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unplug yourself

Almost everything will work again
if you unplug it for a few minutes,
including you.

hast Du vielleicht schon mal als Zitat von Anne Lamott gehört.

In meiner freien Übersetzung würde ich sogar noch einen Schritt weiter gehen: So gut wie alles funktioniert wieder besser, wenn Du es mal für ein paar Minuten vom Strom nimmst; inklusive Du selbst. Selbst wenn Du diesen Mechanismus nicht kennst. Erst recht, wenn Dir die Kraft fehlt, selbst den Stecker zu ziehen.

In der vergangenen Woche fühlte ich mich erschreckend intensiv in die allererste Zeit meiner Nüchternheit zurückversetzt. Das hat mich verwirrt, wütend und ängstlich gemacht. Schließlich sollten fast drei Jahre doch nun mal echt langsam lange genug her sein, dass mich halb geleerte Schnapsflaschen zwischen den recyclingfähigen Überresten der vorbeiziehenden Vatertagsausflügler nicht mehr irritieren sollten, oder? Verdammte Axt.

Und warum meldet sich plötzlich auch die Bulimie wieder bei mir, deren Stimme ich fast schon vergessen hatte? Nur weil der Mann auf Fahrradtour geht und sie mich bei der Aussicht auf eine Woche “sturmfrei” zu ihrer heimtückischen Dysfunktionalitätsparty einladen möchte? Kann ja wohl nicht sein.

Oder doch?

Photo Credits: unsplash

Wie war das mit der permanenten Warnung meiner Nüchternheitscoachin? (Sachdienliche Hinweise auf einen schöneren deutschen Begriff für “sober coach” nehme ich jederzeit gerne an!) Denn zum Glück ist mittlerweile auch diese andere, diese selbstfürsorgliche Stimme deutlich im Gebrüll der Suchttrigger zu hören: “Pass auf Dich auf! Du weißt, du kannst es dir nicht leisten, deine Bedürfnisse zu ignorieren und dich künstlich in einem adrenalingepeitschten Dauer-Alert-Zustand zu halten. Hinterher aus lauter Überforderung und als Kurzschlussreaktion zu trinken, ist einfach keine Option mehr.”
Stimmt. Ist es nicht. Aber wo kriege ich dann jetzt mal schnell den Aus-Knopf her?

Ich glaube mittlerweile nicht mehr an den Aus-Knopf. Sorry, falls ich Dich jetzt enttäuschen muss. Ich weiß wie hart diese Erkenntnis sein kann, wenn Du wie ich den Alkohol auch hauptsächlich dazu benutzt hast, Dich zu betäuben, den Lärm im eigenen Kopf wenigstens kurzzeitig zur Ruhe zu bringen, nur um gerade wieder genug Luft zu kriegen, um (gefühlt) klar zu denken. Was schon ein gewisses Maß an Absurdität bedeutet, dazu ausgerechnet eine benebelnde Substanz „zur Hilfe” zu nehmen, aber davon mal abgesehen … Es gibt in der Welt der Nüchternheit nicht mehr die eine Lösung. Vielleicht / hoffentlich lernen wir mit der Zeit Mittel und Wege, um zur Ruhe zu kommen, ohne uns komplett wegballern zu müssen. Wenn Du Glück hast, findest Du Dein “go to”-Tool, dass Dich erdet und schnell in einen eher gefühlsneutralen Zustand bringt, sobald Du Dich emotional überfordert fühlst.

Photo Credits: Lena Schroeter

Für mich war das immer das Spazierengehen. Bewegung an der frischen Luft. Laufen. Also, nicht joggen, bloß nicht! Langweilig einen Fuß vor den anderen zu setzen, und dabei vor allem eins – nämlich nichts anderes! – tun müssen. Meine zwei bis drei Stunden morgens zwischen sechs und zehn Uhr, nur mit mir selbst hier bei uns um die Ecke am Elbdeich, waren mir immer heilig. Sie haben mich wortwörtlich in die Nüchternheit getragen und darüber hinaus … wenn mein Körper in Bewegung ist, darf mein Verstand entspannen. Ich hab mal gehört, dass das Gehen irgendwie den inneren Zensor im Kopf ausschaltet (also doch so eine Art Aus-Knopf?), und selbst wenn ich das gerade nicht mal googlen möchte, damit mich die rationale Beweisbarkeit gar nicht erst einholen kann, bin ich der festen Überzeugung, dass da was Wahres dran sein muss.

