Hallo ich, du bist schön!

Dies ist ein Gastbeitrag von Felicitas

Ich stehe vor dem Spiegel und sehe mich im Spiegelbild. Ich erkenne mich nicht. Ich kann keine Verbindung herstellen zwischen der Person, die ich dort sehe, und mir selbst. Es ist, als würde ich von außen auf jemanden blicken, der „ich“ sein soll, doch mit dieser Person kann ich mich einfach nicht identifizieren. Ich fühle sie nicht. Ich fühle mich nicht. Mein Blick ist kalt, leer, stumm. Und ich komme nicht darum, das hier, diesen Moment, unfassbar traurig zu finden und mich selbst zu bedauern. 

Nein zu sagen zu Alkohol hat mich stärker gemacht

Diese Momente kamen häufig vor, irgendwann so häufig, dass ich das Gefühl hatte, öfter neben mir zu stehen als mich als mich selbst zu fühlen, empfinden zu können. Eine Schwere hielt mich am Boden, und versperrte mir den Weg an die frische Luft nach oben. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass alles gleich besser wurde, als ich aufgehört habe zu trinken. Es hat viele Monate gebraucht, bis ich mich wieder mit mir identifizieren konnte, einen Zugang zu mir hatte und mich nicht nur akzeptiert, sondern mich und einige meiner Eigenschaften wirklich schätzen gelernt habe. Mir wieder vertrauen und mich auf mich verlassen konnte, längerfristige Ziele angehen konnte und positive Kraft geschöpft habe. Nun das Gefühl habe, ich bin wertvoll. Es macht einen Unterschied, ob ich hier bin oder nicht. Manchmal kommen sie noch, die depressiven Verstimmungen und die Tage, an denen ich mich und die Menschen und die Welt nicht ausstehen kann, mich in negativen Gedankenzyklen verliere, oder das Gefühl habe, wahnsinnig zu werden vor Bedauerungs-Szenarien der Vergangenheit und vor Selbstzweifeln und Ängsten an die Zukunft. Doch insgesamt geht es mir wegen meiner Abstinenz nun so viel besser: Ich bin ausgeglichener (und hätte nie gedacht, dass das überhaupt möglich ist), gehe Probleme mit mir und anderen direkt an, prokrastiniere weniger, habe insgesamt einen klaren Kopf und die Kraft, gute Entscheidungen für mich und meine Mitmenschen zu treffen. Mich um mich zu kümmern, mir selbst gut zuzureden, mich in mir sicher zu fühlen. Mir Auszeiten zu gönnen, mich nicht mehr fertigzumachen wenn etwas nicht so gelingt wie erwartet. Nein zu sagen zu Alkohol hat mich stärker gemacht. Es fällt mir nun auch leichter, ein „Nein“ in anderen Kontexten, zum Beispiel sexuellen Kontexten, überhaupt zu empfinden, mich und meine Bedürfnisse ernstzunehmen, um sie zu artikulieren und für sie einzutreten. Nicht mehr trinken hilft mir generell, bei einer Entscheidung zu bleiben und nicht mehr ständig hin- und herzuschwanken.  

Stimmungsschwankungen

Vor einigen Jahren, ich war ungefähr 16 Jahre alt, habe ich eine Therapie begonnen. Nach einigen Monaten hat mich meine Therapeutin, die ich sehr geschätzt habe, als bipolar (manisch-depressiv) diagnostiziert. Und das stimmte zu dem Zeitpunkt: Mal gab es Phasen, in denen ich von nichts und niemandem aufzuhalten war, gefolgt von Phasen, in denen ich nur so schwamm in meinem Selbsthass und an mich gerichtete Aggressionen. Das ging einige Jahre so. Erst vor kurzem kam mir ein Gedanke: Viele dieser Jahre (14 – 21 Jahre), verbrachte ich damit, mich regelmäßig zu betrinken. Das Weinregal meines Vaters war so voll, dass er nicht mitbekam, dass ich jede Woche zu Treffen mit Freundinnen einige Flaschen mitnahm. Der Alkohol hat mich berauscht, mich euphorisiert, mich enthemmt – Alles, was man sich als sich selbst-hassende, unsichere 16-Jährige wünscht. Ein vermeintlicher Weg, in eine Parallelwelt einzutauchen, in der ich mich noch weniger fühlen konnte. Doch längerfristig hat der Alkohol meine Depressionen verstärkt, meine Stimmungsschwankungen um das Vielfache verschlimmert, und mich zu einer insgesamt eher inkohärenten, gespaltenen, zynischen und zutiefst unglücklichen Person gemacht. Und – da bin ich mir heute sicher – eine Diagnose hervorgerufen, die zwar zu dem Zeitpunkt weitgehend der Realität entsprach, doch heute einfach nicht mehr zutreffend ist. Denn ich kann heute sagen: Ich habe meine (diagnostizierte) Bipolarität durch meine Alkohol-Abstinenz in den Griff bekommen, oder: Ich war nie wirklich bipolar, es war der Alkohol, der zu dieser Fehldiagnose geführt hat. Oder: Ich habe eine funktionierende Selbstmedikation mit Alkohol versucht, jahrelang, immer wieder – vergebens. 

