nüchtern betrachtet Sobriety

Der verflixte Mr. Fog

Kennst Du diesen dummen Witz von wegen, wer wohl der weltälteste Poet gewesen sein soll? Mein Onkel zitierte den damals leidenschaftlich, während der langen Nachmittage meines Schüler-Aushilfsjob-Daseins im Büro, wo er sonst auch mal gerne und lauthals Funny-von-Dannen-Songs schmetterte. Wie war das? Gib’s doch zu, du warst im Nana Mouskouri-Konzert …? Sorry, tut nichts zur Sache. Der älteste Poet der Welt ist nämlich eindeutig ein gewisser Herr Nebel. Das steht doch sogar schon in der Bibel: “Dichter Nebel lag über der Welt.”

Meine Bibelkenntnisse sind ansonsten eher beschränkt bis von Rebellion gegen elterliche Werte geprägt, aber den dichten Nebel, wenn er über meiner eigenen kleinen Welt lag, kenne ich dafür umso besser. Den “mental fog of addiction”1, wie ich letztens so treffend las – nennen wir ihn hier mal frei personalisierend und völlig unpoetisch Mr. Fog.

Der verflixte Mr. Fog.

Mr. Fog ist manchmal offensichtlicher, manchmal subtiler, aber irgendwie immer schon in meinem Leben gewesen. Bei seinem letzten Besuch hatte er sich als schwarzes Loch der Depression verkleidet. Das ist noch nicht mal so lange her, zu Beginn diesen Jahres (2021). Und manchmal verwechsle ich ihn immer noch mit der normalen Luft zum Atmen. Womit ich vermutlich nicht die einzige bin in einer pandemiegeplagten Welt wie der aktuellen, wo uns schon mal global gesehen die Sicht auf die Zukunft im Allgemeinen und die persönlichen Handlungsmöglichkeiten im Besonderen abhanden kommen können.

Da war die damals Sucht doch immerhin noch eine Konstante im Nebel. Erst Recht, da ich hier wohl der Ehrlichkeit halber eher von Mehrzahl und Süchten sprechen muss. Denn so wirklich alleine ließen die mich nie. Mrs. Bulimia, Mr. Boozer, Madame O’CeDee … in ihrer destruktiven Monotonie und penetranten Zuverlässigkeit, waren sie wenigstens sowas wie vorhersehbar. Auf ihre Gesellschaft konnte ich mich immer verlassen. Wenn ich mich mal wieder überfordert fühlte von der scheißhellen Sonne da draußen, von all den fucking happy People, konnte ich wenigstens später, alleine beim abendlichen Trinken und/oder beim fröhlichen Frönen meiner Zwänge und Essstörungen, meinen sicheren Zugang zum bekannten, dunklen Tunnelblick finden. Das wortwörtliche Blackout als dysfunktionaler Ausweg aus … tja, woraus eigentlich nochmal genau? Aus allem.

Tschüss, Welt, du kannst mich mal.

Deswegen war für mich auch nie so wirklich der Rausch das Endziel. Der Rausch war nur wie das notwendige Übel, das neblig Unkontrollierbare, bevor mein Hirn den gefühlt erlösenden Aus-Schalter umlegte. Aber da ich mich ja trotz meines Suchterhaltungsstresses (oder gerade deswegen?!) vor allem als überfunktionierender Teil der gängigen Leistungsgesellschaft beweisen musste, habe ich mich halt zur Tarnung hauptsächlich im benebelten Graubereich aufgehalten. Im “besten” Fall bis mittags noch nicht richtig wach, weil körperlich noch mit dem Kater von letzter Nacht beschäftigt, ab spätestens 17 Uhr zumindest gedanklich wieder mit dem nächstmöglichen Absturz beschäftigt. So kriegte ich gut und gerne 20 Jahre rum – und wunderte mich hinterher, warum ich mich emotional auf der Entwicklungsstufe einer 12-Jährigen stehen geblieben fühlte … als ich denn dann endlich nüchtern und klar, aber verwirrt und geblendet ins Sonnenlicht tappte.

Als ich mich sogar an Sonnenaufgänge gewöhnen musste …

Woher diese meine Angst vor dem Licht und dem Leben und der Leichtigkeit “da draußen” ursprünglich kam, habe ich noch nicht abschließend ergründen können. Vielleicht tut es auch – wie so viele dieser Warums – erstmal nichts zur Sache dafür, dass ich einfach trotzdem losgegangen bin (und immer noch jeden Tag dafür losgehe). Wobei das “einfach” hier niemals leicht ist. Aber das Beste dabei: Auf diesem Weg jenseits des Nebels sind wir nicht mehr alleine. Vielleicht bist DU zum Beispiel ja auch irgendwo da draußen? Oder noch irgendwo in Deinem eigenen Nebel dort drinnen und hast Lust, raus in die Sonne zu kommen?

Ich weiß (und ich verkneife mir hier ein „leider“) viel zu gut, wie es ist, da drinnen. Denn nur um doch noch einmal Funny von Dannen zu zitieren (von dem ich sonst, ehrlich gesagt, bis auf die Schilddrüsenunterfunktion keinen weiteren Song abseits der wagen Interpretationen besagten Büroonkels kenne) – ich war auch da und du hast geweint.

Wo Sonne durch den Nebel dringt, dürfen Tränen wieder trocknen.

Ist es aber nicht auch faszinierend, wie schnell sich so ein abgestumpft-, da permanent abgefülltes Gehirn an das helle Sonnenlicht draußen gewöhnt? Ich zögere bei solchen Sätzen immer, etwas wie “wieder gewöhnt” zu schreiben … Kennst Du das, wenn sich an einen Ort zurückzukommen so anfühlt, als wärst Du noch nie dagewesen? Weil Du selbst jetzt eine gefühlt komplett andere Person bist? Genauso geht es mir manchmal mit dieser nüchternen Seite der Nebelwand: Selbst wenn ich nie bewusst und willentlich dorthinein verschwunden war – das Kind von damals ist halt doch, zumindest körperlich, erwachsen geworden; und muss jetzt sehen, wie sie in dieser Welt klar kommt, wo hinzukommen sie sich nicht mehr erinnern kann.

Ich habe gelesen, dass aktuelle Studien besagen, dass wir uns kollektiv über das vergangene Jahr in Lockdown und sozialer Isolation wie in einem kollektiven mentalen Nebel befunden haben. So ein undurchdringlich erscheinender Waberzustand, in dem das Alltägliche plötzlich zur Zusatzbelastung wird, und in dem außer für Überleben wenig Kraft oder Raum für Kreativität und Zukunftsvisionen blieb. Vielleicht kam mir diese unterschwellig dauergruselige Pandemie-Stimmung deshalb so hinterhältig bekannt vor aus meinen innersten Nebeltagen.

Nichtsdestotrotz: Die Kehrseite von Nebel bleibt Leben.
Wirklich. Probier’s mal aus! Manche Dinge ergeben halt tatsächlich erst einen Sinn, wenn man sie rückwärts betrachtet.


1 Quelle: Rosen, Tommy: Recovery 2.0. Hay House Inc., 2014. S. xi (Vorwort von Dr. Gabor Maté).
Photo Credits: Lena Schroeter

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