Kommentare 1

Hey Leben, ich bin gewappnet!

Dies ist ein Gastbeitrag von Felicitas

Es ist gar nicht so, als wäre jetzt alles besser. Doch alles scheint nun schaffbar, überwindbar, durchstehbar; ich fühle mich in der Lage, mit allem was kommt umgehen zu können, egal, was es ist, wie hart es mich vermeintlich treffen könnte.

Ich sitze in einem Waschsalon in Brüssel. Man hört das Schleudern der Maschinen, so fühlt sich gerade also Alltag an. Ich bin erst vor kurzem hier hergezogen, doch es war ein Traum von mir am EU Parlament ein Praktikum zu bekommen, welchen ich seit mehr als 2 Jahren verfolgt habe. Wenn ich jemanden erkläre, wie ich das gemacht habe, wähle ich folgendes Bild: Stell dir vor, ich halte meinen Finger an deine Schulter. Ich übe sanft Druck aus, und lasse nicht mehr los. Ich lasse einfach nicht mehr ab von meinem Traum, und arbeite täglich in die Richtung, nach dem Motto: Working towards something you value. Das muss nicht krass sein, es kann bedeuten, dass ich die Definition eines Wortes nachschaue, oder einer Person schreibe und sie frage, wie sie in die Politik gekommen ist, und warum es sie interessiert; oder es kann heißen, einen politischen Podcast zu hören, während ich durch die Stadt spaziere, an einem Sonntag ohne Kater. An einem Samstag ohne Kater. An einem Freitag ohne Kater. You get me. Es bedeutet, konsequent an einer Sache dranzubleiben. Sie nicht hinzuwerfen. Sie wirklich durchzuziehen. Und jede investierte Minute lohnt sich.

Diese katerfreien Stunden, Tage, Wochen und nun schon Monate machen mich zu dem Menschen, der ich heute bin. Ich habe in der Zeit viel (mehr als davor) an mir gearbeitet, ich bin ehrlicher zu mir, und versuche immer noch, herauszufinden, was meine wirklichen Bedürfnisse sind – und mit Sorgfalt und Fürsorge auf sie und mich zu reagieren. Auf mich zu achten, Grenzen zu ziehen, Nein zu sagen (– und das öfter als es zunächst angenehm ist). Mir Zeit für mich und meine Entwicklung zu nehmen. Mich auf meiner Prioritätenliste auf Platz eins zu setzen. Diese Arbeit hört nicht auf. Doch hätte ich mir keine alkoholfreie Zeit genommen, die eben nicht nur 10 Tage nicht trinken bedeutet, sondern konsequent monatelang ‚Nein‘ sagen, dann wäre ich wirklich nicht hier in Brüssel, in diesem Waschsalon, fürs Europäische Parlament arbeitend. Und das, obwohl ich nicht einmal Politik oder Internationale Beziehungen studiert habe, und alle meinten, das passe doch gar nicht, das gehe doch gar nicht, das sei unmöglich, bla bla bla.

photo credits: Katrina Wright // unsplash

Es geht!!
Mit einem nüchternen und dadurch klaren Verstand. Mit einem Willen, den ich nicht selbst nach einer Woche durch Alkoholkonsum wieder sabotiere. Mit einer physischen Kraft, regelmäßig Yoga und Meditation, und einem wirklich guten Schlaf, endlich wieder träumen. Ich möchte in 10 Punkten die Vorzüge erläutern, die das konsequente Nichttrinken mir in den letzten Wochen und Monaten gebracht hat, und damit Mut machen, dranzubleiben:


1. Ich fühle intensiv. Ich betäube mich nicht. Wenn ich Flucht suche, muss ich mich mit mir selbst und dem tatsächlichen Problem konfrontieren, muss nach Lösungsansätzen suchen. Das ist anstrengend, und hört nicht auf, anstrengend zu sein. Doch es lohnt sich. Denn:

2. Somit renne ich nicht mehr vor Problemen weg, sondern gehe sie aktiv an. Das spiegelt sich vor allem in den neuen Freundschaften wider, für die ich mich entscheide. Und darin, dass ich vielen FreundInnen Tschüss gesagt habe. Früher oder später wäre das wohl auch so gekommen, wenn ich weiter getrunken hätte. Doch das Nichttrinken hat diesen Prozess beschleunigt, und ganz ehrlich: Ich find’s richtig gut. Manchmal heißt das, dass ich die Entscheidung übernehme, eine Beziehung (sei sie romantisch, freundschaftlich, oder innerhalb der Familie) zu beenden, oder viel „loser“ anzugehen. Doch einmal entschieden und durchgesetzt, ist es eine Befreiung. Sich von Freundschaften, die nicht mehr funktionieren, oder in die man einfach – aus welchen Gründen auch immer – nicht mehr Kraft investieren möchte, zu lösen, ist eine Befreiung. (Ich hätte es auch nicht geglaubt, zuvor habe ich an jeder einzelnen Freundschaft geklammert als würde mein Leben davon abhängen, wenn die Person sich jemals „gegen mich“ entscheiden würde.). Natürlich muss man hier aufpassen, sich nicht als die Person zu fühlen, die immer alle Entscheidungen treffen muss. Doch das tue ich nicht: Ich bin durch das Nichttrinken eine Beobachterin geworden, die manchmal einfach nur still zuschaut und analysiert. Wenn eine Person sich zunehmend weniger meldet, und ich nichts dagegen unternehmen möchte, reagiere ich eigentlich nur auf sie und auf mich – und lasse es sein. Das tut beiden gut.