photo credits: Adrian Swancar // unsplash

Fest steht „Wer viel trinkt, läuft Gefahr, depressiv zu werden. Und wer depressiv ist und vom Alkohol die Finger lässt, hat bessere Chancen, die ernste Krankheit wieder loszuwerden. Manchmal versuchen Depressive ihre Stimmung mit Alkohol zu verbessern, was ihre Symptome mittel- und langfristig aber in der Regel verschlimmert.“ (Quelle: https://www.kenn-dein-limit.info/a-z-lexikon/depression.html). 

Alkoholkonsumstörung verdoppelt das Risiko, an schweren Depressionen zu erkranken

Erfreulich ist, dass sich die Wissenschaft seit einigen Jahren zunehmend dem Thema widmet: In einer Studie zur kausalen Beziehung zwischen Alkohol und Depressionen aus dem Jahr 2011 zeigt sich, dass eine Alkoholkonsumstörung (auf Englisch: AUD für Alcohol Use Disorder) das Risiko verdoppelt, an schweren Depressionen (auf Englisch: MD für Major Depression) zu erkranken – und dass Depressionen auf der anderen Seite das Risiko verdoppelt, eine Alkoholkonsumstörung zu entwickeln (vgl. Boden & Fergusson, 2011). Untersucht wurden zahlreiche Studien aus den 1980er bis 2011. Die Autoren schreiben: „Epidemiological data suggest that […] the disorders appear to be linked in a causal manner. Further evidence suggests that the most plausible causal association between AUD and MD is one in which AUD increases the risk of MD, rather than vice versa.“ Dass ein erhöhter Alkoholkonsum zu einer schweren Depression führe, sei demnach die plausibelste kausale Verbindung, die die Wissenschaftler gefunden haben. 

Zu den möglichen Mechanismen, die diesen kausalen Zusammenhängen zugrunde liegen, gehören neurophysiologische und metabolische Veränderungen, die aus der Einwirkung von Alkohol resultieren:


  1. Das Ausgesetztsein gegenüber Ethanol im Körper führt zu einer Verringerung der Produktion von MTHFR (Methylentetrahydrofolat-Reduktase), einem Enzym, das mit dem Folatstoffwechsel zusammenhängt. Reduzierte Folatspiegel wurden wiederum mit einem erhöhten Risiko für MD in Verbindung gebracht, was auf einen möglichen kausalen Zusammenhang zwischen AUD und MD über eine reduzierte MTHFR-Produktion hindeutet.
  2. Zudem zitieren die Autoren eine Studie, bei der herausgefunden wurde, dass Personen mit einem bestimmten Genotyp, der mit dem Tagesrhythmus eines Individuums zusammenhängt, ein höheres Risiko für das gleichzeitige Auftreten von AUD und MD haben. Die Autoren argumentierten, dass Alkoholkonsum den Tagesrhythmus und Stoffwechselprozesse bei Personen mit diesem speziellen Genotyp so hingehend verändert, dass der Konsum zu einem erhöhten Risiko für eine MD führt.

Die Autoren der Studie schließen damit, dass es weiterer Forschung bedürfe, die die Mechanismen des Zusammenhangs, und auch die geschlechtsspezifischen Unterschiede bei der kausalen Beziehung zwischen AUD und MD untersuche (In dieser Studie wurden vor allem Männer untersucht). Weitere Forschung sei zudem notwendig, um effektive Interventions- und Behandlungsansätze zu entwickeln (vgl. Boden & Fergusson, 2011).

photo credits: Vince Fleming // unsplash

Ich für meinen Teil bin froh, heute in den Spiegel blicken – und mir sagen zu können: Hallo Ich, du bist schön. Ich werde liebevoll mit dir umgehen und mich um dich kümmern. Darauf kannst du dich verlassen. 


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