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Mein Dezember: Mentale Arbeit statt Glühwein

Dies ist ein Gastbeitrag von Nadine

Dezember. Kaum ein Monat hat mir in den vergangenen Jahren so viele Möglichkeiten geboten Alkohol zu trinken, wie der Dezember. Weihnachtsfeiern, Weihnachtsmarktbesuche mit Freunden und Kolleg*innen, Weihnachten und Silvester. Zudem haben auch noch einige meiner besten Freunde Geburtstag. Auf die Liste der Trinkanlässe kommen daher noch ein paar Geburtsfeiern obendrauf. Legitimiertes Trinken Deluxe und Katergarantie.  Zumindest in der Vergangenheit. Dieses Jahr sollte jedoch anders werden, zum Glück. Am 18.12. ist es nun 5 Monate her, seit ich den letzten Schluck Alkohol getrunken haben. Und so sollte auch die Adventszeit eine Zeit ohne Alkohol werden.

Sollten Weihnachtsfeiern, Weihnachtsmarktbesuche oder Geburtstagsferien dieses Jahr überhaupt stattfinden, so habe ich mir geschworen, eher einen Zuckerschock durch den übermäßigen Verzehr von heißer Schokolade mit Sahne zu bekommen, als eine Alkoholvergiftung durch literweisen Glühwein. Insgesamt frage ich mich, wie ich in den letzten Jahren so viel Glühwein trinken konnte? So richtig geil geschmeckt hat der zusammengepanschte Glühwein aus den 10L Tetrapacks eigentlich nie.

Aufgrund meiner Erfahrungen der vergangenen Jahre blickte ich jedoch etwas verunsichert auf den Dezember. So war es im Dezember 2018 als ich nach Monaten der Abstinenz wieder Alkohol getrunken habe, weil ich der Versuchung nicht mehr widerstehen konnte. Dieses Jahr plagte mich jedoch kein Suchtdruck. Ich denke, dies liegt insgesamt an den folgenden drei Gegebenheiten.

1. Corona hat den Feiern und Weihnachtsmarktbesuchen einen Strich durch die Rechnung gemacht.  Dies kam mir sehr entgegen. Insgesamt fühle ich mich in meiner Entscheidung nüchtern zu leben relativ safe. Wenn ich an frühere Trinkabende denke, läuft es mir eiskalt der Rücken herunter. Der Gedanke an Shots und Spirituosen bereitet mir Übelkeit. Ich weiß 100%ig, dass ich ein Leben geprägt von besinnungslosem Trinken und verkaterten nächsten Morgen nicht mehr führen will.  Aber so richtig sicher bin ich mir nicht, ob ich die Weihnachtsmarktbesuche so gut überstanden hätte, wenn mir ständig Menschen ihre Glühweinbecher unter die Nase gehalten hätten. Wäre die Versuchung eventuell doch zu groß gewesen? Sicherlich, ich hätte mich in einer solchen Situation, in der ich nicht zu 100% sicher bin, ob ich nicht doch Alkohol trinken werde, dazu entschließen können meine Verabredung abzusagen. Aber welche Gefühlskette hätte dies in Gang setzen können? Hätte ich mich dann ausgeschlossen gefühlt? Hätte ich mich allein und einsam gefühlt? Wäre ich dann nicht doch zum Weihnachtsmarkt gegangen, um diesen Gefühlen entgehen zu können? Zum Glück musste ich mich mit diesen Fragen dieses Jahr nicht auseinandersetzen. Darüber bin ich sehr dankbar.

2.  Ich habe angefangen mich mit meinen Glaubensätzen und Schutzstrategien auseinander zu setzen. Damit habe ich eigentlich Ende Oktober angefangen, aber meine Bemühungen haben sich im Dezember potenziert. Zuvor habe ich viel gelesen und Podcasts zum Thema inneres Kind gehört. 

