100 tage 0hne alkohol

Dies ist ein Gastbeitrag von Nadine

100 Tage nüchtern! Ein Meilenstein in meiner Nüchternheits-Karriere. Seit 20 Jahren der längste Zeitraum ohne Alkohol. Am Morgen des 26.10. war ich so unfassbar stolz auf mich, wie es ein kleines Mädchen ist, dass gelernt hat eigenständig Fahrrad zu fahren. So freudig aufgeregt bin ich durch den Tag gehüpft. 

Corona entschleunigte die Gesellschaft und so auch mein Leben. Ich hatte das Gefühl, dass die Tage so an mir vorbei plätscherten. Wie ein kleiner Bach im Wald. Nicht reißend schnell wie ein Strom, sondern unaufgeregt, still und leise. So fühlte sich jeder Tag für sich nicht außergewöhnlich an. Ich hatte gute Zeiten, in denen ich viel gelacht habe. Ich hatte schlechte Zeiten, in denen ich an mir gezweifelt und mir nichts zugetraut habe. Eigentlich fühlte sich mein Leben wie immer an. Ich grübelte viel, aber auch das war für mich normal, da ich viel in meinem Kopf lebe. Rückblickend betrachtet hat sich in den letzten 100 Tagen jedoch so unglaublich viel in meinem Leben bewegt. Aus den letzten 100 Tagen ohne Alkohol habe ich für mich Folgendes mitgenommen:

Ich kann Entscheidungen treffen, die ich zuvor für unmöglich gehalten habe.

Ich habe mich für mich entschieden. Ich habe eine Entscheidung getroffen, von der ich nie gedacht hätte, dass ich sie jemals treffen könnte. Ich kann mich an den Anfang meiner vegetarischen Lebensweise erinnern. Damals habe ich noch gedacht, dass ich ganz gut auf Fleisch verzichten kann, aber den Verzicht auf Alkohol konnte ich mir nicht vorstellen. So ein Feierabend-Bier, ein Cocktail mit Freunden oder ein schönes Glas Wein zu einem guten Essen, das ist doch Lebensfreude. Ohne Alkohol, ohne mich! Und nun war er da, mein D-Day. 

Alkohol hatte mehr Einfluss auf mein Leben als ich mir zum Zeitpunkt des Trinkens vorstellen konnte.

Ich bin erstaunt darüber, welchen Einfluss Alkohol auf meine psychische und physische Gesundheit hatte. In Zeiten, in denen ich getrunken habe, habe ich diesen Einfluss nicht wahrgenommen. Sicherlich nach Tagen des exzessiven Alkoholtrinkens war ich geplagt von meinem schlechten Gewissen und alkoholbedingten Vergiftungserscheinungen wie bspw. Zittern, Übelkeit, Erbrechen oder Kopfschmerzen.

photo credits: Sarah Louise // unsplash

Aber das gesamte Ausmaß war für mich nicht sichtbar. Ich denke, dass es auch noch Monate dauern wird, bis ich begriffen und erkannt habe, welchen Einfluss Alkohol auf mein Leben wirklich hatte. Aber feststeht, dass Alkohol ein Katalysator für meine Antriebslosigkeit, depressiven Phasen, mein Minderwertigkeitsgefühl und das Gefühl einfach nichts hinzubekommen war.

Die Entscheidung „Kein Alkohol mehr“ wird mehr und mehr zur Normalität. Trigger verlieren ihre Macht.

In den ersten Tagen habe ich Podcasts und Hörbücher gehört, Insta-Profile durchstöbert und Blogs gelesen. Ich bin ehrlich, am Anfang war meine Hoffnung noch herauszufinden, dass ich eigentlich kein Problem habe. Aber je mehr Informationen ist gesammelt hatte, desto mehr kam ich zu der Erkenntnis, dass ich ein Problem habe. So wie andere Person habe auch ich meine Trigger und bin von Craving geplagt. Nicht selten geriet ich in Panik, insbesondere bei dem Gedanken „Nie wieder“. Es fühlte sich so an, als ob mir der Brustkorb zugeschnürt wurde und ich keine Luft mehr bekomme. Mein Herz raste und ein Gefühl der Ohnmacht überkam mich. Diese Situationen gab es bis zum Ende des zweiten Monats, danach ist es besser geworden. Bars, Kneipen oder das Weinregal im Supermarkt triggern mich selten. 

Treffen mit Freunden oder Familienfeiern bei denen Alkohol getrunken wird, bereiten mir weiterhin ein mulmiges Gefühl, sind aber für mich gut beherrschbar. Insgesamt fühle ich mich in meiner Entscheidung nüchtern zu leben relativ safe.

Aber es gibt auch Situationen, die eine besondere Herausforderung für mich sind. Situationen die von meinen inneren Glaubenssätzen geprägt sind und starke Gefühle der Scham, Angst oder Trauer in mir auslösen. Teilweise bin ich über mich selbst erstaunt, wie fest doch mein Wille ist keinen Alkohol zu trinken. Triggert mich eine Situation, sage ich innerlich sehr bestimmend zu mir „Du willst was trinken? Daraus wird nichts! Du wirst jetzt nichts alkoholisches Trinken!“. Diesen festen Willen hatte ich bei meinen vorherigen Versuchen auf Alkohol zu verzichten nie.

Hilfe in Anspruch zu nehmen ist keine Schwäche.

