Kopfschmerzen waren in den letzten Monaten, wenn nicht sogar Jahren, vorprogrammiert, wenn ich mich mit Freunden zum Trinken verabredete. 

Die Intervalle zwischen den alkoholbedingten Abstürzen wurden immer kürzer, das Verlangen nach Alkohol in alltäglichen Situationen immer stärker. In den letzten Monaten vor meinem Entschluss nüchtern zu leben, wurde der Alkohol zu einem fast täglichen Begleiter.

Vom ersten bis zum letzten Schluck

Meinen ersten richtigen Vollrausch mit allem was dazu gehört hatte ich mit 14 Jahren zu meiner Jugendweihe. Nach ein paar moderaten Jahren bin ich 2003 nach Hannover gezogen, um Jura zu studieren. Diese Zeit war neben Vorlesungen verbunden mit Partys und Kneipenbesuchen. Nach dem Studium gehörten gelegentliche Feierabend-Biere und das Bier zum Einläuten des Wochenendes zu meinen Ritualen.

Die Jahre vergingen und mein Alkoholkonsum veränderte sich schleichend. Nach und nach schlich sich der Kontrollverlust ein.  Ich verlor die Fähigkeit mit dem Trinken aufhören zu können und habe mich fast immer in einen Vollrausch getrunken.

In diesem Stadium war ich weder in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen, noch mich verständlich zu artikulieren oder geradeaus zu gehen. Die Tatsache, dass ich mir in diesem Zustand nie eine ernsthafte Verletzung zugezogen habe, ist ex post betrachtet ein echtes Wunder.

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So ist es also – jedenfalls für mich – nicht verwunderlich, dass mein Plan nur 1-2 Cocktails zu trinken, mächtig nach hinten losging. Denn aus 2 Cocktails wurden 3 Cocktails, wurden 4 Cocktails, wurden 5 Cocktails und diverse Schnäpse. So verliefen in der letzten Zeit leider häufiger meine Abende.

Kreislauf der ewigen Beschissenheit

Der Alkohol hatte Stück für Stück die Kontrolle über mein Leben übernommen. Er hat sich wie ein Parasit in meinem Gehirn eingenistet und das Steuer in die Hand genommen. Trotz großer Veränderungen und dem Gefühl nun ein Leben nach meinen Wünschen zu führen, wurde ich zunehmend unzufriedener. Ich fühlte mich schlapp und müde. Ich hatte zwar große Träume, aber den Antrieb verloren an der Verwirklichung dieser Träume zu arbeiten. Es ist nicht so, dass ich keine Pläne gemacht habe wie ich meine Träume verwirklichen kann (darin war ich echt gut), ich hatte nur nie die Kraft diese Pläne umzusetzen. 

Ich wollte mich journalistisch weiterbilden, habe mich bei einem Fernstudium eingeschrieben und Monat für Monat verstreichen lassen ohne mein Studienziel auch nur ansatzweise zu erreichen. Nach einem Jahr habe ich sogar meine Arbeitszeit auf 90 Prozent reduziert. An der Erreichung meiner Studienziele hat dies jedoch wenig geändert. 

Ich wollte einem guten Freund bei seiner Radiosendung mit Beiträgen unterstützen, konnte mich am Ende aber nicht mehr dazu aufraffen. Mir war es sogar unmöglich interessante Menschen oder Organisationen nach Interviews zu fragen. Mich überforderte schon alleine die Formulierung einer E-Mail.

Angetrieben von meinen Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen habe ich Aufgaben angenommen auf die ich wenig Lust hatte, nur um mir zu beweisen, dass ich etwas wert bin, etwas leisten und erreichen kann. Ihr könnt euch vorstellen wie die Geschichte ausgegangen ist.

Am Ende lebte ich in einem Kreislauf der ewigen Beschissenheit, in dem ich den Sinn des Lebens in Frage gestellt habe. Wer war ich eigentlich? Warum kann ich tief im Herzen nicht glücklich und zufrieden sein? Warum scheint das Leben anderer so einfach zu sein und meines nicht? Warum bekommen andere alles hin und ich scheitere an den kleinen Dingen im Leben? Warum bin ich eigentlich auf dieser Welt? Was soll ich mit diesem Leben anfangen, wenn ich am Ende doch nur sterben werde?

Erschreckende Gedanken nicht wahr? Dies musste ich an dem Wochenende vor 85 Tagen auch für mich realisieren. Fest stand, ich musste etwas ändern. Da ich mich Ende 2018 nach der Lektüre des Buches „Nüchtern“ von Daniel Schreiber intensiv mit dem Thema Alkohol und Abhängigkeit befasst habe, wusste ich bereits, dass mein Alkoholkonsum problematisch war. Ich wusste wie Alkohol auf meinen Körper und meine Psyche wirkt.