photo credits: Hannah Gullixon // unsplash

Ich wollte verstehen, was mich ausmacht, wie ich handle, warum ich bestimmte Dinge denke und tue und wie ich mich von diesem ganzen unbewussten Prozess lösen kann. Am Ende hatte ich so viele Informationen gesammelt, dass ich das Gefühl hatte mein Kopf explodiert gleich. Zudem konnte ich alle Infos rational nachvollziehen, aber die Verbindung zu meinen Gefühlen fehlte. Ich habe alles verstanden, aber gefühlt habe ich wenig. Und so entschloss ich mich Ende November dazu das Sobriety Mentoring bei Katharina und Vlada zu buchen. Anfang Dezember ging es dann los. Es folgten – bislang – 4 intensive Wochen. Eine Zeit, für die ich sehr dankbar bin. Eine Zeit voller verborgener Erinnerungen, Gedanken, Erkenntnisse und Gefühle. Eine Zeit, die mich teilweise an meine mentalen Grenzen gebracht hat und mir die eine oder andere schlaflose Nacht bescherte. Trotz des mentalen Stresses und der Herausforderung hatte ich nie das Bedürfnis zu trinken und habe auch diesbezüglich keine Trigger erlebt. Für jemanden der gerne bis zum Vollrausch getrunken hat, um seine Emotionen nicht mehr wahrnehmen zu müssen, ein großer Fortschritt. Aber tief in meinem Herzen habe ich gefühlt, dass ich diesen Weg nur nüchtern gehen kann. Jeder Tropfen Alkohol hätte mich auf meinem Weg behindert und zurückgeworfen. Sicherlich an manchen Tagen habe ich mir einen „Pause“-Knopf gewünscht. Einfach mal einen Tag ausschalten und morgen wieder frisch starten. Aber so einfach ist das Leben leider nun mal nicht und so musste ich durch meine Gefühle durch. Eine Sache habe ich dadurch auch gelernt, selbst wenn sich negative Gefühle über mich legen, wie die Nacht über den Tag, am nächsten Tag scheint die Sonne wieder und wenn es nicht der nächste Tag ist, dann der Tag darauf oder der Tag in einer Woche. Irgendwann geht die Sonne wieder auf.

3. Ich war vorbereitet. Insbesondere auf Weihnachten habe ich mich besonders vorbereitet. Sowohl mental als auch mit viel alkoholfreiem Punsch. Ich war Weihnachten in der Heimat, im Harz, bei meinen Eltern. Da meine Eltern getrennt sind, habe ich bei meiner Mutter und ihrem Partner übernachtet. Heiligabend habe ich meinen Vater getroffen. Ich wusste das meine Eltern und deren neue Partner Alkohol trinken würden. Um auch für mich etwas weihnachtlich, festliches zum Trinken zu haben, wenn andere Wein trinken, habe ich mir eine leckere alkoholfreie Alternative besorgt.

Da passte Fruchtpunsch für mich am besten und so bin ich mit 5 Litern Punsch am 23.12. in die Heimat gereist. Ich habe zu jedem Treffen eine Flasche Punsch mitgenommen, egal ob ich ihn nun trinken sollte oder nicht, sicher ist schließlich sicher.

Zudem war mir bewusst, dass Weihnachten mit der Familie nicht immer wie in Hollywood abläuft. Ein Spruch, eine Bemerkung oder ein komischer Blick und schon kann aus einem harmonischen Beieinandersitzen ein heftiger Streit samt gegenseitiger Vorwürfe werden. 

photo credits: Georgia de Lotz // unsplash

Hier haben mir das Mentoring und meine Auseinandersetzungen mit meinem inneren Kind weitergeholfen. Schließlich sind auch meine Eltern geprägt durch ihre Eltern. Ihre Erziehung durch meine Großeltern wirkt sich unbewusst auf ihre Reaktionen aus. Mit dieser Erkenntnis konnte ich in einigen Situationen gelassen reagieren, in denen ich früher – zumindest innerlich – ausgerastet wäre.

Insgesamt verlief Weihnachten dieses Jahr doch sehr harmonisch und Ich habe die Zeit wirklich genossen und zwar ganz ohne Stress oder Streit, was mich wirklich sehr gefreut hat.

Und nun sitze ich hier am 31.12. und frage mich, was mir das nächste Jahr bringt. Zwei Ziele habe ich mir gesetzt. Zum einen möchte ich am 18.07.2021 meine 1-jährige Nüchternheit feiern und zum anderen möchte ich mich in Gelassenheit üben. Ich neige dazu immer zu viel sofort zu wollen. Ich bin in mancher Hinsicht unglaublich ungeduldig.

photo credits: Sandra I Sarang // unsplash

Ich neige dazu meinen Tag viel zu voll zu packen. Dabei übersehe ich oft, dass auch mein Tag nur 24 Stunde hat, von denen ich eigentlich 8 Stunden arbeiten und 7 Stunden schlafe sollte. Ich plane und plane. Ich will dies und das und auch jenes erledigen. Am Ende schaffe ich im besten Fall nur die Hälfte, bin frustriert und denke, dass ich nichts auf die Reihe bekomme. Ich will mich nichts mehr so unter Druck setzten, meinen Tag nicht mehr vollpacken und mich in Gelassenheit üben, wenn ich an einem Tag auch mal Garnichts schaffe. Zudem möchte ich den Mut aufbringen, mir selbst zu vertrauen und nicht daran zu zweifeln, dass ich meine Ziele erreiche werde. Selbst wenn ich von meinem Wochenplan abweiche und nur Serien schaue.

Ich hoffe, ihr seid alle gut ins neue Jahr gerutscht und hattet einen wundervollen Start in das Jahr 2021.  Welche Vorsätze habt ihr euch für 2021 gefasst?

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