nüchtern betrachtet Sober Dating Sobriety

Der toxische Ex, den ich nie hatte

Über Alkohol statt Beziehung(en) …

Ich bin Spätzünderin. Sagt man das so? Na ja, damals in den 1990ern vielleicht noch. Du weißt aber, was ich meine, oder? Meinen ersten “richtigen” Kuss bekam ich mit 19. Da waren es schon nicht mehr die 90er, gebe ich zu, aber während denen hatte ich eh andere Probleme: eine tote Mutter, eine traumatisierte bis traumatisierende Patchworkfamilie, ein nicht vorhandenes Selbstwertgefühl und die ein oder andere Essstörung. Insgesamt alles ganz schön zum Kotzen.

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Und dann kam Alkohol. Nennen wir ihn A.
Also, A. war natürlich immer irgendwie präsent, schon seit ich denken kann und in dieser unserer Gesellschaft im Allgemeinen und in meiner Familie im Besonderen aufgewachsen bin. Papas Weinkeller war allzeit gut gefüllt – und das nicht etwa, weil keiner sich regelmäßig daraus bedient hätte. Kein “Wie geht es Dir?”, sondern vor allem erstmal “Rot oder weiß, und aus welchem Land?” war die brennende Frage; nicht nur, wenn Besuch kam. Wenigstens in der Hinsicht war immer genug da. Wenn schon keine familientraditionelle Taktik, um mit den unerwünscht lästigen Gefühlen umzugehen, dann wenigstens ausreichend flüssige Bewältigungsstrategie, um jeden Keim von Emotion lieber schnell ungesehen hinunter zu spülen.

So habe ich die betäubende Wirkung von Alkohol irgendwann – vielleicht nicht gerade mit der Muttermilch, denn meine Mutter war schließlich die selbst ernannte Öko- und Gesundheitsqueen ihrer Tage – aber doch von Anfang an unterbewusst aufgesogen. Spätestens seit ich mit drei Jahren “helfen spielen” und Papas leere Bierflaschen vom Abendbrottisch wegräumen durfte, dann auch mehr oder weniger bewusst. Das leichte Unwohlsein gegenüber dem schalen Biergeruch habe ich damals schon aus Gründen von “Ich darf nicht anecken, bloß keinen Ärger machen, mir nichts anmerken lassen, immer schön die elterlichen Erwartungen erfüllen, damit mich endlich mal jemand bemerkt.” schnellstens herunterzuschlucken gelernt.

Vielleicht habe ich deshalb auch nie Bier getrunken. Immerhin. Nur hatten die damals üblichen Einstiegsalternativen aka Alkopops für mein pubertär anorektisches Gewissen einfach viel zu viele unkontrollierbare Kalorien. Was aber ja auch kein Problem war, denn ich hatte eh keine coolen Freunde, die mit mir getrunken hätten … und als dem dann wundersamerweise doch irgendwann so werden sollte, musste halt eine kreative Lösung her.
Zu meinem 18ten Geburtstag, hatte ich mir überlegt, würde ich endlich eine richtig erwachsene Cocktailparty schmeißen. Außerdem gab es da ja noch diesen Hannes (Name geändert), den ich irgendwie gut fand und beeindrucken wollte. Mindestens zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, war halt schon immer mein Ding.

Blöd nur, dass ich mangels Alternativen ausgerechnet meine jüngere Schwester zum Partymaterial-Großeinkauf mitschleppte. Aber gut, machen wir uns nichts vor, ich sah auch mit gerade noch 17 nie aus wie die übliche, durchgestylte Möchtegern-Erwachsene um die Jahrtausendwende. Jedenfalls ließ man mich an der Kasse – ja, auch einen Tag vor dem 18ten! – meine zwei Flaschen Bacardi sonstwas und den billigsten Vodka wieder zurücktragen, den ich für meine ausgeklügelten Cocktail-Rezepturen gebraucht hätte. Die Genugtuung kannst Du Dir vorstellen, als ich am nächsten Tag erneut im Supermarkt auftauchte. Nur dass da kein Mensch mehr an meinem gefühlt über Nacht upgegradeten Ausweisdokument interessiert war.
Wenn ich im Nachhinein so darüber nachdenke, kann es gut sein, dass (harten) Alkohol zu kaufen damals schon zu einer Art rebellischer Akt für mich wurde. Die von daheim gelernte, immer gleich langweilige Wein- und Bierroutine konnte es jedenfalls echt nicht sein.

