Kommentare 0

Gefühle

Dies ist ein Gastbeitrag von Nadine

„Hey Nadine, wie geht es dir?“ Eine Standardfrage, die einem im alltäglichen Leben immer wieder begegnet. So auch mir und wie die meisten Menschen habe ich – und wenn ich ehrlich bin, mache ich es heute auch noch – mit „gut“ geantwortet. Noch bis vor ein paar Monaten bestand meine Gefühlswelt aus „gut“, „schlecht“ und „geht so“. Dabei sind weder „gut“ noch „schlecht“ und erst recht nicht „geht so“ wirkliche Gefühle. Wie vielen anderen Menschen, fiel es mir schwer Gefühle im Alltag wahrzunehmen und richtig zu benennen. Ich habe die Verbindung zu mir verloren. Es ist jetzt nicht so, dass ich nichts gefühlt hätte. Ich war erfreut, zufrieden oder motiviert. Ich war skeptisch, ungeduldig, eifersüchtig, hilflos, enttäuscht oder habe mich geschämt.  Ich habe all dies gefühlt, nur konnte ich nicht sagen, warum ich mich nun eigentlich so gefühlt habe. Welche Situation hat dieses Gefühl ausgelöst und was will mir dieses Gefühl genau sagen? Diese Fragen habe ich mir bis vor Kurzem nicht gestellt, geschweige denn, dass ich ihren Zusammenhang verstanden hätte.

Oftmals habe ich überhaupt keine bzw. wenn dann nur sehr wenige Gefühle gezeigt, da ich mir nicht in die Karten schauen lassen wollte. Ich habe eine Mauer um mich herum aufgebaut, um nicht verletzt zu werden. Dies ging sogar soweit, dass ich selbst Freude verborgen habe. Einige Freunde meinten scherzhaft, dass ich emotionslos sei und haben ihre Scherze darüber gemacht. Das hat mich immer sehr traurig gemacht, da tief in mir viel los war. Ich habe mir im Laufe meines Lebens jedoch die Schutzstrategie angeeignet, meine Gefühle nicht zu zeigen, um nicht verletzt und verurteilt zu werden.

(Photo Credits: Thought Catalog on unsplash.com)

Wie wir mit bestimmten Situationen umgehen, erlernen wir schon in unserer Kindheit. Wir eigenen uns negative Glaubenssätze und daraus resultierende Schutzstrategien an. Negative Glaubenssätze sind die Summe all jener Kindheitsprägungen, die wir durch unsere Eltern und andere Bezugspersonen erfahren haben. Insbesondere Kränkungen und Verletzungen die wir in der Kindheit erfahren haben, verankern sich tief in unserem Unterbewusstsein und hindern uns als Erwachsene daran, unser volles Potenzial zu entfalten.

Neulich konnte ich in einer Situation wieder sehen wie Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse zusammenspielen. Zudem habe ich gemerkt, wie sehr mich meine Kindheitserfahrungen noch heute prägen, und dies obwohl ich schon viel über mich herausgefunden habe und eigentlich dachte, gut reflektieren zu können. Aber manche Verhaltensweisen sind so trainiert und mache Trigger so mächtig, dass ich unbewusst wieder meine alte Strategie anwende.

Ich war in einer Situation, in der mich das Handeln von anderen Personen traurig und wütend gemacht hat. Ich hatte das starke Bedürfnis nach Zugehörigkeit, fühlte mich doch irgendwie ausgeschlossen. Anstatt „mein Problem“ anzusprechen, habe ich meine Gefühle runtergeschluckt und beiseitegeschoben. Dies hatte zur Folge, dass sich immer mehr Gewitterwolken über meinen Kopf zusammenzogen und sich meine Stimmung zunehmends verschlechterte.

Es war auch nicht so, dass ich mir nicht vorgenommen hätte, das Problem anzusprechen. Jedoch immer, wenn ich mir meine Worte zurechtgelegt hatte, kamen mir Zweifel. Bin ich einfach nur zu sensibel? Habe ich überhaupt das Recht gerade jetzt so zu fühlen? Sind meine Gefühle falsch? Stelle ich mich nicht einfach wieder so an? Ist das Ganze nicht mein Problem, da ich zu hohe Anforderungen habe?

(Photo Credits: Dylan Sauerwein on unsplash.com)

So vergingen ein paar Tage und ich habe weiterhin hollywoodreif vor mich hin katastrophiert. Immer wieder kamen die Gedanken in mir auf, dass ich etwas falsch machen würde, einfach nicht gut genug oder auch nicht sympathisch genug bin.

Das ging solange bis ein sehr guten Freund, dem ich mich anvertraut hatte, mich fragte, ob ich denn nicht sehen würde, wie viel Macht diese Situation über mich habe. Tja was soll ich sagen, er hatte Recht!

Ich habe mich in eine Opferrolle begeben, indem ich immer wieder die Situation im Kopf durchgespielt habe und sie mir von Mal zu Mal schlimmer vorkam. Ich habe meinen Anteil und meine Verantwortung in der Situation aus den Augen verloren. Wenn mich ein Handeln verletzt, kann ich verantwortungsvoll sein und meine Gefühle ansprechen. So erhalten alle beteiligten Personen die Möglichkeit sich zu erklären und Missverständnisse können aus dem Weg geräumt werden. Dies kann ich machen, egal ob mir mein Verstand gerade ins Ohr schreit, dass ich kein Recht dazu habe und ich mich gefälligst nicht so anstellen soll. Ich bin nicht meine Gedanken. Dies ist eine der wichtigsten Erkenntnisse, die ich im letzten Jahr erlangt habe. Ich habe das Recht dazu mich so anzustellen und ich habe das Recht dazu, meine Bedürfnisse zu kommunizieren. Wenn die Person mir gegenüber einem Problem damit hat, liegt dies in ihrem Verantwortungsbereich und nicht in meinem.

So habe ich am nächsten Morgen meinen Mut zusammengefasst und mein Problem angesprochen. Dies hat mich eine erhebliche Überwindung gekostet, da meine Selbstzweifel wieder aufkamen, aber ich habe meine Nachricht abgeschickt und siehe da, die Situation konnte geklärt und entschärft werden. Ich für meinen Teil fühle mich nun erleichtert und entspannt. Das Gespräch hat mir die Last von den Schultern genommen.

So einfach es klingt, seine Gefühle anzusprechen, so schwierig ist es dennoch. Wir sind alle Menschen, die mit den eigenen kleinen und großen inneren Monstern zu kämpfen haben. Diese Monster wollen uns kleinhalten. Aber die Stimmen der eigenen Monster zu ignorieren und über den Schatten zu springen lohnt sich, denn das Leben ist zu kurz, um zu katastrophisieren und sich damit den Tag zu versauen.

Schreibe eine Antwort