Wenn ich mir meine letzte(n) Woche(n) gerade noch mal vor Augen führe, habe ich mich immer mehr und in einem unscheinbar schleichenden Prozess von dieser ursprünglichen Zweckferne meiner Morgenspaziergänge wegbewegt. Da mal noch eben eine E-Mail beantwortet, dort mal noch kurz was recherchiert, doch noch die Freundin zurückgerufen, “mal eben schnell” noch was erledigt. Spätestens als ich der Meinung wurde, ich müsste unterwegs den Klingelton meines Handys anlassen, damit ich auch ja mitbekomme, wenn eine neue Nachricht reinkommt, hätte mich das misstrauisch machen müssen. Bin ich zuvor denn nicht rausgegangen, um eben zur Abwechslung mal NICHT erreichbar zu sein? Und dann wundere ich mich noch ernsthaft, wenn ich mich gefühlt “auf einmal” und plötzlich in einem unausgeglichen, angespannt, fast schon bockig-defensiven Rechtfertigungsmodus und in permanenter Alarmbereitschaft wiederfinde? Wenn ich ängstlich nervös zusammenzucke, sobald ich das “Ping” im Ohrstöpsel wahrnehme, aus dem eigentlich nur maximal inspirierendes Podcast-Geblubber zu hören sein sollte? Echt jetzt?

Ja, ich hab mich wirklich ernsthaft gewundert. Ich hab’s mal wieder nicht kapiert. Hatte mich schön in meinen eigenen Hamsterrad-Konstrukten festgefahren. Da hilft auch all die schöne Selbstreflexionsarbeit offensichtlich nix, wenn man sich ich mir mein selbst auferlegtes & aufgeregtes Gerenne in die dysfunktionalen und (wie ich zumindest gedacht hatte) alten Verhaltensmuster nicht anschauen will.
Und da saß ich nun, sprichwörtlich in meinem eigenen Sumpf, der eigentlich eine schöne Frühlingswiese hätte sein können; wo mir allerdings sogar die verdammt gut gelaunte Sonne gehörig auf den überreizten Geist ging.

Photo Credits: unsplash

Bis vor vier Stunden. Seit heute früh um ca. acht Uhr stellt sich mein Telefon tot. Hat einfach so und ohne Vorwarnung, von jetzt auf gleich seine Kommunikation mit sämtlichen Apps eingestellt. Keine E-Mails, kein WhatsApp, keine Notizen, um auch ja nichts pseudo-Wichtiges zu vergessen … nicht mal mehr die gegangenen Kilometer wurden aufgezeichnet. Nur die Podcast-App lief noch im Hintergrund und erzählte mir was von Traumaarbeit bei Sucht, von emotionalem Essen und von Parentisierung. Fuck.

You were waiting for a sign, Lena? Here it is:

Photo Credits: unsplash

Das meinte ich damit, von außen den Stecker gezogen zu bekommen. Und natürlich fand ich es zunächst mega scheiße, so ausgebremst zu sein. Aber weißt Du was? Vielleicht sind diese Art von Bremsen ja eigentlich unsere Freunde. Vielleicht werden wir uns nie vollständig vor uns selbst schützen können. Vielleicht müssen wir uns nicht auch noch damit unter Druck setzen, perfekt selbstoptimierungsstreberhaft alle subtilen Hinweise bereits im Vorhinein korrektenst deuten zu wollen. Vielleicht dürfen wir wirklich einfach entspannen und loslassen. Und vor allem offen bleiben für die Zeichen, wenn wir sie dann geschenkt / geschickt bekommen. Vielleicht muss sich das alles gar nicht so schwer anfühlen.

1 Kommentar

  1. Marion Allerdisse

    Liebe Lena, vielen Dank für Deinen schönen Blogbeitrag. Du gibst mir damit viel Kraft im Moment, endlich auf einen besseren Weg zu kommen, u.a. auch die Podcastfolge #50 (war unglaublich berührend), da ist ja immer sehr individuell – ich weiß –
    Danke! Bleib so stark und mutig, g.L.G Marion

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