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Die Geburtstagsparty war ein voller Erfolg, für alle außer mich selbst. Nach zwei Stunden in Gesellschaft war ich bereits komplett überreizt und wäre viel lieber nach Hause und in mein Bett verschwunden. Dabei wusste ich zwei Dinge noch nicht: erstens, dass das einfach viel eher meinem natürlichen Rhythmus und Bedürfnis entsprochen hätte. Und zweitens, dass immer mehr zu trinken mir später in solchen Überforderungssituationen den sozialkompatiblen Arsch retten sollte. Besagter Hannes war auch nicht aus der Reserve zu locken, zumindest nicht von mir, und so belohnte ich mich nach überstandener Geselligkeit mit meiner privaten Aufräumparty und der hochprozentigen Resteverwertung der wohlweislich zuckerreduzierten Fruchtsäfte. Mein erster Abend mit A.

Im Rückblick kann echt nicht viel drin gewesen sein in diesen Cocktails, denn ich erinnere mich noch genau, wie ich am nächsten Mittag statt mit einem wohlverdienten Kater viel eher mit einem Gefühl von erstem Verliebtsein aufwachte. Und zwar nicht wegen des ursprünglich anvisierten Hannes, sondern weil ich es geschafft hatte. Was auch immer “es” so genau sein sollte. Erwachsen zu werden vielleicht. Ich wusste irgendwie, ich hatte eine Grenze überschritten, und ich hatte nebenbei noch eine spitzen Methode gefunden, mit Enttäuschung und Überforderung umzugehen. Wieder die zwei Fliegen mit derselben Klappe.

Diese Zusammenhänge werden mir gerade beim Schreiben erst so richtig klar. Ich schreibe diesen Artikel tatsächlich am Tag vor meinem 36. Geburtstag – womit das Thema Alkohol nun schon mein halbes Leben solch eine permanente Rolle gespielt hat. Wenn auch die letzten drei Jahre eine abwesende … herzlichen Glückwunsch!
(Fun Fact am Rande: Als ich am nächsten Tag abends meinen Anrufbeantworter abhöre (der aus Gründen benannter permanent präsenter sozialer Überforderung mittlerweile standardmäßig rangeht), höre ich meinen Vater original sagen: “Wir feiern hier gerade deinen Geburtstag und wissen nicht, ob wir Rotwein oder Weißwein auf dein Wohl trinken sollen. Klär uns doch mal auf!” Kein Witz. Ich lasse die meinerseits nur mühsam impulskontrollierte Ironie des perfekten Timings mal unkommentiert so stehen.)

Aber heute will ich ja weniger über meine Familien- als über meine selbst gewählten (oder auch nicht) Beziehungen schreiben. Gibt es nicht so einen Spruch, der behauptet, dass die fünf Personen, mit denen man die meiste Zeit verbringt, einen Menschen im Wesentlichen prägen? Für mich war A. tatsächlich schon immer eine eigene Persönlichkeit. Der Freund, den ich mir im wahren Leben insgeheim gewünscht hätte. Der Partner, mit dem ich einfach ich selbst sein durfte, ohne mich verstellen zu müssen. Die Stimme, die mir sagte, es würde schon alles gut werden, sobald wir beide alleine waren.