In der Vergangenheit habe ich meine Probleme immer mit mir selbst ausgemacht. Ich habe alles in mich hineingefressen und selten über Probleme gesprochen. Am Anfang meiner Nüchternheit habe ich nur mit einem Menschen über meinen Verdacht und mein Vorhaben ohne Alkohol zu leben gesprochen. Ich war noch nicht bereit, mein Problem laut auszusprechen. Ich haderte mit mir, war unsicher und stellte meinen Entschluss in Frage. Aber am Ende sprang ich über meinen Schatten und habe mir Hilfe bei einer Suchtberatungsstelle geholt. Später habe ich zudem den Entschluss gefasst eine Selbsthilfegruppe zu besuchen. Zwei der besten Entscheidungen die ich für mich je getroffen habe. Während der Beratung und den Treffen der SHG habe ich bereits einige sehr gute Impulse und Gedankenanstöße erhalten. Auch mit Freunden und der Familie über meine Probleme und meinen Wunsch nüchtern zu leben zu sprechen, bringt mich in meinem Denken weiter. 

photo credits: Giulia Bertelli // Unsplash

Ich bin nicht mehr so getrieben.

Neulich habe ich einen Persönlichkeitstest gemacht und habe festgestellt, dass ich eher ein introvertierter Mensch bin. Eigentlich wusste ich dies schon vorher, aber introvertiert ist halt nicht so cool wie extravertiert und daher wollte ich mir meine Präferenzen nie wirklich eingestehen. Ich war getrieben von der Vorstellung, dass mein Leben einfach besser sein musste. Ich war neidisch auf Freunde, die einen großen Freundeskreis haben, ständig unterwegs waren und in weitentfernte Länder reisten. Bei diesen Freunden scheint immer alles total super zu sein. Dabei will ich gar nicht so einen großen Freundeskreis haben. Ich will lieber wenige dafür aber richtige Freunde haben. Ein großer Freundeskreis würde mich, so glaube ich, auch wirklich überfordern. Ich liege abends gerne auf dem Sofa, lese oder schaue fern. Ein gemütlicher Abend mit Freunden ist mir 1000mal lieber als in Clubs abzuhängen. Und reisen … ja das tue ich immer noch gerne und bin weiterhin etwas neidisch. Aber hey, nobody is perfect!

Heute komme ich mehr und mehr zur Ruhe. Ich nehme immer öfters meine Bedürfnisse wahr und spüre was gut für mich ist. Früher hätte ich meine Bedürfnisse verdrängt, da sie nicht mit meiner Vorstellung eines glücklichen Lebens übereingestimmt haben. 

Ich habe mehr Antriebskraft und bin aktiver.

In der Vergangenheit fühlte ich mich oft müde, ausgelaugt und schlapp. Keine Wunder, war doch mein Körper öfters mit Entgiften beschäftigt. Sobald ich mich wieder einigermaßen gut fühlte, kippt ich noch ein der zwei Bier hinterher. Und so hatte mein Körper weiterhin mit der Entgiftung zu tun. Wirklich Ruhe habe ich meinem Körper in dieser Hinsicht nicht gegönnt.

So verbrachte ich Wochenenden und Feierabende oft auf dem Sofa oder im Bett. Statt die Sonne zu genießen oder schöne Ausflüge zu machen, habe ich Netflix rauf und runter geschaut. Heute lese ich viel, gehe viel spazieren, mache Ausflüge und schaffe Dinge, die ich mir vorgenommen habe. Besonders gern bin ich in der Natur unterwegs. Vor allem am Wochenende genieße ich es früh morgens draußen zu sein. Die Verlassenheit und Ruhe am Maschsee oder in der Eilenriede ist samstags oder sonntags morgens um 7:30 Uhr einfach himmlisch.

Die Stimmen im Kopf haben keinen Einfluss auf meine Entscheidungen.

Wie Holly Whitaker so schön sagt, never question the decision. Schön und gut habe ich mir die ersten 60 Tage gedacht, aber wie soll das bitte gehen, wenn einem ständig eine Stimme einreden will, dass man eigentlich kein Problem hat und ruhig Alkohol trinken kann. Andere trinken doch schließlich auch so viel. Ständig habe ich mich mit anderen verglichen. Wenn in einem Artikel stand „Ich habe schon morgens getrunken“ erschien die Stimme und sagte mir „Siehst du, du hast nicht morgens betrunken. Also hast du auch kein Problem. Los wir gehen ein Bier trinken!“. Haben mir andere von ihren Klinikerfahrungen berichtet, höre ich die Stimme frohlocken „Was für ein Glück, du bist weit entfernt von einem Klinikaufenthalt und das kann nur bedeuten, dass du kein Problem mit Alkohol hast. Darauf sollten wir einen trinken. In der Nähe ist ein Supermarkt, da können wir einen Sekt zum Anstoßen kaufen“. Zu allem Überfluss führte mir die Stimme auch sämtliche fehlgeschlagen Versuche auf Alkohol zu verzichten vor Augen. Diese waren geprägt von Anstrengung, Verlangen, Ausreden und am Ende von einem Rückfall. Begleitet wurde das Ganze von einem gehässigen „Probiere es erst gar nicht, du wirst es eh wieder nicht schaffen“. 

Mittlerweile bin ich bei Tag 117 angelangt und kann der Stimme mit vollem Stolz an den Kopf werfen „Siehst du Bitch, ich habe durchgehalten. Also halt endlich deine Klappe!“. Bin gespannt wie lange sie ruhig bleibt. Sie ist aber ein echtes Biest und wird es wahrscheinlich weiterhin versuchen. Ich habe aber gelernt, dass ich ihr nicht vertrauen kann/muss und eine andere bessere Entscheidung treffen kann.

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