Gastbeitrag nüchtern betrachtet Sober Diary Sobriety

Veränderung

Dies ist ein Gastbeitrag von Nadine

„Alles im Leben unterliegt dem ständigen Wandel. Wenn Du dabei aber tief in dir ruhst, dann bist du frei.“

– PATRICIA THIELEMANN, SPIRIT YOGA-LEHRERIN

Diesen Satz habe ich neulich während meiner Yogapraxis im Shavasana (Tiefenentspannung am Ende einer Yogapraxis) gehört und er hat mich tief berührt und sehr nachdenklich gemacht. Er ist die Essenz von dem, was ich in den letzten Wochen im me|sober.-Mentoring gelernt habe. Wenn ich tief in mir ruhe, dann bin ich bei mir. Wenn ich bei mir bin, dann lasse ich mich nicht mehr von äußeren Faktoren beeinflussen und ablenken. Wenn ich mich nicht beeinflussen und ablenken lasse, kann ich mich und meine Gefühle spüren. Wenn ich meine Gefühle wahrnehme und mich nicht ablenken lasse, kann ich herausfinden, was mir das Gefühl sagen will. Wenn ich weiß was mir ein Gefühl sagen will, kann ich daraus meine Bedürfnisse ableiten. Wenn ich mein Bedürfnis kenne, kann ich dieses äußern oder mich anderwärtig für mein Bedürfnis einsetzen. Daraus ziehe ich Kraft und Selbstvertrauen. Ich nehme mich wahr und werde von anderen wahrgenommen. Ich nehme mir den Freiraum und bin frei. Frei im Denken. Frei im Fühlen. Frei im Entscheiden. Frei im Sein. 

Soweit so gut, wenn da nicht das Problem wäre, dass ich natürlich in meinem Leben durch verschiedene Situationen und Menschen in meinem Handeln und Denken geprägt worden bin. Und so tue ich mich mit Veränderungen auch schwer.  Wobei, wenn man sich das Universum und Leben anschaut, Veränderung eigentlich nichts Besonderes ist.

photo credits: Katelin Corgnati // unsplash

Das Leben ist geprägt von Veränderung. Schon vor unserer Geburt wandeln wir uns von einer befruchteten Eizelle zum Embryo zum Fötus und werden als Mensch geboren. Wir wachsen heran, lernen neue Dinge kennen, bilden uns eine Meinung und verändern diese wieder. Keine einzige Zelle unseres Körpers ist dem Stillstand ausgesetzt. Eigentlich müsste doch dann Veränderung etwas so Natürliches sein, dass es uns nicht schwerfällt? Aber leider gestaltet sich das Leben nicht ganz so leicht oder wie es der amerikanischer Schriftsteller Mark Twain passen formulierte „Man kann die Welt oder sich selbst ändern. Das Zweite ist schwieriger.“ Die menschliche Psyche steht Veränderungen in vielen Fällen eher kritisch gegenüber. Viel zu verlockend ist es, die große Showbühne der Gedanken zu nutzen und die kreativsten und wildesten Szenen aufzuführen, nur um am Ende zu dem Ergebnis zu kommen, dass eine Veränderung ja nun wirklich nicht nötig ist. So schlecht läuft es doch nun auch nicht, oder? Lieber nichts verändern, da weiß man doch wenigstens, was man hat?!

Kann diese Annahme überhaupt richtig sein? Ich persönlich habe keine Glaskugel und kann nicht in die Zukunft schauen. Also warum an etwas festhalten, was einem eigentlich nicht guttut und an dessen Bestehen ohnehin keine Sicherheit besteht? Veränderung ist schwer. Veränderung bedeutet für mich, den Mut aufzubringen und meine eigene Komfortzone zu verlassen, meine Wünsche und Träume zu verfolgen, selbst wenn mir mein Gehirn ständig entgegenbrüllt, dass ich nicht gut genug bin und sowieso scheitern werde. Mir all meine negativen Glaubenssätze wie ein Orkan um die Ohren wehen.