Mein damals gefühlter Vergleich von erstem Rausch mit Verliebtheit ist auch tatsächlich biologisch/chemisch begründbar: In beiden Fällen schüttet so ein handelsüblicher Körper eine ordentliche Ladung Dopamin aus, lässt sich schön die Sinne vernebeln und fühlt sich erstmal großartig an. Nur die Entzugserscheinungen sind halt so und so scheiße. Dabei ist es schon egal, ob wir bereits erfahrener Süchtling / seit zehn Jahren glücklich verheiratet sind, oder uns erst ganz am Anfang unserer Liebesbeziehung (zu der Droge / zu dem coolen Typen da hinten) befinden: Dopamin-Abbau ist nun mal verdammt unbequem, und unbequem soll unbedingt vermieden werden. Deshalb sucht der Teil unseres Gehirns, der für die steinzeitlichen Reflexe von Schmerzvermeidung und Belohnungsstreben verantwortlich ist, auch sofort nach dem nächsten Kick, um aus der unangenehmen Nummer wieder rauskommen. Gleich weiter zu trinken half da auf jeden Fall; mir einen hübschen Boyfriend angelacht zu haben, hätte es vermutlich auch getan.
Hätte, hätte, Fahrradkette.

Mit A. hatte ich den perfekten Lebensgefährten gefunden. Seit ich ihn nach unserem ersten Abend mit nach Hause genommen hatte, war A. einfach immer für mich da. Ganz ohne die Nebenwirkungen der üblichen Menschlichkeit, wie zum Beispiel sozial kompatibel sein zu müssen. Ich stellte außerdem schnell fest, dass A. mit mir – und nur mit mir allein! – sprechen konnte. Die angefangenen Flaschen da im ursprünglichen Partyreste-Klappkorb redeten so lange auf mich ein, bis ich mich ihrer allabendlich und alleine in meinem Zimmer erbarmte. Dass die übrig gebliebenen Salzstangen nebendran nie auf die Idee gekommen wären, mich vollzulabern, hätte mich bereits stutzig machen können. Aber da spielte dem Suchtpotential wohl auch bereits mein trotziges “Wenn ihr da draußen wüsstet, was ich hier eigentlich treibe!” in die Karten.

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Statt weiter nach den Hannessen dieser Welt Ausschau zu halten, geschweige denn mich ernsthaft mit der Möglichkeit einer gesunden Beziehung zu mir selbst oder sonstwem auseinanderzusetzen, verkroch ich mich lieber immer weiter von der Welt. Bis dahin hatte ich in meinem Leben schließlich auch schon ausreichend Beweise gesammelt, dass ich offensichtlich zum Dazugehören nie gut genug sein würde. Also konnten die mich alle mal.
Ich wusste, dass A. in meiner Einsamkeit zuverlässig auf mich warten würde, wenn ich es nur schaffte, meine “Geheimwaffe” vor den anderen da draußen geheim zu halten. Damit auch ja niemand auf die Idee kam, sie mir wegzunehmen. Deshalb musste ich logischerweise auch die leisen Stimmen überhören, die mir schon gute 15 Jahre vor meinem entgültigen Nüchternwerden verzweifelt mitzuteilen versuchten, dass da irgendwas nicht richtig läuft. Zum Beispiel, als mich die Aussicht auf ein Wochenende unterwegs, von dem ich nur wusste, dass dort kein offizieller Alkoholkonsum geplant war, hektisch meine erste zwischen Wäschestücken versteckte Flasche in den Rucksack packen ließ.

Später würde ich von meinem (mittlerweile-)Mann gleich zu Beginn unserer Beziehung lernen, dass solche Warnsignale zu ignorieren bereits ein Zeichen von massiver Abhängigkeit ist. Ich weiß noch, wie er mir erzählte, wie schlimm es für ihn gewesen wäre, sich selbst mal bei dem Impuls zu erwischen, alleine trinken zu wollen. Für mich dagegen war das alleine-Trinken der normalste Feierabend-Modus und seine Vorbehalte bedeuteten in der Konsequenz lediglich, dass ich diese meine hochprozentige Affäre ab sofort dann wohl vor ihm würde verheimlichen müssen … bis er irgendwann die angebrochene Vodkaflasche hinter dem Essig&Öl im Küchenschrank entdeckte.
Meine locker-flockig impulsive Erklärungsausrede “Och, das sind nur die Reste von der letzten Party.” machte damals in meinem suchtgetriebenen Gehirn einen merkwürdigen Sinn.