3. Ich hasse mich nicht mehr. Ich lege weniger selbst-destruktives Verhalten an den Tag. Dadurch, dass ich mich nicht mehr hasse, wähle ich ganz andere Beziehungen und ziehe andere Personen an. Wenn ich mich schlecht von jemandem behandelt fühle, und das über einen längeren Zeitraum oder sehr intensiv, gehe ich. So kommt es, dass die Menschen, mit denen ich nun meine Zeit verbringe, einfach viel cooler und selbstbewusster bzw. selbstreflektierter sind als meine vorherigen FreundInnen. Viele darunter sind nüchtern.

4. Ich kann besser abwägen, und mir meine Energie einteilen. Wenn ich in Situationen gerate, in denen ich am liebsten ausrasten würde (das kommt immer noch ab und zu vor, ich kann es aber besser kontrollieren), frage ich mich: Lohnt sich das gerade? Lohnt es sich, dem Verkäufer zu erklären (oder ihn anzuschreien), dass die in seinem Laden gekaufte Teekanne wirklich undicht ist, dass er mir einfach glauben soll? Oder ist es besser, einmal tief Luft zu holen, ihm das Problem so genau wie möglich zu schildern, und ihn direkt aufzufordern, mir die Kanne auszutauschen?

photo credits: Edu Lauton // unsplash

5. Ich habe es oben schon angesprochen, doch weil es so wichtig ist: Ich kann endlich in Ruhe und mit mehr Geduld und Durchhaltevermögen längerfristige Ziele angehen und erreichen, bzw. komme überhaupt darauf, was genau ich will! Das ist so zentral, und bildet nun das Fundament meines breiten Handlungsspielraumes, dessen ich mir endlich bewusst bin. 

6. Ich habe viel mehr Zeit. Beziehungsweise, ich verbringe sie anders. Nicht mehr damit, mir Gedanken über das Trinken zu machen, es zu planen, Angst davor und vor dem Danach zu haben, und mich anschließend tagelang wieder vom Alkohol erholen zu müssen. Geist und Körper. Ich muss meine Zeit nicht mehr damit zubringen, gegen starke aufkommende Stimmungsschwankungen und depressive Verstimmungen anzukämpfen, die jedes Mal nach dem Trinken bei mir eintreten – auch wenn es nur 1 Glas war. Ich muss das einfach nicht mehr.

7. Es ist egal, in welcher Menge, Alkohol macht mich depressiv und gibt mir das Gefühl, dass ich selbst keinen Zugang zu mir habe. (Falls es dich interessiert: Über die Verbindung von Alkohol und Depressionen habe ich schon in diesem Artikel geschrieben.) Ich bin so froh, das nicht mehr ertragen zu müssen, und nicht mehr gefangen zu sein in dem Stadium, sich ständig wieder aufbauen zu müssen, alles zu tun, um sich endlich wieder gut zu fühlen, um sich schlussendlich einige Tage später wieder abzuschießen und das ganze Prozedere von vorne zu beginnen. Es war so ermüdend. Die Kraft, die ich nun habe, kann ich mir für meine Prioritäten aufheben und einteilen. Ich kann selbstbestimmt handeln, und das fühlt sich wahnsinnig gut an.

8. Dadurch, dass ich nun bessere Entscheidungen treffe, öfter „Stopp“ und „Nein“ und „Nicht mit mir!“ sage (und dementsprechend handle), kann ich erst eine bessere Freundin, Partnerin, Tochter und nun auch Praktikantin sein. Die Menschen um mich herum können sich auf mich verlassen, man kann mit mir rechnen. Wenn ich sage, ich übernehme etwas (und habe diese Entscheidung nüchtern durchdacht), dann halte ich das auch ein. Und ich vertage nicht mehr alles; zuvor war Prokrastination an der Tagesordnung. 

9. Indem ich also aktiv Grenzen setze, mich an Absprachen (erinnere und) halte, meine persönlichen Struggles insgesamt schneller angehe (und mir erlaube, sie zu empfinden!) und nicht ewig alles vertage, insgesamt weniger aggressiv und gereizt bin, wurde ich im Großen und Ganzen ein besserer Mensch. Das klingt vielleicht übertrieben, doch wenn man überlegt, wie viele Jahre man eine aufgeschlossenere, vertrauenswürdigere, selbstbewusstere und stärkere Person ist und wird, wenn man nicht mehr trinkt, kann das glaube ich für die gesamte Gesellschaft einen verdammt großen Unterschied machen. Kurzum: Mein Nichttrinken ist eine Bereicherung für diese Gesellschaft, in der alles so sehr um Alkohol kreist. Eigentlich perfide.

10. Mein letzter Punkt ist folgender, und hiermit schließt sich der Kreis zu dem, was ich eingangs erwähnt habe: Es ist nicht einfach. Es wird zwar über die Zeit leichter, doch dieses Leben hat Höhen und Tiefen. Und das macht es aus. Ich weiß, dass es noch viel gibt, an dem ich arbeiten kann, und will; und ich habe nun das Vertrauen in mich, dass ich dies schaffen kann. Dadurch, dass ich nun erst einmal bemerke, wie ich mich fühle, und dann versuche zu verstehen, woran dies liegen könnte, den möglichen Zusammenhängen auf die Spur komme; kann ich längerfristig auf meine Stimmungen, meine Entscheidungen und mein Handeln einwirken. 

Und ich kann jetzt sagen: „Hey Leben, komm her, ich bin gewappnet, und ich freue mich riesig auf all die schwierigen und schönen Momente mit dir!“.

Photo credits Titelbild: veeterzy// unsplash

1 Kommentar

Schreibe eine Antwort