Früher habe ich mich betäubt, um negative Gedanken und Gefühle mundtot zu machen. Ein krasses Beispiel dafür war mein Coming Out vor mittlerweile 2 Jahren. Mit 35 Jahren habe ich endlich zu meinen Gefühlen gestanden und mein Leben auf den Kopf gestellt.  Anfangs hatte ich ein Gefühl der Befreiung und des Glücks, da mein Geheimnis nun gelüftet war. Aber nach kurzer Zeit kamen Ängste und Sorgen auf. Was wird auf mich zu kommen? Wie reagieren meine Familie und meine Freunde? Wie wird sich mein neues Leben anfühlen? Werde ich Anfeindungen und Diskriminierung erfahren? Werde ich glücklich oder unglücklich sein? Ein großes Thema war für mich auch Einsamkeit. Ich hatte große Angst alleine in eine eigene Wohnung zu ziehen, dass ich in meiner Wohnung alleine hocke, niemand mit mir Kontakt hat und ich einfach nur einsam bin. Hinzu kommt, dass ich mir eingeredet habe, dass ich mir die Veränderung selbst ausgesucht habe und ich ja nun glücklich sein müsste. All die Ängste und Sorgen die in mir aufkamen hatten keinen Platz. Ich war doch schließlich Out and Proud. 

photo credits: Sincerely Media // unsplash

Was habe ich getan, um mich der Angst vor dem Alleinsein sowie all den anderen Ängsten und Sorgen zu entledigen? Ich habe getrunken. Immer wenn negative Gedanken und Gefühle aufkamen, habe ich mich mit Alkohol betäubt, so lange bis ich nichts mehr gefühlt haben. So ging es immer weiter und weiter. Jedes Mal aufs Neue bei negativen Gedanken und Gefühlen. So habe ich mir die Chance genommen, mich meinen Sorgen und Ängsten zu stellen. Ich habe nicht an meinen Problemen gearbeitet und konnte so nicht wachsen. Ich wollte glücklich und frei sein, doch mit der Zeit wurde ich immer kleiner und war gefangen. Das Leben hat sich für mich zu der Zeit wie ein Traum angefühlt. Surreal und nicht echt, als ob ich in einer Daily Soap mitspiele, aber nicht wirklich dieses Leben lebe.

Heute befinde ich mich auch in einem Prozess der Veränderung. Ich will herausfinden, wer ich bin. Ich will zu mir selbst finden und erfahren, was mein Zweck der Existenz ist. Manchmal fühlt sich das Leben auch heute surreal an. Dieser Prozess ist schwer, vor allem da ich meinen Gefühlen und negativen Glaubenssätzen irgendwie ausgeliefert bin. Ich betäube meinen Körper nicht mehr mit Gift. Das bedeutet, meine Gefühle sind da und wollen gefühlt werden. Sicherlich gibt es auch andere Formen der Flucht und ich erwische mich ab und an dabei, wie ich versuche meine Gefühle zu verdrängen. Schnell mal ein Buch gegriffen oder einen Film bzw. eine Serie angeschaltet, Ablenkung gibt es genug. Aber ich für meinen Teil habe die Erfahrung gemacht, dass meine Gefühle selbst bei einem 18 Stunden Serienmarathon immer wieder an meine Tür klopfen. Ganz verdrängen funktioniert nicht, wenn ich bei vollem Bewusstsein bin. Ich bin froh mittlerweile einen kleinen Werkzeugkoffer erstellt zu haben, mit Dingen, die mich auf meinem Veränderungsprozess unterstützen. Dazu gehören Yoga, Meditation, positive Affirmationen zum Start in den Tag für mehr Selbstliebe und Selbstbewusstsein sowie das Journaling, also das Aufschreiben von meinen Gefühlen und den Gedanken die mir im Kopf rumschwirren.

Neulich ist mir aufgefallen, dass ich immer nach vorne schaue. Ich schaue nur auf die Dinge, die ich noch erreichen will, habe dabei die Dinge, die ich schon erreicht habe aus den Augen verloren. Ich habe mir daher ganz bewusst die Zeit genommen, um auch mal nach hinten zu schauen. Ich konnte sehen, dass ich schon so viel erreicht habe. Früher habe ich oft aufgegeben, wenn mir das Leben zu schwer wurde. Heute kann ich sehen, dass ich nicht aufgebe und mich weiter bewege auf meinem Weg der Veränderung. Ich gehe Schritt für Schritt, auch wenn ich langsam gehe und doppelt so lange brauche, als ich geplant habe.

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