Man hätte denken können, damit schlösse sich ein Kreis. Man hätte denken können, mit einem echten Mann an meiner Seite (der mich nebenbei liebte und ich ihn) würde ich meinen alten Freund A. nicht mehr brauchen. Falsch gedacht. Wenn ich ehrlich bin, habe ich nie auch nur annähernd ernsthaft darüber nachgedacht, ob ich nicht erstmal mit dem einen Schluss machen sollte, bevor ich bereit bin für eine neue Beziehung. A. war einfach immer da. Wie ein Teil von mir, mein Zufluchtsort … Ich mache dann die sentimentalen Erinnerungen, die – ja, auch nach fast drei Jahren Nüchternheit! – immer noch manchmal hier vorbeischauen, lieber schnell wieder aus. Aber so ist das vielleicht einfach mit Ex-Beziehungen. Wobei, ich hab keine Ahnung, ich hab nur die eine. A. ist mittlerweile mein toxischer Ex, den ich “im wahren Leben” nie hatte. Denn die Beziehung zu einer süchtig machenden Flüssigkeit hat komplett gar nichts mit dem zu tun, was ich mittlerweile unter einem echten und authentischen Leben verstehe.
Das heißt auch nicht, dass es sonst keine Toxizität in meinem Leben gegeben hätte (siehe oben), aber A. war meine einzig ernst zu nehmende Ersatzbeziehung damals; und vermutlich nicht ganz unschuldig an meiner überzeugten Meinung darüber, dass ich im Leben eh viel besser dran bin, wenn ich alleine bleibe. Alleine mit A., meiner unkomplizierten Langzeitaffäre.

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Als ich dann 2008 meinen heutigen Mann kennenlernte, war nochmal so ein Punkt, an dem ich vielleicht hätte einen Schlussstrich ziehen können unter meine (co-)abhängige Beziehung mit A. Während ich noch in der ersten Schmetterlingsverliebtheitsphase bezüglich des “Neuen” war, habe ich es vielleicht eineinhalb Mal auch halbherzig versucht. Das war dann eine der wenigen, maximal 4-tägigen alkoholfreien Phasen, die ich bis heute noch an den Fingern einer Hand abzählen kann. Aber A. war halt wirklich der perfekte Ex, der er erst 10 Jahre später endlich werden sollte. Er rief ständig an, schlug romantische Treffen alleine in meinem Kopf vor, malte Zukunftsvisionen von flotten Dreiern und einem rauschhaften Leben in Harmonie und Leichtigkeit. Damit hat er mich letztendlich immer wieder rumgekriegt. Ich habe mich weiterhin auf ihn und das damit verbundene heimliche Doppelleben eingelassen und gar nicht mitgekriegt, wie viel Raum er eigentlich in all meinen anderen Beziehungen einnahm – nicht nur, aber vor allem in der Liebesbeziehung zu meinem Mann. Mit was für einem mächtigen Nebenbuhler der es damals unwissentlich und unwillentlich hat aufnehmen müssen, wird mir heute erst nach und nach klar.

Und das Absurde ist außerdem: Ich dachte wirklich, A. wäre mein exklusiver Boyfriend, meine große Liebe. Dabei schmeißt er sich schamlos an jede*n ran, die/der ihn lässt. Hattest Du zufällig auch schon was mit ihm?


 

1 thought on “Der toxische Ex, den ich nie hatte”

  1. Perfekt. Das ist lyrisch auf ganz hohem Niveau. Bin ein Mensch der viel mit Metaphern arbeiten und Bilder mir helfen Dinge zu verstehen.
    Ganz großen Respekt vor der deutlichen und tiefgründigen Veranschaulichung.
    Mein dissoziales Selbstbild, hat im Alkohol leider auch die perfekte „Partnerin“gefunden.
    Ich durfte zum Glück vor einigen Jahren nüchtern werden und trauere dennoch regelmäßig dem „Dopamin“ hinterher. (#Liebeskummer)

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