Ich habe in der Vergangenheit öfters versucht nüchtern bzw. mit wenig Alkohol zu leben. Diese Versuche sind gescheitert. Aber diesmal fühlte es sich anderes an. Ich habe keine Lust mehr auf das ewig schlechte Gewissen an den Tagen nach meinen Abstürzen. Ich will nicht mehr meine Wochenenden vergeuden und verkatert auf dem Sofa verbringen. Ich will mich endlich fit und gesund fühlen.

photo credits: Kate Darmody // unsplash

Aufbruchsstimmung

Die Wirkungen meines Alkoholkonsums passten einfach nicht mehr zu meinem Leben. Ich war in Aufbruchsstimmung. In den letzten 2 Jahren hat sich mein Leben grundlegend verändert. Ich habe einen neuen Job in der Unternehmenskommunikation angefangen, der mir unglaublich viel Spaß macht. Anfang 2019 hatte ich mein Coming Out. Ich bin fest dazu entschlossen mein Leben nun nach meinen Wünschen und Träumen zu leben. Der Alkohol stand dem jedoch wie eine meterhohe Mauer im Weg. Es führte kein Weg daran vorbei, ich musste die Substanz aus meinem Leben entfernen, die mich auf ein Minimum meines Selbsts beschränkte.

Sicherlich, mein Leben ist lange nicht perfekt. Oft ich bin verunsichert, hadere mit mir selbst und bin zum Teil ängstlich. 

Ich hätte nicht gedacht, dass meine sexuelle Orientierung einen so starken Einfluss auf mein Selbstbildnis hat. Früher dachte ich, ich sei tough und nichts wirft mich so schnell aus der Bahn. Mein Coming Out war emotional sehr anstrengend für mich. Es hat lange gedauert, mein neues Leben für mich zu begreifen und zu akzeptieren. Der Prozess ist lange noch nicht abgeschlossen. Lange Zeit konnte ich nur im betrunkenen Zustand über meine Gefühle reden und bin dann – vor allem am Ende – förmlich aus mir herausgeplatzt. Teilweise überwältigen mich meine Gefühle und ich versuche sie im Keim zu ersticken, aus Angst vor einem Craving, dem ich nicht standhalten kann. In letzter Zeit frage ich mich oft, ob mein jetziges Leben nicht einfach langweilig ist. Früher, mit Alkohol, war doch mehr Lametta – oder? Wenn ich an Bars und Kneipen vorbeilaufe, überkommt mich manchmal ein Gefühl tiefer Traurigkeit. Ich frage mich, ob ich mich auch in Zukunft ohne Alkohol so vergnügt und entspannt mit meinen Freunden treffen kann. In den letzten zwei Wochen scheint mein Gehirn einen besonderen Gefallen daran gefunden zu haben, mich mit kruden Argumenten zu malträtieren.  „Stell dich doch nicht so an!“, „Du hast kein Problem mit Alkohol. Du trinkst ja nicht mal jeden Tag und morgens schon gar nicht. Außer vielleicht mal im Urlaub. Aber hey, das ist schließlich Urlaub. Also kein Grund zur Sorge.“ oder „Verdammte Hacke! Heul doch nicht so rum! Du bist heute wieder unerträglich. Hol dir endlich ein Bier oder besser gleich zwei.“ An diesen Tagen habe ich mit meinen inneren Dämonen zu kämpfen. Schaffe ich ein Leben ohne Alkohol? In manchen Situationen sehne ich mich nach dem kurzen Augenblick, wenn sich nach dem ersten Schluck im Körper dieses erleichternde, wohlwollende und wärmende Gefühl einstellt. 

Dennoch weiß ich eins ganz sicher. Ich bin auf dem richtigen Weg. Ein Leben mit Alkohol würde – und da bin ich zu 100% von überzeugt – in einer Katastrophe enden. Jetzt kann ich das Ruder rumreißen und ein besseres Leben führen. Ich kann lernen ich selbst zu sein.

Derzeit stehe ich am Beginn meines nüchternen Lebens. Wenn ich diese Zeilen schreibe ist es 88 Tage her, als ich meinen letzten Schluck Alkohol getrunken habe. Ehrlich gesagt, habe ich derzeit keinen blassen Schimmer davon wer ich bin und wo ich hin will. Ich blicke gespannt in die Zukunft. Zwar nervös, verunsichert und ängstlich. Was kommt da bloß auf mich zu? Aber ich habe auch unheimlich Lust darauf, mich und mein neues Leben zu entdecken.

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